Der Schachweltmeister, der sich in die Klinik spielte

Wilhelm Steinitz kürt sich am 29. März 1886 zum ersten Schachweltmeister der Geschichte. Acht Jahre hält der Österreicher den Titel, ehe er entthront und später verrückt wird.

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Die Schachfiguren in Ausgangsposition auf dem Brett

Die Schachfiguren in Ausgangsposition auf dem Brett

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER
(sda)

Es tut schon nur weh, als Fan den Abstieg seines Idols aus der Ferne zu verfolgen. Wenn mühelose Bewegungsabläufe zu roboterhaften Abläufen werden und leichte Aufgaben zu unüberwindbaren Hürden, gerät unser Bild vom vermeintlich unverwundbaren Helden in Schieflage. Schmerzhaft sind diese Phasen aber nicht in erster Linie für den Betrachter, sondern den Betroffenen selbst, wie die Geschichte von Wilhelm Steinitz belegt.

1836 in Prag geboren, machte sich der Sohn eines Schneiders daran, den Schachsport zu revolutionieren, indem er ihn als einer der Ersten von einer wissenschaftlich, analytischen Perspektive betrachtete. Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte Steinitz vor 134 Jahren in New Orleans, als er sich dank dem zehnten Sieg im Zweikampf mit Johannes Zukertort zum ersten anerkannten Schachweltmeister kürte. Zukertort und Steinitz hatten sich vor dem Duell, das am 11. Januar seinen Anfang nahm, als Weltmeister betrachtet.

Die Öffentlichkeit hatte den Schlagabtausch der beiden Schachgiganten der 1880er-Jahre bereits länger erwartet, Zukertorts Gesundheit und Steinitz' Sturheit was den Spielort betraf, liessen ein früheres Treffen aber nicht zu. Obschon Steinitz seine Fähigkeiten am Schachbrett zu einem grossen Teil seiner Zeit in England verdankte, gab er sich nach seiner Auswanderung in die USA 1882 den Briten gegenüber unversöhnlich. Zu wenig hatten sie sich in England für den defensiven Spielstil des Österreichers begeistert.

Statt Liebe und Zuwendung für die Erfolge erhielt Steinitz in England Hass und Neid, wurde Opfer der Medien und antisemitischer Kommentare. «Lieber in den USA sterben, als in England leben», soll er später über seine einstige Wahlheimat gesagt haben. Die Briten, wie viele Experten und Fans zu dieser Zeit, hielten es lieber mit Zukertort, der bei seinem Erfolg beim grossen Londoner Turnier 1883 Steinitz hinter sich gelassen hatte.

Der erste offizielle WM-Titelkampf im Schach wird dann allerdings geprägt von Debatten über Zukertorts Gesundheitszustand. Trotz Abraten seines Arztes tritt der ehemalige Medizinstudent die Reise nach Übersee an. Nachdem ihm der Einstieg in den Zweikampf nach Wunsch glückt, er mit einer Führung von 4:1 Siegen von New York an den zweiten Spielort St. Louis weiterreist, baut Zukertort ebenso schnell ab - physisch und psychisch.

Das Reisen, so wird er es später sagen, sei ihm nicht entgegen gekommen. Die entscheidende Partie am 29. März gewinnt Steinitz in New Orleans gegen einen bereits sichtlich gezeichneten Gegner in einer Stunde. Jahre später machen Gerüchte die Runde, Zukertort könnte während seines Aufenthaltes einen leichten Schlaganfall erlitten haben. An einem solchen stirbt er zwei Jahre nach der Niederlage im Alter von 45 Jahren.

Bei Steinitz, über den Zukertort sagte, er sei «ein Querulant, der aus allen Klubs in England hinausgeworfen wurde», dauert der Abstieg länger. Acht Jahre hält er sich an der Spitze der Schachwelt. Bis ihm der 25-jährige Deutsche Emanuel Lasker den Titel abnimmt, was Steinitz erst nach der ebenfalls verlorenen Revanche drei Jahre später anerkennt. Kurze Zeit später verfällt er in einen Wahn, glaubt, er könne per Gedankenübertragung Ferngespräche führen und Schachfiguren bewegen.

«Die meisten berühmten Schachmeister und Autoren haben ein sehr hohes Alter erreicht und ihre geistige Fähigkeiten in einigen Fällen uneingeschränkt bis an ihr Lebensende erhalten», schrieb Steinitz in seinem 1889 veröffentlichten Buch «The Modern Chess Instructor». Seinen Lebensabend verbrachte Steinitz - eine der prägendsten Figuren seines Sports - in einer Nervenheilanstalt in Moskau und einem Irrenhaus in New York, wo er 1900 verstarb.