Fall Itten/Daprelà: Die bösen Buben mit den langen Sperren

 Sechs Spiele muss Fabio Daprelà vom FC Lugano für sein Foul am St.Galler Cedric Itten aussetzen. Der Tessiner Verteidiger kommt damit wesentlich glimpflicher davon als andere Spitzenfussballer, die für ihre Vergehen teils ein Jahr aus dem Verkehr gezogen wurden.

Daniel Walt
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Es war eine der übelsten Szenen auf Schweizer Fussballplätzen seit langem. Ohne Rücksicht auf Verluste streckte Lugano-Verteidiger Fabio Daprelà vor etwas mehr als einer Woche den St.Galler Cedric Itten im Kybunpark nieder. Espen-Angreifer Itten zog sich bei der Attacke einen Kreuzbandriss zu – er fällt für mindestens ein halbes Jahr aus.

Nun hat die Disziplinarkommission der Swiss Football League ihr Urteil gefällt: Daprelà wird für sechs Spiele aus dem Verkehr gezogen – zwei Sperren hat der Verteidiger der Tessiner bereits abgesessen.

Immer wieder fehlen Fussballer ihren Teams nach brutalen Fouls oder sonstigen Ausrastern für lange Zeit. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Daprelà, seit längerem nicht als Kind von Traurigkeit bekannt, in einer Reihe mit prominenten Namen steht.

Er beisst und beleidigt: Luis Suarez

  • Der ungekrönte König der Langzeit-Gesperrten heisst Luis Suarez. Er fehlte seinen jeweiligen Clubs schon mehrfach monatelang wegen Sperren. Sieben Spiele verpasste Suarez beispielsweise in der Saison 2010/2011 bei Ajax Amsterdam, nachdem er einen Gegenspieler in die Schulter gebissen hatte.

    Was der Uruguayer daraus lernte? Nichts. 2013 wurde er für zehn Spiele aus dem Verkehr gezogen. Der Grund: Der damalige Liverpool-Angreifer hatte einen Gegenspieler von Chelsea in den Unterarm gebissen.

    2014 bei der WM in Brasilien biss Suarez dann auch im Nationalteam zu. Dafür, dass er seine Zähne in die Schulter von Italiens Giorgio Chiellini rammte, kassierte Suarez neun Sperren. 

Notiz am Rande: Nicht nur mit den Zähnen, auch mit der Zunge beging Suarez schon Fouls der ganz üblen Art. 2011 beleidigte er Patrice Evra von Manchester United rassistisch. Die Konsequenz: acht Spiele Sperre.

Kung-Fu-Cantona attackiert Zuschauer

  • Er war das Enfant terrible des französischen Fussballs: Eric Cantona. Im Januar 1995 ging der Offensivspieler von Manchester United im Kung-Fu-Stil auf einen Zuschauer los, der ihn beleidigt hatte. Er wurde in der Folge weltweit für acht Monate gesperrt; einer zweiwöchigen Gefängnisstrafe entging der Franzose nur knapp. In einem Interview zwei Jahrzehnte später gab sich Cantona komplett uneinsichtig. Er gab zu Protokoll, er bereue nicht die Tat, sondern etwas anderes: 
«Ich habe ihn nicht hart genug getreten. Ich hätte ihn härter treten sollen.»

Goalie-Grätscher Guerrero

  • In seiner Zeit beim Hamburger SV machte der Peruaner Paolo Guerrero weniger mit sportlichen Leistungen als vielmehr mit Ausrastern auf sich aufmerksam. Im Frühling 2012 beispielsweise fuhr Guerrero dem Stuttgarter Torhüter Sven Ulreich an der Cornerfahne von hinten in die Beine. Die Liga sperrte Guerrero daraufhin für acht Spiele.
  • Bereits zwei Jahre zuvor war Guerrero im HSV-Trikot ausgeflippt. Er warf eine Plastikflasche auf einen pöbelnden Zuschauer. Dafür kassierte der Peruaner fünf Spielsperren.

Dortmunder bedroht Linienrichter

  • Im Jahr 1989 knöpfte sich Dortmund-Verteidiger Michael Schulz nach einer Niederlage den Linienrichter vor: «Man sollte dir in die Fresse hauen, du blinde Nuss!», warf Schulz dem Mann an den Kopf. Die Folge: acht Spiele Pause.

Schiri-Treter Konietzka

Haudegen der alten Schule: Timo Konietzka (links). (Bild: Keystone)

Haudegen der alten Schule: Timo Konietzka (links). (Bild: Keystone)

  • Die bis heute zweitlängste Sperre in der deutschen Bundesliga geht auf das Konto von Timo Konietzka. Der Deutsche, im Herbst seiner Spielerkarriere bei Winterthur und dem FC Zürich tätig und später unter anderem Trainer beim FCZ, YB und GC, rastete im Jahr 1966 aus. Im Spiel 1860 München – Dortmund griff Konietzka den Spielleiter an, der ein irreguläres Tor für Dortmund gegeben hatte. Konietzka soll den Schiedsrichter gestossen, ihm einen Tritt gegen das Schienbein versetzt und ihm die Pfeife weggeschlagen haben. Konietzka, der alles abstritt, wurde daraufhin für ein halbes Jahr aus dem Verkehr gezogen. 

    Um ein paar Wochen länger fiel die Sperre von Lewan Kobiaschwili aus. Der Georgier von Hertha Berlin schlug nach dem Bundesliga-Relegationsrückspiel gegen Fortuna Düsseldorf auf den Schiedsrichter ein. Er wurde am 4. Juni 2012 zu einer Sperre bis zum 31. Dezember 2012 verurteilt.

Alex Germann und der Fall Klötzli

  • Eine der längsten Sperren, die jemals im Schweizer Spitzenfussball ausgesprochen wurde, betrifft Alex Germann. Ex-Espe Germann, zum Zeitpunkt des Vorfalls in Diensten von Wettingen, griff im Herbst 1989 im Sittener Tourbillon Schiedsrichter Bruno Klötzli an. Dieser hatte abgepfiffen, als der Ball nach einem Wettinger Abschlussversuch noch in der Luft und auf dem Weg ins Tor gewesen war. Statt in extremis auszugleichen, verloren die Wettinger wegen des Schiedsrichterpfiffs mit 0:1. Unmittelbar danach setzte eine Treibjagd der Gästespieler auf den Mann in Schwarz ein – an vorderster Front mit dabei war Alex Germann. Er wurde nach dem Skandal für ein Jahr gesperrt, einige seiner Teamkollegen erhielten leicht tiefere Sperren.
Die Schande von Sion: Die Flucht von Schiedsrichter Bruno Klötzli vor Spielern des FC Wettingen im Tourbillon. (Bild: Keystone)

Die Schande von Sion: Die Flucht von Schiedsrichter Bruno Klötzli vor Spielern des FC Wettingen im Tourbillon. (Bild: Keystone)

Blauer Brief nach Chapuisat-Foul an Favre

  • Der Vater ein regelrechtes Raubein, der Sohn eher der filigrane Techniker: Gabet Chapuisat, Vater von Stéphane, war als knüppelharter Verteidiger schon vor dem 13. September 1985 bekannt. An jenem Abend beging er eins der schlimmsten Fouls, das jemals auf Schweizer Fussballplätzen passierte. Der Vevey-Akteur attackierte ohne Rücksicht auf Verluste Servette-Spielmacher Lucien Favre und verletzte ihn schwer am Knie. Der Schiedsrichter übersah das Foul – eine Parallele zum Fall Itten – Daprelà. Vevey entliess Chapuisat in der Folge, Favre zog gegen ihn vor Gericht und erhielt Recht. Chapuisat erhielt eine Busse von 5000 Franken aufgebrummt.

Sechs Sperren für brutales Foul an Yapi

  • Nach Fabio Daprelàs Foul an Cedric Itten wurden immer wieder Parallelen zur Attacke von Sandro Wieser gegen Gilles Yapi gezogen. Aarau-Spieler Wieser hatte FCZ-Regisseur Yapi im Dezember 2014 das rechte Knie zertrümmert:

Für seinen üblen Angriff erhielt Sandro Wieser eine Sperre von sechs Spielen aufgebrummt. Zusätzlich reichte der FCZ in Absprache mit Yapi Anzeige wegen schwerer Körperverletzung ein. In erster Instanz wurde Wieser prompt zu einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen und einer Busse von 10'000 Franken verurteilt. Wieser rekurrierte gegen den Entscheid, worauf der FCZ die Anzeige zurückzog. Gegenüber dem «Blick» sagte FCZ-Präsident Ancillo Canepa damals:

«Unser Ziel haben wir erreicht: Es gibt einen erstinstanzlichen Gerichtsentscheid, der bestätigt, dass auch ein Fussballplatz keinen rechtsfreien Raum darstellt. Ich bin sicher, dass dieser Entscheid auch eine Präventivwirkung hat und wir solche rücksichtslosen Fouls in der Schweiz nicht mehr sehen werden.»

FCZ-Präsident Canepa sollte sich getäuscht haben...

Lange Sperren im Breitensport und im Hockey

Nicht nur im Spitzenfussball, auch im Amateurbereich kommt es nach Vorfällen immer wieder zu langen Sperren. In Deutschland beispielsweise machte vor einem Jahr der Fall eines Spielers Schlagzeilen, der für zweieinhalb Jahre vom Spielbetrieb ausgeschlossen wurde. Er war als Hauptschuldiger für den brutalen Angriff auf einen Schiedsrichter in Wilhelmsburg ausgemacht worden, der getreten und geschlagen worden war, bis er Blut spuckte. 

Lange Sperren gibt es immer wieder auch im Eishockey zu vermelden. So kann es in der nordamerikanischen Profiliga NHL durchaus zehn oder mehr Spiele Sperre für krasse Vergehen absetzen. Geschichte schrieb im Jahr 1927 Billy Coutu: Der Spieler der Boston Bruins griff in einer Partie den Schiedsrichter an. Gegen ihn wurde in der Folge eine lebenslange Sperre für die NHL ausgesprochen – bis zum heutigen Tag die erste und einzige ihrer Art. (dwa)