Dortmunds Keeper Roman Bürki vor dem Bundesliga-Comeback

Unmittelbar vor dem Neustart der Bundesliga spricht Roman Bürki über die möglichen Folgen des achtwöchigen Corona-Stillstands.

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Roman Bürki kann die Skepsis nachvollziehen

Roman Bürki kann die Skepsis nachvollziehen

KEYSTONE/EPA/MORITZ MUELLER
(sda)

Der Keeper von Borussia Dortmund versteht die derzeit kritische Haltung gegenüber der Fussball-Branche.

Im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erklärt der 29-Jährige, warum etwas Demut allen gut anstehen würde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte die Ampel auf Grün. Wie fühlt sich das Ende der wochenlangen Spekulationen an? Wie war es zu erfahren, dass ab sofort wieder konkrete Ziele und Zahlen entscheidend sind?

«Wir trainierten ja weiterhin, in sehr kleinen Gruppen, aber lange eben ohne klaren Tag X. Niemand wusste so genau, wie, wann und ob es überhaupt weitergeht. Die konkrete Zielsetzung fehlte - das ist immer schwierig, darunter leidet alles. Seit dem positiven Entscheid im politischen Sektor nahm die Intensität der Trainingseinheiten sofort wieder zu. Jeder legte wieder um ein paar Prozente zu.“

Wie hat die Mannschaft das Signal aus Berlin aufgenommen?

«Für die Klubs ist es gut, wieder aktiv werden zu dürfen, für die Spieler ebenfalls. Auf der anderen Seite ist es natürlich schade, dass unsere Fans nicht ins Stadion dürfen. Es ist ein komisches Gefühl. Man weiss nicht so richtig, in welcher Verfassung man selbst ist, wie der Gegner in Form ist - irgendwie fühlt sich alles wie ein Neustart an.“

Führende Bundesliga-Exponenten sprechen von einem Notbetrieb. Wie nehmen Sie die erheblichen Einschränkungen rund um den Fussball-Tross wahr?

«Die Liga hat die Regeln definiert. Die Liste der Massnahmen ist sehr, sehr lang. In den internen Tests spürte ich keinen grossen Unterschied zu früher. Auf dem Rasen ist es möglich, die Probleme für eine gewisse Zeit auszublenden.“

Corona riss den BVB aus einer sehr guten Phase mit sieben Siegen in acht Runden. Nun geht es von 0 auf 100 - das Comeback nach über acht Wochen Pause beginnt mit dem Derby gegen Schalke.

«Der Stillstand kam für uns natürlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Wir hatten eine Siegesserie und gleichzeitig das Out in der Champions League im leeren Pariser Stadion zu verdauen. Generell rechne ich in den kommenden Wochen mit speziellen Ergebnissen in der Liga. Vieles wird zunächst eine Sache des Willens sein, spielerisch darf man nicht zu hohe Erwartungen haben; acht Wochen ohne Ernstkampf, das steckt niemand einfach so weg.“

Welche Spuren hinterlässt die Virus-Krise? Das Herdentier Fussballer musste vorwiegend solo oder in ganz kleinen Gruppen trainieren.

«Mein Vorteil war, dass ich als Torhüter schon vor dem Ausbruch von Corona oft separat trainierte. Was mir fehlt, sind die Wettkämpfe, das Spiel elf gegen elf. Die Spieldetails, die schnellen Aktionen – Dinge eben, die für das Stellungsspiel eines Goalies wichtig sind. Das kann man nicht simulieren.“

Wird jene Mannschaft sich am Ende durchsetzen, die alle Einflüsse abstreifen und die veränderten Rahmenbedingungen am schnellsten adaptiert?

«Wir haben im Team darüber diskutiert und kamen zur Erkenntnis: Hey, wir haben alle mal so begonnen. Als Kinder spielten wir vor fünf Zuschauern. Es geht wie damals um den Spass, darum, die Leidenschaft abzurufen. Vielleicht sollte man sich die Ursprünge wieder etwas vor Augen halten. Wir müssen mit der Situation einfach so gut es geht umgehen.“

Die Show geht weiter. Geht sie gleich weiter? Oder rollen gewaltige Probleme auf den Fussball zu?

«Das Image des Fussballs ist angekratzt, keine Frage. Es gibt nicht wenige Leute, denen der vermeintliche Status der Profi-Fussballer missfällt. Die Debatten drehen sich oft um die gleichen Themen: Die überbezahlten Spieler, und wieso dürfen ausgerechnet die bereits wieder spielen? Die haben doch genug Geld. Angesichts der angespannten Lage kommen alle diese Punkte wieder zur Sprache. Akteure, die mit ihrem Reichtum protzten - es waren zwar immer nur einige wenige, doch solche Exzesse lösten jetzt einen Boomerang-Effekt aus.“

Hat der Fussball ein Problem mit seiner Kreditwürdigkeit?

«Ich habe Umfragen gesehen, wonach schon noch deutliche Mehrheiten glücklich seien, dass wir die Meisterschaft fortsetzen. Die Akzeptanz bei der breiten Bevölkerung ist gefühlt dennoch markant gesunken. Daran ist sicherlich nicht nur das Virus schuld. Aber letztlich wollen wir alle unseren Beruf wieder ausüben - so wie das andere Branchenvertreter auch tun wollen. Und wir sind sachlich betrachtet ja nun wirklich nicht die Ersten, die in Deutschland starten. Das haben auch die Politiker immer wieder betont.“

Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb die Aussenwahrnehmung der Bundesliga so kritisch ausfällt? Zur Sprache kommen immer wieder die hohen Löhne.

«Es geht im Endeffekt darum, wie man damit umgeht, wenn man viel Geld verdient. Ich lebe zurückhaltend. Ich muss nicht alles zeigen, was ich habe. Es geht um die Relationen. Es tut gut, sich die Realität vor Augen zu halten - wie es für jemanden ist, um 8 Uhr morgens auf der Baustelle zu stehen und sich Woche für Woche plagen zu müssen, um die Familie zu ernähren. Demgegenüber stehen teilweise Fussballer mit überschaubaren Präsenzzeiten, die mit dem Privatflugzeug herumjetten und den ganzen Prunk - in bedauernswerten Einzelfällen - auf Social-Media-Kanälen zur Schau stellen.“

Sie können das schiefe Bild also nachvollziehen?

«Wie gesagt, ich bitte darum, nicht alle Fussballer über einen Kamm zu scheren. Dass man im Zusammenhang mit den von mir geschilderten Beispielen zu einem kritischen Urteil kommen kann, verstehe ich. Unsere Branche muss sich deshalb Skepsis gefallen lassen. Und jetzt kommt gerade viel zusammen. Wir sind privilegiert, wir geniessen einen speziellen Status. Die Fans hingegen dürfen nicht in die Stadien gehen. Teile von ihnen unterstützen den gewählten Weg nicht, andere schon. Es geht jetzt aber um das Überleben der Klubs, somit verstehe ich, dass dieser Weg gewählt werden musste.“

Der Liga-Chef Christian Seifert spricht davon, wonach der Fussball auf Bewährung spiele und an jedem Wochenende den Beweis erbringen müsse, eine nächste Chance zu erhalten.

«Das ist so! Es ist aber gut, dass wir diese Chance erhalten. In Dortmund hält sich aus meiner Sicht und Stand jetzt jeder vorbildlich an die Regeln. Kein gemeinsames Duschen, keine Handshakes, Mundschutz im Kraftraum, kein gemeinsames Essen - die Disziplin ist sehr gut. Aber klar, es hängt letztlich von jedem Einzelnen und vom jeweiligen Klub ab, wie er mit dieser Chance umgeht.“

Sie stehen nun allesamt unter internationaler Beobachtung.

«Wir sind die erste grosse Liga, die wieder öffnet. Der Fokus ist auf Deutschland gerichtet. Es werden viel mehr TV-Zuschauer unsere Partien verfolgen - im Rampenlicht wird aber auch jede Nuance wahrgenommen. Es liegt an uns, dieser Vorbildrolle zu 100 Prozent gerecht zu werden.“

Ihr inzwischen bald fünfjähriges Engagement beim BVB verlief nie stromlinienförmig. Sie haben nahezu alles erlebt als Nummer 1 Dortmunds. Lob, massive Kritik, ein Anschlag auf den Teambus, nun der Virus-Lockdown - das volle Programm.

«In der Tat. Ich beanspruchte etwas mehr Zeit, um die Mechanismen inner- und ausserhalb von Dortmund zu begreifen. Ich musste lernen, mit dem Dauerdruck umzugehen und meinen Ehrgeiz zu zügeln.“

Wie äussert sich das?

«Während meiner Anfangszeit wollte ich jedem partout beweisen, was ich kann. Manchmal habe ich es mit meinem Streben nach Perfektionismus übertrieben und erreichte das Gegenteil. Inzwischen löse ich alles mit mehr Souveränität, mit mehr Gelassenheit. Ich bin an einem Punkt angelangt, an welchem ich mich nur noch um den Fussball kümmern kann. Den Nachweis, der richtige Mann zwischen den Pfosten zu sein in Dortmund, habe ich hoffentlich erbracht - die Basis für eine weiterhin gemeinsame Zukunft ist da.“

Das klingt nach zeitnaher Vertragsverlängerung.

«Beide Parteien haben ein Interesse daran, zusammen fortzufahren. Angesichts der Corona-Problematik ist aber kein Aktionismus angezeigt. Ich meinerseits will den Klub keineswegs unter Druck setzen. Wir warten, bis sich die Situation einigermassen beruhigt hat und der Verein wieder richtig planen kann. Es steht für mich und den BVB ein wichtiger Entscheid an – da nimmt man sich lieber genug Zeit.“

Apropos Zusammenarbeit - wie verlief bis anhin die Kooperation mit Lucien Favre. Wie haben Sie ihn im zweiten BVB-Jahr wahrgenommen?

«Bei ihm wurde manche Story aufgebauscht. Es gibt natürlich immer Experten, die meinen, alles besser zu wissen. Aber seine Zahlen sprechen für sich. Mit ihm spielten wir bis zum letzten Spieltag um den Titel, in dieser Saison sind wir erneut voll im Geschäft. Favre zieht sein Ding durch, seine Handschrift ist unverkennbar; er ist der Chef, und die Mannschaft steht hinter ihm - das weiss er.“

Warum hört die Saison mit deinem Dortmunder Happy End auf?

«Wenn der Fussball diese Saison einigermassen geordnet beenden kann, dann werte ich dies bereits als Erfolg. Es geht darum, auf sportlichem Wege zu den Entscheidungen über Meistertitel und so weiter zu kommen. Und für die Klubs natürlich auch darum zu überleben. Sportlich sind wir ohnehin ambitioniert und uns bewusst, nur knapp hinter Bayern klassiert zu sein und den Titel gewinnen zu können. Wir sind gegenwärtig Zweiter - verschlechtern wollen wir uns sicher nicht!“