FC St. Gallen - Der Doyen des Schweizer Fussballs

Seit Anfang Februar ist der FC St. Gallen Tabellenführer der Super League.

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Der älteste Fussballklub des Kontinents (gegründet 1879): Die Mannschaft des FC St. Gallen 1882.
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Der chilenische Top-Goalgetter Ivan Zamorano (später u.a. Inter und Real Madrid) nutzte St. Gallen in den späten Achtzigerjahren als Sprungbrett für eine Weltkarriere
St. Gallens Meister-Team der Saison 1903/1904
Der Österreicher Kurt Jara coachte St. Gallen vor rund 30 Jahren an die Tabellenspitze
Auch FCZ-Legende Urs Fischer (heute Trainer von Union Berlin) spielte im Laufe seiner Aktiv-Laufbahn einmal für St. Gallen

Der älteste Fussballklub des Kontinents (gegründet 1879): Die Mannschaft des FC St. Gallen 1882.

KEYSTONE/FC ST. GALLEN KEYSTONE/STR
(sda)

So lange an der Spitze stand der älteste Klub der Schweiz - gegründet am 19. April 1879 - letztmals in der Meistersaison 1999/2000.

Den letzten «Geburtstag» als Nummer 1 beging der FCSG 2001. Mit einem 1:1 in Basel löste St. Gallen am Karsamstag die Grasshoppers an der Spitze ab, die Zürcher gingen dann am Ostermontag auswärts bei Servette als Verlierer vom Platz. Drei weitere Runden blieben die «Espen» Leader. Aus den letzten vier Spielen holte der Titelverteidiger jedoch nur noch einen Punkt. Die Meisterschaft wurde erst in der letzten Runde im Direktduell zwischen St. Gallen und Leader GC entschieden, bei Punkteteilung hätte mit Lugano der Sieger der Qualifikation profitiert. Doch die Grasshoppers gewannen 4:0 und beendeten damit auch gleich eine 35 Heimspiele andauernde Serie der St. Galler Ungeschlagenheit.

Der FC St. Gallen musste in seinen 141 Jahren Vereinsgeschichte oft genug jähes Scheitern verarbeiten. Titel und selbst Tabellenführungen gab es nur selten zu feiern. Das war auch im Frühling 2019 so. Der 19. April fiel auf Karfreitag, am Tag darauf war der FC Luzern zu Gast. Die Region freute sich auf das 140-Jahr-Jubiläum, seit Wochen warben Schaufenster vieler Geschäfte mit ihrer Verbundenheit zum FCSG. Stunden vor Beginn füllte sich der Stadionvorplatz, das Spiel war ausverkauft. Schon damals liess Peter Zeidler seine Mannschaft mutig und begeisternd aufspielen. Die Gäste aber waren Spielverderber, gingen bald in Führung und gewannen 2:1. Das bedeutete für die St. Galler gegen Luzern die neunte Niederlage in Serie. Die zehnte gab es im letzten Juli zum Saisonstart.

Der erste grosse Titel wurde allerdings schon in der Frühzeit gewonnen. Nach den drei Zürcher Clubs Anglo-American, Grasshoppers und FC Zürich sowie dem BSC Young Boys wurde der FC St. Gallen 1904 fünfter offizieller Schweizer Meister. Captain war CC Bryan. Der Engländer stiess 1901 zu den Grün-Weissen und sorgte für spielerische Ordnung, die den Erfolg der Mannschaft ermöglichte.

Engländer brachten als Schüler und Lehrer den Fussball in die Schweiz. Schon 1855 wurde in Genf am Institut du Château von Lancy Fussball gespielt, erste Vereinsgründung dürfte 1860 die des Lausanne Football & Cricket Club gewesen sein. Einige Jahre später begann der neue Sport auch Schüler in der Ostschweiz zu begeistern. Gustav Wiget, offensichtlich sportbegeisterter Leiter des Instituts am Schönberg in Rorschach, half kräftig mit, den Fussball populär zu machen. Am 19. April 1879 schliesslich luden die Initianten des «Foot-Bal Club» per Inserat zur Hauptversammlung ins «Hörnli» in St. Gallen. Der älteste noch existierende Klub der Schweiz war gegründet.

Hingegen der Lausanne F&CC wurde in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts offenbar aufgelöst. Ein Konflikt mit dem Verband wegen Spielansetzungen im Jahr 1899 dürfte den Untergang eingeleitet haben. Beim FC St. Gallen fehlte wenig, und er hätte nicht einmal die Jahrhundertwende erlebt. Wie ein Vereinschronist später nachzeichnete, war die Existenz des FCSG ab 1886 mehrmals gefährdet, weil die Zahl der Aktiven wiederholt sank.

Fusionen mit anderen Klubs bedeuteten die Rettung. Zweimal wurden die Vereinsfarben geändert (blau-weiss, gelb-schwarz), 1898 gar der Name. Im Kompromiss mit dem FC Phoenix hiess man nun «Vereinigter Foot-Ball-Club St. Gallen». Immerhin: ein Jahr vor dem ersten Meistertitel kehrten die alten Farben und der Name zurück.

Letzten Herbst schreckten Artikel in der «NZZ» und im «Tagblatt» die FCSG-Gemeinde auf. Der FC St. Gallen könnte gar älter sein, als er meinte. Diese These brachte Fredi Hächler vom Stadtarchiv schon 2012 an die Öffentlichkeit - kaum beachtet. Der Historiker kümmert sich um das Archiv des FC, seit dieser vor zwölf Jahren das Espenmoos verliess. Hächler kam in seinen Recherchen zu mehreren Hinweisen, dass der FC St. Gallen schon vor der Versammlung vom 19. April 1879 organisiert war. So ist 1894 in einem Protokoll von Spielen gegen das Institut Schönberg seit 1876 die Rede. Präsident Matthias Hüppi zeigte sich aber wenig beeindruckt von der neuen Erkenntnis. Die Jahreszahl 1879 ist so identitätsstiftend wie die grün-weissen Klubfarben. Und wie seine neun Amtskollegen in der Super League beschäftigen ihn heute andere Sorgen.

Die Anhänger der «Espen» bangen derweil um den möglichen dritten Meistertitel. Würde die Saison nicht beendet werden, müsste an die Spielzeit 1914/15 erinnert werden. Wegen des Ausbruchs des 1. Weltkriegs stand das Leben im Fussball zunächst still. Spieler wie Funktionäre standen im Aktivdienst. Erst Ende November wurde beschlossen, nun doch eine «Interimsmeisterschaft» durchzuführen. Der Verband missachtete dafür verschiedene Regeln, so durften die Grasshoppers in der Serie A teilnehmen, obwohl sie sich im Sommer 1909 aus dem Fussball zurückzogen. In den Finalspielen setzte sich ausgerechnet St. Gallens Lokalrivale FC (heute SC) Brühl durch.