Jan Ullrichs Höllenritt nach Andorra

Der lange Zeit in der Schweiz wohnhafte frühere Radprofi Jan Ullrich sorgt vor 23 Jahren für einen unvergesslichen Auftritt. Ebenso in Erinnerung bleiben aber die Skandale.

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(sda)

Es sind bleibende Bilder, die sich am 15. Juli 1997 in der 10. Etappe der Tour de France über 252,5 Kilometer von Luchon nach Andorra-Arcalis ereignen. Ullrich führt das Feld der Favoriten im Schlussanstieg an, um das Tempo hoch zu halten. Er blickt sich immer wieder um, schliesslich hat er das wichtigste Etappenrennen der Welt als Edelhelfer von Titelverteidiger Bjarne Riis im Team Telekom in Angriff genommen. Der Däne bekundet jedoch Mühe, also zieht Ullrich unwiderstehlich davon. Die Topkletterer Marco Pantani und Richard Virenque sind chancenlos und verlieren bis ins Ziel 1:08 Minuten.

Ullrich gewinnt nicht nur die Etappe, sondern übernimmt auch mit einem Vorsprung von 2:58 Minuten auf Virenque das Gelbe Trikot. Riis, der ihm Vorjahr vor dem Deutschen triumphiert hat, sagt danach: «Jan befindet sich zur Zeit in einer Gnadenform, es wäre schade, wenn er davon nicht profitieren würde.» Tatsächlich fährt Ullrich an dieser Tour in einer eigenen Liga. Er entscheidet drei Tage später auch das erste grosse Einzelzeitfahren deutlich für sich und holt sich als erster und bisher einziger Deutscher den Gesamtsieg in der Tour de France. Der zweitplatzierte Virenque weist im Ziel in Paris einen Rückstand von 9:09 Minuten aus, der drittklassierte Pantani verliert bereits mehr als 14 Minuten.

Der damals 23-jährige Ullrich löst in Deutschland einen wahren Radsport-Boom aus. Es ist vom «Boris Becker des Radsports» die Rede. Nichts deutet darauf hin, dass es für ihn der einzige Tour-Sieg sein wird, es ihm nicht zu mehr als fünf weiteren Podestplätzen reicht. Doch so steil der Aufstieg war, so tief war der Fall. Dass Ullrich ein Lebemann ist, bewiesen immer wieder die zu vielen Kilos auf den Rippen. Für einen ersten Skandal sorgte er im Frühling 2002, als er in betrunkenem Zustand Fahrerflucht beging, nachdem er einen Veloständer gerammt hatte. Kurz darauf wurde er positiv auf Amphetamin getestet. Er kam jedoch glimpflich davon, wurde lediglich für sechs Monate gesperrt. Dennoch löste Telekom den Vertrag mit ihm auf.

Nichtsdestotrotz kehrte Ullrich 2003 stark zurück, lieferte er sich mit Lance Armstrong an der Tour de France einen epischen Kampf und wurde er in seiner Heimat wie 1997 zum «Sportler des Jahres» gekürt. Später wurde aber klar, dass Ullrich seit 2003 Kunde des berüchtigten Arztes Eufemiano Fuentes war und regelmässig mit Eigenblut dopte. Trotz erdrückenden Beweisen unterliess er es aber auch nach dem Karriereende Anfang 2007 lange, reinen Tisch zu machen.

Erst 2013 räumte er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin «Focus» ein, mit Hilfe von Fuentes gedopt zu haben. Er habe aber keine anderen Dopingmittel verwendet als sein eigenes Blut, so Ullrich damals. Betrugsvorwürfe wies er zurück: «Fast jeder hat damals leistungssteigernde Substanzen genommen. Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben. Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.» Jedenfalls wurden bloss seine Resultate nach dem 1. Mai 2005 gestrichen, nachdem der Internationale Sportgerichtshof 2012 Ullrichs Schuld als erwiesen angesehen hatte.

Von 2002 bis 2016 wohnte Ullrich in Scherzingen im Kanton Thurgau und fuhr eine zeitlang mit einer Schweizer Lizenz. Auch nach der Karriere sorgte er für einige Schlagzeilen - allerdings negative. 2014 verursachte er in Mattwil erneut unter Alkoholeinfluss einen Unfall, bei dem es zwei Verletzte gab. Er erhielt eine Haftstrafe von 21 Monaten auf Bewährung.

2018 nahm ihn die Polizei auf Mallorca vorübergehend fest, nachdem er auf dem Grundstück seines Nachbars, dem Schauspieler Til Schweiger, betrunken randaliert haben soll. Wenige Tage später wurde er in Frankfurt unter dem Verdacht, eine Escort-Dame angegriffen zu haben, erneut verhaftet, wobei er wegen seines Zustandes zunächst nicht vernommen werden konnte. In der Folge musste er zeitweilig in eine psychiatrische Klinik.

Zuvor hatte Ullrich private Probleme eingeräumt: «Wegen der Trennung von Sara und der Ferne zu meinen Kindern (das Paar hat drei gemeinsame Söhne, zudem hat er aus einer früheren Beziehung eine Tochter), habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue.» Mittlerweile, nach einer Therapie, soll es ihm nun wieder gut gehen. Die unvergessenen Bilder vom 15. Juli 1997 bleiben, der Absturz danach jedoch auch.