Lance Armstrong: Der Neuanfang, der keiner war

Am 25. Juli 1999 fährt Lance Armstrong als grosser Triumphator der Tour de France in Paris ein. Der Amerikaner steht für den Neuanfang des Radsports. Ein Irrglaube, wie sich später erweisen wird.

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Lance Armstrong streift sich nach seinem Prologsieg am 3. Juli 1999 in Le Puy-du-Fou erstmals das Maillot jaune über

Lance Armstrong streift sich nach seinem Prologsieg am 3. Juli 1999 in Le Puy-du-Fou erstmals das Maillot jaune über

KEYSTONE/EPA/GERO BRELOER
(sda)

Im Jahr 1 nach den skandalösen (Doping-)Ereignissen im Juli 1998 um Festina und weitere Teams stand in der 86. Ausgabe der Tour de France nichts weniger als die Glaubwürdigkeit des Radsports auf dem Spiel. Die Grande Boucle 1999 wurde - obwohl sich in der Realität nicht viel geändert hatte - als Neubeginn angesehen. Das Negativ-Image der Sportart sollte in diesem Sommer in Frankreich möglichst korrigiert werden.

Dabei half in nicht geringem Masse, dass in Puy-du-Fou erstmals seit über vier Jahrzehnten nicht ein einziger ehemaliger Sieger der Frankreich-Rundfahrt am Start stand. Die letzten drei Sieger Marco Pantani, Jan Ullrich und Bjarne Riis - obwohl damals alle (noch) nicht des Dopings überführt - gehörten aus diversen Gründen zu den vielen prominenten Abwesenden. Dem ersehnten Befreiungsschlag stand scheinbar nichts im Wege.

Wunschdenken statt Wirklichkeit

Lance Armstrong seinerseits sah sich vor dem Tour-Start von den Experten unter den erwähnenswerten Aussenseitern eingereiht. 1998 zurückgekehrt von einer eineinhalbjährigen Pause als Folge einer Krebserkrankung und betreffend Doping zum damaligen Zeitpunkt fast gänzlich unbelastet, schien der charismatische US-Amerikaner perfekt für die Erneuerung des Radsports zu stehen. Wenn ein ehemaliger Classique-Jäger und Strasssenweltmeister (1993) die Tour de France gewinnen kann, dann musste das doch gleichbedeutend mit einem «saubereren» Radsport im Zusammenhang stehen. Diese Sichtweise entsprang allerdings schon damals eher einem Wunschdenken denn der Wirklichkeit.

Tatsächlich drückte der 27-jährige Armstrong bei seinem Tour-Comeback der Rundfahrt von Beginn weg den Stempel auf. Der Profi des amerikanischen Rennstalls US Postal lieferte seine Leistung - gedopt, wie sich später erweisen sollte - während den drei Wochen regelmässig wie ein Uhrwerk ab. Nie gab es einen Moment der Schwäche. Den Prolog gewann er überlegen vor dem Ostschweizer Alex Zülle. Als erster US-Profi seit Greg LeMond 1991 liess sich Armstrong ins Maillot jaune einkleiden.

Aufgrund seiner Überlegenheit in den Zeitfahren und den neu hinzugewonnenen Fähigkeiten am Berg blieb die Konkurrenz chancenlos. Zum Ende der schnellsten Tour de France der Geschichte betrug der Vorsprung des aus Dallas stammenden Texaners über siebeneinhalb Minuten auf den zweitklassierten Alex Zülle. Alle weiteren Fahrer erreichten die Champs-Elysées in Paris mit noch viel grösseren Rückständen.

Doping-Verdächtigungen schon 1999

Ersten Doping-Spekulationen, unter anderem wegen minimalen Spuren von Kortikoiden, die ihm noch während der Tour nachgewiesen werden konnten, trat Armstrong mit dem gleichen Argument wie späteren Anschuldigungen entgegen: «Wer den Krebs bezwingen konnte, spielt bestimmt nicht mehr mit seinem Leben.» Die grosse Mehrheit glaubte ihm. Oder wollte dem vom Hodenkrebs geheilten Familienvater ganz einfach glauben. «Armstrong als Symbol für die Erneuerung», «Texas-Cowboy ohne Schwäche» und «Armstrong: Vom Rad- zum Hollywood-Star?», lauteten deshalb Ende Juli 1999 nur einige der unzähligen Schlagzeilen.

Auch die folgenden Sommer in Frankreich standen ganz im Zeichen Armstrongs, der die Tour am Ende siebenmal in Folge gewinnen sollte. Seine Story, so sagte der siegestrunkene Armstrong einmal sogar, sei «fantastisch», denn sie sei «weder Hollywood noch Disney, sondern eine wahre Story.» 2005 trat er auf dem Zenit seiner Karriere zurück. Vier Jahre später kehrte er nochmals für zwei Saisons in den Radsport-Zirkus zurück. Mit Rang 3 an der Tour de France hinter Alberto Contador und Andy Schleck gelang ihm ein erstaunliches Comeback.

Extreme Dopingkultur im Team

Doch spätestens im Herbst 2012 zeigte sich, dass Armstrongs Karriere auf einem riesigen Lügengebilde aufgebaut war. Mit dem über 1000-seitigen Abschlussbericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada kam ein höchst ausgeklügeltes und professionelles Dopingsystem ans Licht. Die Armstrong-Saga war eben doch zu gut, um wahr zu sein. Epo, Testosteron, Wachstumshormone, Kortison - der Texaner, der den Hodenkrebs besiegt hatte, profitierte für Siege über die Konkurrenz von einer breiten Palette an leistungssteigernden Substanzen und setzte zudem auch viele seiner Teamkollegen unter Druck, sich dem Doping-Programm anzuschliessen.

Die sieben Gesamt- und 20 Etappensiege an der Tour de France, der Triumph 2001 an der Tour de Suisse und viele weitere Erfolge ab August 1998 - allesamt wurden sie vom Weltverband UCI am 22. Oktober 2012 dem langjährigen Dominator und notorischen Doper aberkannt. «Für Lance Armstrong ist kein Platz mehr im Radsport», so betonte der UCI-Präsident Pat McQuaid aus Irland. Zugleich sah sich Armstrong lebenslang gesperrt. Erst im Januar 2013 gab er in einem Interview in der TV-Show der amerikanischen Talk-Queen Oprah Winfrey zu, dass ihm illegale Mittel zu seinen Rekorden im Radsport verholfen hätten. Das Doping habe sich damals nicht falsch angefühlt, so Armstrong im Interview.