Ski alpin

Michelle Gisin: «Absolut surreal fühlte sich das an»

Ihre letzte Saison war ein Auf und Ab, in der jetzigen kennt sie bisher nur Hochs. Michelle Gisin über die surreale Laufbestzeit in Levi und die Bestätigung des guten Gefühls.

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Keine Anpassungsschwierigkeiten in Corona-Zeiten: Michelle Gisin läuft es glänzend

Keine Anpassungsschwierigkeiten in Corona-Zeiten: Michelle Gisin läuft es glänzend

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY
(sda)

Michelle Gisin, in Levi gab der Ausschluss des kompletten schwedischen Teams wegen eines Corona-Falls im Trainerteam zu reden. Die Meinungen über das Vorgehen sind gespalten. Wie wurde der Vorfall im Lager der Schweizerinnen aufgenommen, und welche Haltung vertreten Sie?

«Ehrlich gesagt sorgte das Ganze für Erstaunen - Erstaunen über diejenigen, die erstaunt waren. Ich selbst hatte mich darauf eingestellt, dass das passieren kann in diesem Winter. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es die meisten von uns mal trifft. Sei es, weil man selbst positiv getestet wird oder weil man wegen eines Falls im Umfeld von den Behörden in Quarantäne gestellt wird wie die Schwedinnen. Natürlich tat es mir mega leid für sie. Aber so es ist halt im Moment, das müssen wir akzeptieren.»

Ganz nach dem Motto «Besser so als gar kein Weltcup».

«Genau. Wir können froh sein, dass wir überhaupt fahren dürfen. Es gibt Sachen, die wichtiger sind als der Skisport.»

Mit drei Top-5-Klassierungen in drei Rennen und dem 2. Platz im zweiten Slalom von Levi ist der Saisonstart sehr gut geglückt. Was sind die Gründe für den Leistungssprung?

«Das war ein Prozess über die letzten Jahre und nicht des letzten Sommers. Man wusste bei mir immer, dass ich kein Senkrechtstarter bin. Als ich in den Weltcup kam, war ich im Slalom auf Anhieb schnell. Aber ich fiel in den ersten ein, zwei Jahren auch oft aus oder machte Fehler, weshalb das Vertrauen verloren ging. In den letzten Jahren habe ich nun etwas aufgebaut, was für mich überhaupt nicht selbstverständlich ist - physisch und mental. In allen Disziplinen vorne dabei zu sein, braucht Zeit. Mit etwas Verzögerung zahlt sich auch der intensive technische Aufbau nach der Knorpelverletzung im Knie aus, auch weil ich mich im Sommer diesbezüglich festigen konnte.»

Spielte letzte Saison der Druck eine Rolle, den Sie sich selbst machten mit der Ankündigung, den Gesamtweltcup gewinnen zu wollen?

«Das glaube ich nicht. Der Grund für die Probleme war vielmehr, dass ich mich nach der Verletzung schwertat, in den schnellen Disziplinen wieder Tritt zu fassen. Das habe ich völlig unterschätzt. Ich bin zwar schnell gefahren in den teaminternen Trainings, konnte es aber nicht in die Rennen übertragen. Dass wir vor den meisten Abfahrten der letzten Saison nur ein offizielles Training hatten, war ein Nachteil. Ein Training reichte mir nicht. Und zwei hatten wir nur in Lake Louise und Zauchensee. In Zauchensee wurde ich Dritte, in Lake Louise hatte ich Magen-Darm-Probleme, und es kamen durch die Bedingungen mit der Verschiebung und dem schlechten Wetter Erinnerungen an die Verletzung auf, deren Auswirkungen ich unterschätzt habe. Irgendwann wollte ich es dann erzwingen, was natürlich auch nicht half.»

Hängt das Wohlbefinden stark von den Resultaten ab?

«Daraus bin ich längst herausgewachsen. Irgendwann merkst du, dass Erfolg nicht alles ist, dass das Leben nicht nur aus Resultaten besteht. Inzwischen ist es sogar eher umgekehrt: Mir geht es grundsätzlich sehr gut, das wiederum hat einen positiven Einfluss auf meine Resultate. Dazu trägt wohl auch meine Familiengeschichte bei. Ich habe bei meinen Geschwistern sehr vieles hautnah miterlebt, Stürze, Verletzungen. Auch darum ist mir bewusst, dass jedes Top-Ten-Ergebnis eine sehr gute Leistung ist, auch wenn die Erwartungen höher sind.»

Haben Sie vor Sölden gespürt, dass Sie auf einem hohen Level sind?

«Jein. Ich spürte, dass ich gut fahre, wusste aber nicht, auf welchem Niveau wir im Schweizer Team sind. Wir waren in den Trainings ziemlich auf Augenhöhe. Dass wir dann als Team so gut abschnitten, Andrea Ellenberger einen grossartigen zweiten Lauf fährt und Priska Nufer mit Startnummer 64 auf Platz 22 fährt, freute mich sehr. Es war die Bestätigung des guten Gefühls. Aber 100-prozentig weisst du es im Vornherein nie genau.»

In Levi waren Sie nahe am ersten Weltcupsieg im Slalom, führten nach dem ersten Lauf.

«Absolut surreal fühlte sich das an. Da kommst du drei Jahre lang mit gefühlt 1,8 Sekunden Rückstand auf die Schnellsten ins Ziel, und plötzlich leuchtet die Zeit im Ziel grün auf. Das war schon sehr speziell.»

Was sagt das Gefühl in den schnellen Disziplinen?

«Dass ich mich überraschen lassen muss. Auf der technischen Seite ging sehr viel vorwärts. Jetzt bin ich gespannt, wie sich das auf die Speeddisziplinen auswirkt. Möglicherweise muss ich mich wieder langsam herantasten, um das Vertrauen zurückzugewinnen, das mir in der letzten Saison abhanden gekommen ist.»