Olivier Senn: «Vielleicht gibt es gar keine gescheite Lösung»

Olivier Senn, der Co-Geschäftsführer der Tour de Suisse, spricht im Interview mit Keystone-SDA über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Landesrundfahrt und den Radsport allgemein.

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Olivier Senn im Mai 2017 in seiner damaligen Funktion als Generaldirektor der Tour de Suisse

Olivier Senn im Mai 2017 in seiner damaligen Funktion als Generaldirektor der Tour de Suisse

KEYSTONE/SIGGI BUCHER
(sda)

Olivier Senn kennt den Radsport in fast allen Facetten. Der ehemalige Elite-Amateur war von 2014 bis 2018 Generaldirektor der Tour de Suisse. Nach einem kurzen Unterbruch ist der Aargauer nun wieder für die Belange der Landesrundfahrt verantwortlich, als Co-Geschäftsführer der Firma Cycling Unlimited AG, der neuen Trägerschaft der Tour de Suisse. Zudem ist Senn Inhaber einer Agentur und betreut Fahrer wie Stefan Küng, Fabian Lienhard und Stefan Bissegger.

Olivier Senn, seit der Absage der diesjährigen Tour de Suisse sind einige Tage vergangen. Wie fest schmerzt der Entscheid noch?

«Logisch tut es immer noch weh, weil es ist nicht das, was wir wollten. Aber gleichzeitig war der Entscheid auch eine grosse Erleichterung.»

Warum?

«Weil wir aktiv nach einer Lösung suchten und mit allen Parteien gesprochen haben, die mit uns einen Vertrag haben. Wir wollten von allen die Bestätigung, dass sie den Entscheid mittragen. So hatten alle zu einem frühen Zeitpunkt Gewissheit und Klarheit und nicht noch unnötig Ausgaben.»

Sie wollen für 2021 möglichst alle Etappenorte wieder an Bord haben. Geht Ihre Rechnung auf?

«Die diesjährige Tour soll möglichst mittels Copy-Paste ins 2021 transferiert werden. Wir spüren eine recht breite Unterstützung. Von den meisten Etappenorten haben wir schon die Zusage, dass sie nächstes Jahr wieder dabei sind. Von anderen Orten fehlt uns die Bestätigung noch. Nun gilt es mal ein paar Wochen abzuwarten. Ich bin zuversichtlich, dass wir 2021 zu 80 Prozent eine identische Tour haben werden. Hoffentlich werden es gar 100 Prozent.»

Können Sie schon beziffern, wie gross der Verlust ist, den Ihre Organisation in diesem Jahr tragen muss?

«Es gibt eine gewisse Schätzung, wie dieses Jahr ausfallen könnte. Aber wir sind nicht so weit, dass wir eine klare Aussage machen könnten. Auch weil einige Aktivitäten noch laufen, so zum Beispiel «The Digital Swiss 5» von Ende April. Das hat finanzielle Auswirkungen, da dabei Sponsoren noch Auftrittsmöglichkeiten haben.»

Aber Gewinn werden Sie kaum machen...

«Wir werden definitiv nicht ein besseres Jahr haben, als wenn wir die Tour de Suisse hätten durchführen können.»

Diese digitalen Rennen, die auch vom Schweizer Fernsehen übertragen werden: Wie fest sind sie aus der Not geboren?

«Wir arbeiten seit rund einem dreiviertel Jahr mit Rouvy (einer realitätsnahen Plattform für Indoor Cycling - Red.) zusammen. Es war mehr als Plattform gedacht, wo sich die Hobbyfahrer messen können mit den Profis, die diese Strecken vorab im Winter zur Erkundung fahren. Aber als Rennen unter Profis war es nie gedacht. Die Idee für die April-Rennen kam erst auf, weil es ja gar keine anderen Rennen mehr gibt und die Teams, Profis, Sponsoren und auch das Fernsehen Zeit haben.»

Gibt es auch eine digitale Tour de Suisse im Juni?

«Die Idee besteht, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, das zu entscheiden.»

Wie allgemein im Sport geht gerade auch im Radsport wegen des Coronavirus gar nichts. Wie lautet Ihre Einschätzung der Situation?

«Es ist eine sehr schwierige Situation. Da wir mit der Agentur auch Fahrer betreuen, bekomme ich relativ viel mit, wie es um sie steht. Wir haben auch viel Kontakt mit den Teams. Da gibt es einige, die haben enorme finanzielle Probleme und andere Teams versuchen, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen.»

Wie denn?

«Mit massiven Lohnkürzungen, die am Reglement vorbei und teils sogar rückwirkend verordnet werden. Diese Kürzungen sollen bis zu 70 Prozent betragen haben, und das schon im März, als noch Rennen gefahren worden sind. Wenn noch lange keine Rennen gefahren werden können, dann wird das massive Auswirkungen auf den Radsport haben. Wir sprechen von jährlich rund 600 Millionen Euro, die im gesamten Radsport drinstecken.»

Wie wichtig wäre es, dass die Tour de France stattfindet?

«Ich habe gelesen, dass bis zu 80 Prozent der medialen Aufmerksamkeit eines Sponsorings durch die Tour de France generiert werden. Hast du diese Aufmerksamkeit nicht, so fällt auch die Grundlage für ein Sponsoring weg.»

Sie muss also stattfinden...

«Im Moment sehe ich einfach nicht genau, wie und wann das ginge. Grossveranstaltungen, bei welchen man die Leute aus aller Welt an einem Ort zusammenbringt, werden wohl das Letzte sein, das man wieder erlaubt.»

Seien wir optimistisch und gehen wir davon aus, dass ab August wieder recht normal gereist werden kann. Wie realistisch ist es Ihrer Meinung, dass alle abgesagten wichtigen Rennen noch nachgeholt werden können?

«Das sehe ich nicht. Der Weltverband hat deshalb schon gesagt, dass bei einem Alternativ-Kalender die Priorität auf den Rennen liegt, die regulär im Kalender stehen. Plus die Grands Tours und die Monumente wie Mailand - Sanremo, Flandern-Rundfahrt, Paris - Roubaix und Lüttich. Alles andere hat sowieso keine Chance auf einen neuen Termin. Aber auch so wird es nicht ohne Kompromisse gehen. Ab August in kurzer Abfolge je drei Wochen Tour, Giro und Vuelta, das ist für mich nicht vorstellbar. »

Sie sind auch für die Guangxi-Rundfahrt verantwortlich, die in China vom 15. bis 20. Oktober im Programm stünde.

«Genau. Wer möchte diese überhaupt sehen, wenn zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig der Giro durchgeführt wird? Dieser alternative Kalender wird noch zu einer grossen Herausforderung. Vielleicht jedoch gibt es gar keine gescheite Lösung, mit welcher alle leben können. Deshalb lässt man es am besten auch gleich ganz sein.»

Wie nehmen Sie die UCI in dieser Phase wahr?

«Nicht anders als sonst.»

Das heisst?

«Es ist nicht neu, dass die UCI nicht als Leader vorausgeht und vorausschauende Entscheide trifft. Der Weltverband ist sehr darauf bedacht, möglichst alle Ansprüche unter einen Hut zu bringen. Wobei es in diesem Prozess eben Player mit mehr und solche mit weniger Einfluss gibt.»

Eine Krise zeigt die wahren Probleme viel schneller und deutlicher auf. Kann die Krise vielleicht auch eine Chance darstellen, den Radsport von Grund auf neu zu denken und zu verbessern?

«Logischerweise wäre es spätestens jetzt an der Zeit, dass sich alle an einen Tisch setzen und wirklich versuchen, den Sport so zu organisieren, dass alle gut leben können. Doch diese Hoffnung hatte ich schon früher; nur, um immer wieder enttäuscht zu werden.»