Reynolds und die neue Dimension

Harry Butch Reynolds sorgt vor 32 Jahren in Zürich für einen der ganz grossen Momente der Leichtathletik-Geschichte. Mit seinem Weltrekord über 400 m stösst der Amerikaner in neue Sphären vor.

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Lee Evans (Mitte/hier bei der Siegerehrung an den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-City) hielt den 400-m-Weltrekord fast 20 Jahre lang
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Die aktuelle Bestmarke über 400 m: 43,03 Sekunden, gelaufen vom Südafrikaner Wayde van Niekerk an den Olympischen Spielen 2016 in Rio
Michael Johnson verbesserte den Weltrekord an der WM 1999 in Sevilla um elf Hundertstel
Harry Butch Reynolds (links) lässt sich von den Zuschauern im Letzigrund feiern
Der magische Moment: Harry Butch Reynolds überquert die Ziellinie nach 43,29 Sekunden

Lee Evans (Mitte/hier bei der Siegerehrung an den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-City) hielt den 400-m-Weltrekord fast 20 Jahre lang

KEYSTONE/AP/STR
(sda)

Weltrekorde über 400 m haben Langzeitwirkung. Fast 20 Jahre hatten die 43,86 Sekunden Bestand, die der Amerikaner Lee Evans bei seinem Olympiasieg 1968 in Mexico-City gelaufen war. Evans nutzte die vorteilhaften Bedingungen optimal. Die dünne Luft auf 2240 Metern über Meer und den damit verbundenen geringeren Strömungswiderstand des Körpers ebenso wie die Beschaffenheit der Rundbahn im Stadion. Für den Bau des Ovals wurde das neue Material Tartan, ein äusserst leistungsfördernder Kunststoff, anstelle des herkömmlichen Sand- oder Asche-Gemischs verwendet.

Am 17. August 1988 war Evans' Bestmarke Geschichte, nach einem Lauf f ü r die Geschichte. Harry Butch Reynolds verbesserte im Letzigrund nicht einfach den Weltrekord, er stiess in eine damals nicht für möglich gehaltene Dimension vor. Gleich um 57 Hundertstel war er schneller als sein Landsmann - ein Quantensprung in der Welt der Leichtathletik, in der die entscheidende Zeiteinheit die Hundertstel sind.

Die 400 m sind mehr als ein langgezogener Sprint. Sie sind eine Disziplin, die auf den einzelnen Abschnitten unterschiedliche Stärken erfordert. Auf die Beschleunigungsphase folgt nach rund 40 m bis etwa 200 m der sogenannte Rollerteil, danach ist primär Ausdauer gefragt. Im Normalfall sinkt in der zweiten Hälfte der Bahnrunde das Leistungsvermögen kontinuierlich und relativ deutlich ab, die Geschwindigkeitseinbusse ist entsprechend.

Gesetzmässigkeiten ausser Kraft

An jenem denkwürdigen Mittwochabend in Zürich setzte Reynolds alle Gesetzmässigkeiten ausser Kraft. Gemäss Analyse war er auf den zweiten 200 Metern um eine halbe Sekunde schneller als auf den ersten 200 Metern, den 21,9 Sekunden liess er 21,4 Sekunden folgen. Aus dem gängigen Kampf gegen Übersäuerung der Muskulatur und Sauerstoffschuld hatte er einen Steigerungslauf gemacht. Auf den letzten 100 Metern flog er förmlich an der hochkarätigen Konkurrenz vorbei. Hatten seine Landsleute Danny Everett und Steve Lewis beim Einbiegen auf die Zielgerade noch auf gleicher Höhe gelegen, waren sie am Ende um rund eine Sekunde distanziert.

Die aussergewöhnliche Vorstellung rief selbstredend die Leistungsdiagnostiker auf den Plan. Für sie waren es besondere konstitutionelle, sozusagen «natürliche» Begabungen, die Reynolds zum Vorteil gereichten. Trotz plausibler Erklärungen standen aber auch Fragezeichen im Raum. Die Skeptiker unter den Auguren brachten das Thema Doping ins Spiel. Was vorerst nichts weiter als eine unerwiesene Unterstellung war, wurde zwei Jahre später Realität. Reynolds wurde nach einem Meeting in Monte Carlo des Gebrauchs des anabolen Steroids Nandrolon überführt.

Reynolds reagierte auf die übliche Weise. Er versicherte, nie verbotene Substanzen zu sich genommen zu haben. Er sah sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Seine Beteuerungen waren nicht unbegründet, seine Zweifel an der Rechtmässigkeit der Handhabung der Dopingkontrolle berechtigt. Der Vorwurf der Verwechslung seiner Blutprobe mit der eines anderen Athleten liess sich allerdings nie bekräftigen.

Langwieriger, erfolgloser Prozess

Trotz fehlender Beweise für die Fehlleistung im Labor focht Reynolds die gegen ihn verhängte Suspension von zwei Jahren an und setzte damit einen langwierigen Prozess durch alle gerichtlichen Instanzen in Gang. Er verklagte den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) auf 40 Millionen Dollar Schadenersatz. Ein regionales Gericht in Columbus im US-Bundesstaat Ohio sprach ihm 27,3 Millionen als Kompensation für entgangene Einkünfte und als Genugtuung zu. Die Summe wurde trotz mehrerer Rekurse von Reynolds Anwälten nie ausbezahlt.

Reynolds kämpfte auch um die vorzeitige Aufhebung seiner Sperre. Seinem Antrag wurde zwischenzeitlich stattgegeben. Reynolds erhielt das Startrecht für die amerikanischen Trials für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona zugesprochen. Er klassierte sich als Fünfter und wäre als Ersatzläufer für die 4x400-m-Staffel nominiert worden. Die IAAF legte aber ihr Veto ein und liess seine Teilnahme in Katalonien nicht zu.

Reynolds kehrte im Februar 1993 bei den «Millrose Games» in New York, zweieinhalb Jahre nach dem letzten von der IAAF bewilligten Start, auf die Wettkampfbühne zurück. Er tat dies mit dem Ziel, an einem Grossanlass einen Einzel-Titel zu gewinnen. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. An den Weltmeisterschaften 1993 in Stuttgart und 1995 in Göteborg reichte es ihm zu Silber. Beide Male stand ihm Michael Johnson vor der Sonne. Reynolds trat Ende 2000 als Olympiasieger und dreifacher Weltmeister in der 4x400-m-Staffel zurück.

Johnson - und dann Van Niekerk

Johnson war es auch, der Reynolds nach elf Jahren als Weltrekordhalter ablöste. Die 43,18 Sekunden, die Johnson an den Weltmeisterschaften 1999 in Sevilla im Final gelaufen war, hatten ihrerseits bis zu den Olympischen Spielen 2016 als globale Bestmarke Bestand. In Rio de Janeiro gewann der Südafrikaner Wayde van Niekerk in 43,03 Sekunden Gold.

Es war eine weitere aussergewöhnliche Leistung über die 400 m. Eine weitere wohl mit Langzeitwirkung.