Paukenschlag bei Hertha Berlin: Jürgen Klinsmann tritt zurück

Jürgen Klinsmann wirft völlig unerwartet und nach nur elf Wochen als Cheftrainer bei Hertha Berlin hin. Die Nachricht trifft den Bundesliga-14. unvorbereitet.

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Jürgen Klinsmann stellte sein Amt als Cheftrainer der Hertha nach nur elf Wochen bereits wieder zur Verfügung

Jürgen Klinsmann stellte sein Amt als Cheftrainer der Hertha nach nur elf Wochen bereits wieder zur Verfügung

KEYSTONE/DPA-Zentralbild/SOEREN STACHE
(sid)

Provinzposse beim «Big City Club» aus Berlin: Jürgen Klinsmann hat gestern nach nur 76 Tagen überraschend sein Amt als Chefcoach bei Hertha BSC zur Verfügung gestellt. Dabei überrumpelte der Ex-Nationaltrainer Deutschlands seinen Arbeitgeber, indem er den Abschied auf seinem Facebook-Account bekanntgab. Erst im November hatte der 55-Jährige den Job an der Spree übernommen.

«Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden», sagte Herthas sportliche Leitung, Manager Michael Preetz. «Nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.» Klinsmann fehlte laut eigener Aussage im Abstiegskampf die nötige Rückendeckung vom Verein, wohl auch von Preetz. «Als Cheftrainer benötige ich für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente», schrieb Klinsmann in den sozialen Medien.

Klinsmann konnte sein Potenzial nicht ausschöpfen

Wie der frühere Italien-, England- und Frankreich-Legionär weiter vermeldete, habe er sein «Potenzial als Trainer» nicht mehr vollends ausschöpfen können und vermochte damit der Verantwortung als Cheftrainer auch nicht gerecht zu werden. Deshalb sei er «nach langer Überlegung» zu der Auffassung gekommen, den Trainerposten zur Verfügung zu stellen und sich wieder auf seine ursprüngliche Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zu konzentrieren.

Investor Lars Windhorst sagte der «Bild»: «Ich erfuhr am Montag von der Entscheidung. Ich bedauere diesen Schritt von Jürgen Klinsmann.» Sein Amt als Aufsichtsratsmitglied will der ehemalige US-Nationaltrainer aber auf jeden Fall behalten. Anhänger, Spieler und die Mitarbeiter von Hertha BSC seien ihm «natürlich ans Herz gewachsen», schrieb Klinsmann. Deshalb werde er «weiter mit der Hertha fiebern.» Er freue sich «auf viele Begegnungen in der Stadt oder im Stadion». Erst Ende November hatte der Macher des Sommermärchens von 2006 den Trainerjob bei der Alten Dame vom glücklosen Ante Covic übernommen. Seine Ausbeute blieb mager. In neun Bundesliga-Spielen holte der frühere Welt- und Europameister zwölf Zähler. Am letzten Samstag hatte es ein 1:3 gegen den FSV Mainz 05 gegeben. Im DFB-Pokal unterlagen die Berliner im Achtelfinal in der vergangenen Woche bei Schalke 04 mit 2:3 nach Verlängerung.

Im Winter fast 80 Millionen in neue Spieler investiert

Klinsmanns Rückzug kommt auch daher überraschend, weil Hertha auf dessen Initiative im Winter noch 78 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hat. Dazu gehören die Mittelfeldspieler Lucas Tousart (25 Millionen an Lyon) und Santiago Ascacibar (Stuttgart/10 Millionen) sowie die Stürmer Krzysztof Piatek (Milan/27 Millionen) und Matheus Cunha (RB Leipzig/18 Millionen Euro). Mit neuen Topspielern wollte der Klub mittelfristig Richtung Champions League marschieren. Andere Spieler wie Stürmer Davie Selke (zu Werder Bremen), Ondrej Duda (Norwich City) oder Eduard Löwen (FC Augsburg) verliessen den Verein. Damit war möglicher Ärger mit Preetz programmiert, weil der Manager diese Spieler in voller Überzeugung geholt hatte. Angesichts der Personalsituation drohte auch Eigengewächs Arne Maier mit einem Wechsel, doch Preetz schritt ein und untersagte einen Verkauf. Möglich geworden waren die Einkäufe, weil Windhorst 225 Millionen Euro in den Verein gepumpt hatte. Windhorst war es auch, der Klinsmann als Mitglied in den Aufsichtsrat geholt hatte. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen der Rückzug des früheren Bundestrainers auch auf das Verhältnis zwischen Hertha und Windhorst haben wird.

Sportlich konnte Klinsmann zum Ende des letzten Jahres noch einige Achtungserfolge wie beim 1:0 bei Bayer Leverkusen landen. Im neuen Jahr blieb die Hertha jedoch hinter den Erwartungen zurück. Nach der Pleite gegen Abstiegskandidat Mainz gab es Kritik am taktisch einfallslosen Auftritt der Klinsmann-Elf. Zunächst einmal soll nun Assistent Alexander Nouri das Training beim Hauptstadt-Klub leiten. Nach SID-Informationen steht der ehemalige Bayern- und Frankfurt-Coach Niko Kovac, ein gebürtiger Berliner, für die Klinsmann-Nachfolge nicht zur Verfügung.