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Selbstvertrauen an der Grenze zur Anmassung

Vor dem Schlussspurt mit fünf grossen Festen zeigt die Bilanz der Schwingsaison 2018 ein klares Bild: Drei Youngsters geben den Ton an, Christian Stucki hält - derzeit - als einziger Routinier mit.
Allein auf weiter Flur? Joel Wicki (rechts) und Armon Orlik im Schlussgang auf der Rigi (Bild: KEYSTONE/URS FLUEELER)

Allein auf weiter Flur? Joel Wicki (rechts) und Armon Orlik im Schlussgang auf der Rigi (Bild: KEYSTONE/URS FLUEELER)

(sda)

Am Eidgenössischen Fest 2016 in Estavayer hat sie sich angedeutet, in der Saison 2017 hat sie sich abgezeichnet, und im Juli 2018 scheint die Wachablösung an der Spitze des Schwingsports vollzogen zu sein. Von den älteren, hochdekorierten Schwingern scheint derzeit nur Christian Stucki - er allerdings mit umso imposanterer Wucht - stark genug zu sein, um die Jungen zu stutzen.

Die Jungen, das sind die Nordostschweizer Armon Orlik und Samuel Giger sowie der Innerschweizer Joel Wicki. Remo Käser müsste mit seinem unbestrittenen Talent den kleinen Kreis erweitern. Aber in den Saisons 2017 und 2018 ist dem Dritten von Estavayer - auch wegen Verletzungen - nicht mehr viel gelungen. Am Sonntag errang der 21-Jährige mit sechs Siegen im neuenburgischen Couvet seinen ersten Sieg an einem Teilverbandsfest. Der Anlass war aber nicht besonders gut besetzt. Der Erfolg ist für Käser eine Schwalbe, die noch keinen Sommer macht.

Orlik und Wicki demonstrierten derweil auf der Rigi ihre überragende Stärke. Sie standen sich im Anschwingen gegenüber, besiegten alle weiteren Gegner und massen sich im Schlussgang noch einmal. Wicki siegte beide Male, nachdem er gegen Orlik zwei Wochen vorher am Nordostschweizer Fest in Herisau verloren hatte.

Kraft, Technik, Selbstbewusstsein

Armon Orlik und Joel Wicki wie auch der derzeit leicht verletzte Samuel Giger haben alles, was den Schwingerkönig der Zukunft ausmacht. Ihr Repertoire an Schwüngen ist vielfältig, ihre Kraft ist unbändig, und ihr Selbstvertrauen reckt in den Himmel. Sie fürchten sich vor den bestandenen Grössen längst nicht mehr - auch wenn sie sich darauf gefasst machen müssen, dass die Schwingerkönige Matthias Glarner und Matthias Sempach gesund, fit und siegreich aus dem Lazarett zurückkommen werden.

Der Schwinger braucht Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, um an die Spitze zu kommen. Er muss von seinen Fähigkeiten überzeugt sein und sich sagen, dass er alle bezwingen kann. Wird das Selbstvertrauen übersteigert, kann es sich der Anmassung nähern. Nach seinem beeindruckenden Triumph am Rigi-Schwinget sagte Joel Wicki, interviewt vom zurückgetretenen fünffachen Eidgenossen Philipp Laimbacher, einen ebenso interessanten wie gefährlichen Satz: «Die Schwingart, die wir heute beide gezeigt haben, das ist Schwingen in einer anderen Liga.» Mit «wir» meinte Wicki seinen Gegner Orlik und sich selbst.

Man muss Wicki zugute halten, dass er dies kurz nach dem Schlussgang in seiner verständlichen Euphorie und seiner jugendlichen Begeisterung sagte. Dennoch: Orlik und Wicki in einer eigenen Liga? Samuel Giger kann auch ziemlich gut schwingen, Christian Stucki walzt an einem guten Tag nach wie vor jeden platt, auch den jungen Sörenberger, und im fernen Freiburgischen geht in diesen Wochen ein Stern auf, der Teenager Lario Kramer.

Giger, Stucki, Kramer, alle noch aktiven Schwingerkönige und weitere Böse in eine untere Liga zu relegieren ist mehr als mutig. Wicki hat um sich herum besonnene Leute wie Trainer Daniel Hüsler, den früheren Eidgenossen. Er wird merken, dass er so etwas nicht denken, geschweige denn sagen sollte. Würde er dagegen im gleichen Ton weiterfahren, bekäme er in seinem Sport bald Probleme. Jede Überheblichkeit, vor allem die geäusserte, ist nicht nur verpönt, sondern tabu.

Das Lob kommt von selbst

Die Besten des Schwingsports haben sich immer durch Selbstvertrauen und Bescheidenheit ausgezeichnet. Diese Qualitäten schliessen sich nicht aus. Jörg Abderhalden, der Erfolgreichste der Geschichte, musste sich selber nie bewerten. Die Resultate im Sägemehl erledigten es für ihn. Nach seinem überragenden Triumph am Eidgenössischen in Estavayer sprach Matthias Glarner im Interview auf dem Platz fast nur von seinem Schlussgang-Gegner Armon Orlik, der ihn ungemein beeindruckt hatte. Es sei «wahnsinnig, wie der schwingt», sagte Glarner. Selbst die Tausenden von enttäuschten Fans im Nordostschweizer Arena-Sektor applaudierten dem Berner. Der wirkliche Champion muss sich nicht selber loben. Das wertvolle Lob kommt zu gegebener Zeit immer von aussen.

Im Schwingen gibt es ungeschriebene Gesetze und einen Verhaltenskodex, die sich von anderen Sportarten stark unterscheiden können. Selbst unter artverwandten Sportarten herrschen zum Teil gegensätzliche Sitten. Im Eishockey gibt es laufend Schlägereien, im Fussball nie. Im Golf herrscht Grabesstille, im Curling wird geschrien. Vor einem grossen Boxkampf erklären sich die Widersacher, wie und in welcher Runde sie einander niederschlagen werden. Im Schwingen begrüsst man sich im Sägemehlring und schaut sich in die Augen.

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