Tsitsipas: Adieu Social Media, hallo Erfolg

Stefanos Tsitsipas soll das Gesicht des Männer-Tennis in den kommenden Jahren sein. Um die Erwartungen erfüllen zu können, musste der Grieche aber erst unsichtbarer werden.

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Strahlemann und auch in London einer der grossen Publikumslieblinge: Stefanos Tsitsipas (Bild: KEYSTONE/AP/KIRSTY WIGGLESWORTH)

Strahlemann und auch in London einer der grossen Publikumslieblinge: Stefanos Tsitsipas (Bild: KEYSTONE/AP/KIRSTY WIGGLESWORTH)

(sda)

Die Beschreibung mag übertrieben sein, aber verschiedentlich wird der 21-jährige Athener Stefanos Tsitsipas als «Greek God» angekündigt. Und tatsächlich ist der Grieche mit der wilden Mähne und dem Surfer-Look neben Roger Federer und Rafael Nadal auch in London der grosse Publikumsliebling. Dabei hatte ausgerechnet in der englischen Hauptstadt eine veritable Krise ihren Anfang genommen.

Nachdem er in Wimbledon in der 1. Runde am Italiener Thomas Fabbiano, der Nummer 89 der Welt gescheitert war, verlor Tsitsipas auch bei drei der nächsten vier Turniere gleich zum Auftakt. Von Mitte Juni bis Ende September gewann er nur gerade drei Matches. Bei der Erstrunden-Niederlage am US Open gegen Andrej Rublew «explodierte» der Grieche dann förmlich. Er legte sich mit dem Schiedsrichter an und bezeichnete gleich alle Franzosen als Spinner.

Federer, Djokovic und Nadal bezwungen

Es war der unrühmliche Tiefpunkt in einem Jahr, das für Tsitsipas so grandios begonnen hatte. Am Australian Open bezwang er Roger Federer und erreichte die Halbfinals, in Madrid schlug er auf Sand Rafael Nadal. Ein Bruch kam in Paris, als Tsitsipas einen dramatischen Fünf-Satz-Krimi gegen Stan Wawrinka verlor. «An diesem Spiel hatte ich lange zu kauen», gab der Grieche später zu.

Es war ein Grund für die Baisse, die folgte. Einen anderen fand Tsitsipas in seinem ausgiebigen Gebrauch von Social Media. «Ich war alle dreissig Minuten auf Instagram.» Die Fans liebten die oft spektakulären und spannenden Posts des Griechen auf grosser Reise. «Aber es machte mich verrückt», musste Tsitsipas feststellen. Deshalb beschloss er nach dem völlig missglückten US Open, alle seine Apps zu löschen und in Zukunft auf Facebook zu verzichten. Seither kümmert sich seine Agentur um die Einträge. Tsitsipas gibt nur noch ab und zu Inputs und nickt die Beiträge ab.

Das half der aktuellen Nummer 6, die ein attraktives und abwechslungsreiches Angriffstennis praktiziert, wieder in die Spur zu finden. An den letzten vier Turnieren resultierten ein Final (Peking), zwei Halbfinals (Schanghai und Basel) und ein Viertelfinal (Paris-Bercy). In Schanghai bezwang er zudem den damaligen Weltranglistenersten Novak Djokovic. Mit 21 Lenzen in einem Jahr die Big 3 zu schlagen, ist alleine schon eine gewaltige Leistung. Und es reichte, um sich komfortabel und als erster Grieche für die ATP Finals zu qualifizieren. Vor einem Jahr gewann er noch die «Next Gen Finals» für Spieler bis 21 Jahre. Nun macht er sich auf, eine Kategorie höher gleich wieder durchzumarschieren.

Die Zukunft des Tennis

Mit überzeugenden Zwei-Satz-Siegen gegen Daniil Medwedew und Titelverteidiger Alexander Zverev qualifizierte sich Tsitsipas bereits vor seinem letzten Gruppenspiel für die Halbfinals. Die anderen beiden Debütanten Medwedew und Matteo Berrettini blieben in ihren ersten zwei Gruppenspielen hingegen ohne Sieg.

Tsitsipas könnte es also vor seiner Partie am Freitagnachmittag gegen Rafael Nadal, der zwingend gewinnen muss, wenn er seine Halbfinal-Chancen wahren will, locker nehmen. Davon will er aber nichts wissen. «Ich werde meine Seele da draussen lassen», versicherte er am Mittwochabend. «Aus solchen Spielen kann ich noch viel lernen.»

Tsitsipas weiss, dass er das Tennis wesentlich prägen wird. «Wir sind die Zukunft», sagt er ohne falsche Bescheidenheit über sich und seine nur wenig älteren Konkurrenten. «Wir sind es, die die Hallen füllen und die Leute dazu bringen werden, Tennis zu schauen.» Dafür braucht er allerdings gar nicht auf die Zukunft zu verweisen. Tsitsipas ist bereits heute ein absolutes Zugpferd - obwohl oder gerade weil er sich in den sozialen Medien rarer macht.