Investoren verwandeln denkmalgeschützte Nazi-Bauten in Luxus-Oasen

«Vorne NS-Monumentalbau, hinten schicke Wohnungen. Das wird dem Bau in jeglicher Hinsicht nicht gerecht», sagt der Architekturkritiker Ralph Lange über einen denkmalgeschützten Nazibau in Hamburgs Villenviertel Harvestehude.

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Das ehemalige Generalkommando der Wehrmacht in Hamburg. In dem Gebäudekomplex befinden sich heute Luxus-Wohnungen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Das ehemalige Generalkommando der Wehrmacht in Hamburg. In dem Gebäudekomplex befinden sich heute Luxus-Wohnungen. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Keystone/dpa/Daniel Reinhardt
(sda/dpa)

Das ehemalige Wehrmachtsgebäude wurde vor einigen Jahren zur Luxus-Wohnanlage umgebaut. In Anbetracht der Kriegsverbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg «hätte man sich mehr historische Sensibilität und Verantwortung gewünscht», findet Lange.

Von vorne wirkt der 1936 errichtete Militärbau mit seinen meterhohen Pfeilern am Eingang und zwei grossen Adlern auf dem Dach wie ein Fremdkörper zwischen Designerhäusern und Patriziervillen. Nach dem Zweiten Weltkrieg liessen junge Hamburger hier jahrzehntelang ihre Hosen herunter, um von den Amtsärzten des Kreiswehrersatzamtes gemustert zu werden.

2006 verkaufte der deutsche Staat das Gebäude an die private Frankonia Eurobau. Mit Zustimmung des Denkmalschutzamtes liess das Unternehmen Teile des Gebäudes - wie etwa die Rückfassade - abreissen und neu bauen. Diese Teile seien nicht erhaltenswert gewesen und deshalb durch zeitgenössische Architektur ersetzt worden, sagt Frankonia-Chef Uwe Schmitz.

Heute heisst das Gebäude «Sophienpalais» und beinhaltet nach Angaben von Frankonia neben 105 Luxuswohnungen auch vier Saunen, einen Fitnessbereich mit Yogastudio und eine von Karl Lagerfeld mitgestaltete Lounge. Von der Geschichte des Gebäudes als Standortkommandantur der Wehrmacht sind unter anderem die Frontfassade und eine Gedenktafel vor dem Eingang geblieben.

Doch wie gut lassen sich Luxus-Wohnungen vermarkten, wenn das Gebäude eine Nazi-Vergangenheit hat? Tatsache ist: Nicht jede Wohnung im Hamburger Sophienpalais ist belegt. Acht davon suchen immer noch einen Käufer, sagt Frankonia-Chef Schmitz. Dennoch bleibt der Bauherr optimistisch: «Das Sophienpalais hat kein Problem mit Leerstand.»

Auch auf der beliebten Ostsee-Insel Rügen hat ein Baudenkmal mit Nazi-Vergangenheit einen Wandel zur Wohlfühloase vollzogen. Im Ortsteil Prora der Gemeinde Binz steht der zwischen 1936 und 1939 erbaute «Koloss von Rügen», ein 2,5 Kilometer langer Betonriegel. Er besteht aus fünf denkmalgeschützten Blöcken, die allesamt nach und nach an private Investoren verkauft wurden, die dort Hotels und Ferienwohnungen errichten liessen.

Christian Dinse, der in einem von zwei Dokumentationszentren in dem Monumentalbau arbeitet, findet, dass die Leidensgeschichten hinter dem Gebäude ausgeblendet würden. «Hier mussten Menschen, vor allem aus Osteuropa während des Krieges Zwangsarbeit leisten. Hier wurden Polizeibataillone ausgebildet, die später an Deportationen von Juden in Vernichtungslager beteiligt waren oder auch Kriegsverbrechen in der Sowjetunion oder Griechenland verübt haben.» All dem werde in Prora zu wenig Rechnung getragen, sagt Dinse.

An einer viel befahrenen Kreuzung in München-Schwabing steht ein denkmalgeschützter Nazi-Bunker, der eine ungewöhnliche Metamorphose zum exklusiven Büro- und Apartmenthaus vollzogen hat. Investor Stefan Höglmaier kaufte den Bau vor einigen Jahren, um ihn aufwendig zu sanieren. Unter anderem liess er Fenster in die zwei Meter dicken Mauern schneiden. Die Geschichte des Gebäudes sei bis in die Wohnungen hinein allgegenwärtig, sagt Höglmaier.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hamburger Sophienpalais hingegen, kommt Hamburgs ehemals oberstem Denkmalschützer Frank Pieter Hesse zu kurz. Hesse leitete das Denkmalschutzamt von 2006 bis 2013. Um die Ursprünge des Gebäudes angemessen zu würdigen, bedürfte es eines öffentlich zugänglichen Dokumentationsortes im Gebäude, an dem über dessen Geschichte und Bedeutung aufgeklärt werde, findet Hesse.

Uwe Schmitz dagegen hält das für unvereinbar mit der gleichzeitigen Nutzung als Wohnanlage. Ähnlich sieht es das Denkmalschutzamt. Die Behörde verweist zudem darauf, dass sie dem Eigentümer keine Nutzungsart vorgeben könne. «Das wäre ein massiver Eingriff in Eigentumsrechte», heisst es.

Hesse berichtet weiter, die Denkmalpflege habe damals schwere Bedenken gegen die Entscheidung für die private Wohnnutzung gehabt, diese aber zurückgestellt, um wenigstens die Frontfassade, das Haupttreppenhaus und den Saal über dem Haupteingang zu erhalten. Schmitz hält dem entgegen, dass eine Nutzung als Verwaltungsgebäude ein «Störfaktor» für den von Wohnhäusern geprägten Standort gewesen wäre. Die Erinnerung an die NS-Geschichte des Hauses sei mit der Gedenktafel vor dem Eingang ausreichend gewürdigt, sagt Schmitz.

Die Erinnerung an die Geschichte des Schwabinger Nazi-Bunkers findet nach Angaben von Stefan Höglmaier unter anderem in Ausstellungsräumen für Kunst und Architektur statt. Dort werde immer auch die Geschichte des Bunkers mit einbezogen, sagt Höglmaier. Die Ausstellungsräume seien eine offene Plattform und sollten eine gesellschaftliche Diskussion über die Rolle der Architektur in der Gesellschaft anregen.

In Deutschland hängt der Umgang mit Baudenkmälern aus der Zeit des Nationalsozialismus laut Ralph Lange immer von den Umständen ihrer Entstehung und ihrer Nutzung in der NS-Zeit ab. «Es gibt somit eine grosse Bandbreite, die sich zwischen relativ unkritischer Weiternutzung und der Umwandlung in ein Mahnmal oder Dokumentationszentrum erstreckt», so Lange.