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Kommentar

Die Geburt des Videobeweises

Sportredaktor Turi Bucher zum Thema Videobeweis.
Turi Bucher, Sportredaktor

Ich war 14 und lief in einem Spiel für meinen Jugendverein mit dem Ball alleine auf das gegnerische Tor zu, umdribbelte auch noch den Torhüter. Der Goalie riss mich zu Boden, der Schiedsrichter eilte sofort herbei. Ich schaute zu ihm hoch, nicht speziell erwartungsvoll, der Fall war ja so sonnenklar. «Lass dir zuerst mal die langen Haare schneiden», schnauzte der Schiri mich an, niederträchtig und höhnisch auf mich herabblickend. Das war, vermute ich, tief in mir drinnen die Geburt des beinahe militanten Videobeweis-Befürworters, der ich heute nun mal bin.

Ganz extrem wurde mein Verlangen nach dem Videobeweis 2002 an der WM in Japan und Südkorea. Während ein südamerikanischer Spieler zur Ausführung des Penaltys schritt, sahen wir zu Hause vor dem TV-Gerät sitzend und die Fans im Stadion an der Anzeigetafel in der Wiederholung der «Foulszene», dass es niemals, niiiiemals einen Penalty hätte geben dürfen.

Zwischen Südkorea/Japan und heute liegen nebst der Einführung des Hawk-Eyes, der Torlinientechnik und des Videobeweises im Tennis, Hockey, Football und so fort teilweise abstruse Anti-Videobeweis-Argumente wie:

«Die Kommunikationswege sind zu langsam, und es würde zu riesigen Verzögerungen führen. … Der TV-Beweis ist ein Schwachsinn.» (Ex-Nati-Goalie Jörg Stiel 2009 in der «Luzerner Zeitung»).

«Generell ist das Argument, dass diese Hilfsmittel den Schiedsrichter unterstützen, meiner Meinung nach dünn … Fehler gehören nun mal zum Fussball.» (Massimo Busacca, ehemaliger Fifa-Schiedsrichter, 2010 in der «SportWoche»).

Inzwischen sagt Busacca als Chef der Fifa-Refs: «Es geht gar nicht mehr anders. Im Stadion stehen heutzutage jedem Zuschauer innerhalb von Sekunden auf seinem Smartphone Replays zur Verfügung.»

«Das ist doch das Schöne am Fussball. Nur weil der reguläre Treffer nicht gegeben wurde, haben wir heute etwas zu diskutieren.» (Luigi Ponte, ehemaliger Zentralpräsident der Schweizer Schiedsrichter, in der «Luzerner Zeitung» 2010).

«Wäre der Fussball wirklich noch so lustig, wenn wir uns nicht über Fehlentscheidungen ärgern könnten?» (Redaktionskollege 2012 in der «Luzerner Zeitung»).

«Wetten, dass das Zuschauerinteresse abnehmen würde, auch weil man nicht mehr stundenlang über einen Schiedsrichterentscheid diskutieren könnte.» (ein anderer Redaktionskollege in der «Luzerner Zeitung» 2013.)

«Der Videoschiedsrichter teilt den Fussball in zwei Klassen. Es wird das passieren, was man stets verhindern wollte, nämlich dass die Profis eine veränderte Form jenes Sports ausüben, den die Amateure betreiben.» (Ex-Fifa-Schiedsrichter Urs Meier 2017 in der «Basler Zeitung»).

«Am Ende gewinnt immer die Mannschaft, die den Sieg verdient hat. Ich glaube da an eine gewisse Gerechtigkeit.» (Ex-Nationaltrainer Rolf Fringer 2017 im «Blick»).

«Der Fussball verliert mit dem Videobeweis an Spontanität und damit an Zauber … der Videobeweis ist ein Rohrkrepierer.» («Blick» 2017).

Jetzt haben wir schon eine lange Weile nichts mehr gehört von ihnen – ja, wo sind sie denn geblieben, die Kritiker des Videobeweises? Es gibt zwei Möglichkeiten:

1. Sie haben zu den Befürwortern gewechselt, sie haben ihre Meinung geändert. Oder auch: Sie haben das Richtige getan.

2. Die naheliegendere Variante: Sie haben sich zurückgezogen und warten ab, bis der nächste Videobeweis-Fehler kommt. Er kommt garantiert. Dann werden sie wieder argumentieren (siehe Zitate-Auflistung). Und sie werden ausblenden, dass vor diesem Fehler statistisch einmal mehr 10 richtige, für alle nachvollziehbare Videobeweis-Entscheidungen stattgefunden haben.

Ich kann es einfach nicht mehr hören, dieses Stammtisch-Geplaudere von wegen «im Fussball gibt es sowieso keine Gerechtigkeit»; «der Videobeweis nimmt dem Fussball die Emotionen»; «auch mit dem Videobeweis wird es weiterhin Fehlentscheidungen geben». Deshalb plädiere ich dafür, den Videobeweis ab sofort auch an den Stammtischen einzuführen, damit sich die Unwissenden ihre nebulösen Nörgeleien selbst in Superzeitlupe anhören und anschauen müssen.

Nachtrag in eigener Sache: Der eingangs erwähnte Ref war weder Massimo Busacca noch Urs Meier, aber wenn ich mich richtig erinnere, hatte er eine Glatze.

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