Interview
25 Jahre St.Galler Kulturmagazin «Saiten»: «Wie eine magische Maschine»

Das St. Galler Kulturmagazin «Saiten» erscheint seit einem Vierteljahrhundert. «Saiten»-Urgestein Adrian Riklin und Redaktorin Corinne Riedener sprechen über den Wandel des Magazins und über dessen Rolle in der Ostschweizer Medienlandschaft.

Adrian Lemmenmeier
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«Saiten»-Redaktorin Corinne Riedener und WOZ-Redaktor Adrian Riklin im Kulturkonsulat in St. Gallen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

«Saiten»-Redaktorin Corinne Riedener und WOZ-Redaktor Adrian Riklin im Kulturkonsulat in St. Gallen. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Im Kulturkonsulat in St. Gallen wird gearbeitet. Die Vorbereitungen auf das Jubiläumsfest des Kulturmagazins «Saiten» laufen. Am Küchentisch sitzen Corinne Riedener und Adrian Riklin bei Kaffee und einem Glas Wasser.

Adrian Riklin, vor 25 Jahren wurde das Kulturmagazin «Saiten» ­gegründet. Weshalb?

Adrian Riklin: «Saiten» füllte ein publizistisches Vakuum. Die Zeit vor 1994 war, aus heutiger Sicht betrachtet, eine sehr bewegte Zeit. In den 1970er-Jahren war St. Gallen noch eine kulturelle Wüste – zumindest was die sogenannte alternative Kultur angeht. Dann entstanden im Rahmen der Achtziger-Bewegung in kurzer Zeit die Grabenhalle, die Kunsthalle, das Kinok, die Comedia, der Schwarze Engel. Das hat sich aber nicht in der Medienlandschaft gespiegelt.

«Saiten» hat die Lücke gefüllt.

Riklin: Ja. Interessanterweise kam «Saiten» aus der Musiker-Ecke. Deshalb auch der Name. Die Leute haben gemerkt, dass sie eine Plattform brauchen, um Konzerte anzukünden und zu besprechen. Eine Gruppe, bestehend aus meinem Bruder Roman, Jürgen Wössner, Rubel Vetsch, Gögs Andrighetto und anderen, hat dann das Magazin gegründet. Schnell hat man gemerkt, dass das Vakuum nicht nur die Musik betraf, sondern den ganzen Kulturbereich. Und so behandelte man auch kulturpolitische Themen.

Anfänglich waren also keine gelernten Journalisten dabei?

Riklin: Nein. Wir hatten uns viel Mühe gegeben, journalistisch zu arbeiten. Doch die erste Nummer war voller Fehler. Das Heft hatte aber Charme – eine Mischung aus Jugendzeitschrift und seriösem Magazin.

Sie waren acht Jahre beim «Saiten». Gibt es einen Moment, den Sie nie vergessen?

Riklin: Sicher sehr wichtig war die Veränderung der Ostschweizer Medienlandschaft Ende der 1990er-Jahre. 1996 ging die «Ostschweizer Arbeiterzeitung» ein. Ein Jahr später übernahm das «Tagblatt» die Zeitung «Die Ostschweiz». «Saiten» machte damals eine Ausgabe dazu: «Die letzten Tage der Ostschweiz».

Wie hatte sich die Abnahme der Medienvielfalt auf «Saiten» aus­gewirkt?

Riklin: Wir hatten auf einmal eine grössere Bedeutung. Auch die Erwartungen an «Saiten» wurden ruckartig stärker spürbar. In linken Kreisen gab es die Idee, «Saiten» als Wochenzeitung zu etablieren. Oder als linksliberales Kulturmagazin mit einem starken politischen Teil.

Warum ist diese Wochenzeitung nie entstanden?

Riklin: Ein Wochenblatt mit Substanz und Vielfalt hätte grossen finanziellen Aufwand bedeutet. Auch war es uns wichtig, die Unabhängigkeit zu wahren. Einerseits gegenüber anderen Medien, andererseits gegenüber politischen Interessen. Ich habe «Saiten» nie als rein linkes Magazin verstanden.

Corinne Riedener, auch heute verändert sich die Medienlandschaft. Gibt es ähnliche Diskussionen?

Corinne Riedener: Durchaus. Auch heute gibt es Leute, die fordern, «Saiten» solle Bereiche abdecken, die zum Beispiel im «Tagblatt» keinen Platz haben. Auch die Idee der Wochenzeitung geistert immer wieder rum. Knackpunkt sind die Ressourcen: Zeit, Geld, Leute. Aber dank unserer Webseite ist «Saiten» heute beides: Tagesmedium und Monatsmagazin.

Wo steht denn «Saiten» finanziell?

Riedener: Wir stehen auf sichereren Füssen als früher. Wir konnten stabil wachsen und können heute Löhne auszahlen, von denen man leben kann. Entgegen dem Trend haben wir überhaupt keine Einbussen bei den Inseraten. Irgendwie funktioniert das.

Was ist das Besondere an «Saiten»?

Riklin: «Saiten» war schon immer ein gestalterisches Spielfeld. Das Heft ist eine Materialisierung von Ideen verschiedener Leute aus der Region. Leute, die gestalten, hinterfragen, analysieren. So werden immer auch andere Leute angeregt. Es ist wie eine magische Maschine. Natürlich ist Saiten auch eine Möglichkeit für Jüngere, sich im Journalismus zu entwickeln. Man sieht das auch daran, wie viele Leute bei «Saiten» anfangen und nachher zur WOZ gehen. Fast schon unheimlich viele ...

Am heutigen «Saiten»-Fest wird auch die IG Kultur gegründet. Was will die Gruppe?

Riedener: Die IG Kultur ist eine möglichst offene Vereinigung von Kulturinteressierten und Kulturschaffenden. Das wird von «Saiten» angestossen. Sobald der Karren läuft, soll «Saiten» nicht mehr involviert sein. Wir wollen die Unabhängigkeit bewahren, das ist uns wichtig. Aber der Grund ist der: Wir leben in einem Sparkanton. Als erstes wird bei der Kultur gestrichen. Da ist es wichtig, dass man sich zusammenschliesst, um eine lautere Stimme zu haben – und zwar über den Stadt-Land-Graben hinaus.

Eine Stimme für die Kultur schaffen – und gleichzeitig kritisch über Kultur berichten. Geht das?

Riedener: Natürlich. Wir schreiben ja immer noch journalistisch über Kultur. Aber ja, vielleicht könnten wir manchmal kritischer sein.

Riklin: Das Problem hatten wir schon früher: den Spagat zwischen Public Relations und kritischer Auseinandersetzung. Hinten im Kalender gab es Vorschauen auf Konzerte – und vorne Rezensionen. Das war immer ein Konflikt.

Wie hat sich «Saiten» sonst noch verändert?

Riedener: Das Heft wurde mit der Zeit immer dicker. Seit einigen Jahren haben wir eine Webseite mit tagesaktuellen Texten. Auch sind wir mittlerweile drei Leute auf der Redaktion statt zwei, alles gelernte Journalisten. Auch spielen Frauen eine wichtigere Rolle. «Saiten» war früher von Männern dominiert.

Wo steht «Saiten» heute in der journalistischen Landschaft der Ostschweiz?

Riedener: Wir wollen uns nicht zu wichtig nehmen. Aber «Saiten» war schon immer ein Gegenentwurf zu den klassischen Medien. Mir wäre es am liebsten, die Leute würden das «Tagblatt», ­«Saiten» und noch eine Zeitung mehr lesen – gäbe es eine grössere Medienvielfalt in der Ostschweiz. Bei unserem Medium haben wir das Glück, dass wir mehr Zeit haben, um in die Länge und in die Tiefe zu gehen.

Corinne Riedener, Sie sind seit sechs Jahren bei «Saiten». Gibt es für Sie den unvergesslichen Moment?

Riedener: Grossartig ist immer jener Moment, wenn das neue Heft in den Druck geht. Von den Ausgaben her ist mir das erste Heft, an dem ich als Redaktorin gearbeitet habe, geblieben. Es ging um Missbrauch – ein hartes Thema. Auch das Fest am Samstag dürfte ein unvergesslicher Moment werden.

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