Schicksal
Erst als seine eigene Erfindung ihn beinahe umgebracht hätte, entschloss sich ein ukrainischer Ingenieur zur Flucht – nun wohnt er in Arbon

Nadia Bandura floh mit ihrem Vater Iwan Mykolajewitsch vor dem Krieg in der Ukraine. Die Musik hilft ihr bei der Integration im Oberthurgau, und er besucht Yogastunden.

Manuel Nagel
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Nadia Bandura und ihr Vater Iwan Bandura aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw stehen im Garten des Pflegeheims Sonnhalden in Arbon, wo sie gemeinsam ein Zimmer bewohnen.

Nadia Bandura und ihr Vater Iwan Bandura aus der ukrainischen Millionenstadt Charkiw stehen im Garten des Pflegeheims Sonnhalden in Arbon, wo sie gemeinsam ein Zimmer bewohnen.

Bild: Manuel Nagel (Arbon, 29. September 2022)

«Lastotschka moja», sagt Nadia Bandura mit einem Lächeln im Gesicht, schaut ihren Vater bewundernd an und hält seine Hand. Die Tochter ist sichtbar stolz auf ihren Papa, und die Bezeichnung «Schwalbe» ist im Russischen eine liebevolle Bezeichnung für einen Menschen, der einem sehr lieb und teuer ist. Die Bindung zwischen Nadia und Iwan Mykolajewitsch Bandura ist sehr eng. Ganz besonders zurzeit, denn die beiden teilen sich seit dem 10. April ein Zimmer im Pflegeheim Sonnhalden in Arbon, wo sich einst das Spital der Stadt befand.

Auf wenigen Quadratmetern mit einem Elternteil seit bald einem halben Jahr zusammenzuleben, das dürfte nicht jedermanns Sache sein, aber kein Wort des Haderns oder der Klage kommt über Nadia Banduras Lippen. Im Gegenteil. «Ich bin sehr dankbar, dass wir hier sein dürfen», sagte sie auf Russisch, doch sie könnte sich ebenso in Englisch, Griechisch oder Polnisch verständigen. Aktuell lernt sie Deutsch, geht zweimal pro Woche in einen Kurs, den das Heks in Romanshorn anbietet.

«Grüezi», ruft sie zwei älteren Personen im Garten des «Sonnhalden» zu, und diese lächeln zurück. Sie kennen Nadia Bandura von den Klavierkonzerten, die sie regelmässig im Pflegeheim gibt. Aber wahrscheinlich erahnt niemand, welch eine Klassemusikerin hier für sie gratis ihr Können zum Besten gibt.

Die 47-jährige Musikerin und der 82-jährige Ingenieur sind froh, hier im Oberthurgau Zuflucht gefunden zu haben.

Die 47-jährige Musikerin und der 82-jährige Ingenieur sind froh, hier im Oberthurgau Zuflucht gefunden zu haben.

Bild: Manuel Nagel (Arbon, 29. September 2022)

Zwei Jahre in Boston, sieben Jahre in Griechenland tätig

Banduras stammen aus Charkiw im Osten der Ukraine, gerade mal 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Rund eineinhalb Millionen Menschen lebten einst dort, es ist nach der Hauptstadt Kiew die zweitgrösste Stadt des Landes. Nadia Bandura ist eine begnadete Pianistin und unterrichtete die letzten fünf Jahre an der Nationalen Universität der Künste in Charkiw –, bis am 24. Februar die russischen Streitkräfte einmarschierten und ihre Heimatstadt seither Tag für Tag mit Bomben eingedeckt haben.

Vor 2017, als Nadia wegen des Gesundheitszustands ihres Vaters zurück in die Heimat kam, arbeitete sie sieben Jahre in Griechenland, war auch mal für zwei Jahre in Boston tätig und kennt Europa ziemlich gut von ihren Konzertreisen. Auch in der Schweiz war sie vor vielen Jahren, als sie in Vevey am renommierten internationalen Klavierwettbewerb Clara Haskil teilnahm. Ihr Vater Iwan hingegen, der hatte bis dato das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion noch nie verlassen.

Und das hatte er eigentlich auch nicht im Sinn, obwohl der Krieg allgegenwärtig war rund um seine Wohnung. Nadia Bandura sagt:

«Papa wollte nicht weg.»

Sie selber hätte Charkiw schon viel früher verlassen, gesteht sie, doch ohne ihren Vater kam eine Flucht für sie nicht in Frage. Doch dann kam dieser 5. April, der Iwan Bandura zum Umdenken bewog. Er wollte von seiner Wohnung zur Garage, um Dokumente zu holen, als nur einige Meter von ihm entfernt eine russische Rakete einschlug und eine Nachbarin tötete.

Selbst die Eltern durften nicht wissen, wo er arbeitete

Diese Geschichte ist nicht ohne Ironie. Eine schreckliche Ironie, denn Iwan Mykolajewitsch war zu Zeiten der Sowjetunion ein hoch angesehener Ingenieur. Geboren 1940, kurz bevor das Land in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde, begann er als 14-Jähriger sein Studium in Elektrotechnik. Mit 19 Jahren unterstützte er seine Eltern bereits finanziell und durfte ihnen nicht mal erzählen, dass er in der Nähe von Astrachan am Kaspischen Meer den Start des ersten Satelliten der Welt, des Sputnik, vorbereitet. Iwan Bandura sagt lächelnd:

Iwan Mykolajewitsch Bandura war ein hoch angesehener Ingenieur in der Sowjetunion.

Iwan Mykolajewitsch Bandura war ein hoch angesehener Ingenieur in der Sowjetunion.

Bild: Manuel Nagel (September 2022)
«Ich hatte eine Postfachadresse in Moskau und die Eltern dachten, ich sei dort.»

Am Ende seiner Karriere liefen nicht weniger als 186 Patente auf seinen Namen. Zum Beispiel war Iwan Bandura mit seinen Erfindungen massgeblich daran beteiligt, dass die Raumschiffe automatisch an die internationalen Raumstationen Mir und später ISS andocken konnten, während auf amerikanischer Seite immer noch alles manuell geschah, wie er erzählt.

Andere Patente von Iwan Bandura wurden verwendet für Flugsteuerungssysteme – und hier kommt nun die Tragik ins Spiel – unter anderem auch für jene ballistischen Raketen, mit denen nun seine Heimatstadt beschossen sowie Banduras Nachbarin, und mit ihr beinahe auch er selbst, getötet wurde.

Flucht über die Slowakei und Wien in die Schweiz

So entschlossen sich der Vater schweren und die Tochter leichten Herzens, die Stadt zu verlassen. Geholfen hat den beiden der Mann ihrer besten Freundin. «Sie ist Russin», fügt Nadia Bandura noch an, und deren Mann sei Ukrainer. Es scheint, als wolle sie mit dieser einen Nebenbemerkung den ganzen Irrsinn dieses Krieges aufzeigen, besonders in der Stadt, die so nahe bei Russland liegt und so viele Verbindungen zum Nachbarland hat – oder hatte, wie man jetzt wohl konstatieren muss.

Banduras wurden also zum Bahnhof gebracht, wo die Evakuierungszüge in den Westen der Ukraine losfuhren. An sich wäre die Fahrt in Friedenszeiten nicht besonders zu erwähnen, wenn denn Taxis oder öffentliche Verkehrsmittel gefahren und die Strassen sicher gewesen wären. So aber war der Mann ihrer Freundin Retter in der Not. Via Uschgorod an der Grenze zur Slowakei reisten Tochter und Vater über Wien und Buchs in die Schweiz ein, und wurden dann vom Bundesasylzentrum Altstätten nach Arbon geschickt.

Zwei Klavierkonzerte in Arbon und in Amriswil

Die ukrainische Pianistin Nadia Bandura gibt am 2. Oktober, um 17 Uhr, in der evangelischen Kirche Arbon sowie am 23. Oktober, um 17 Uhr, im evangelischen Kirchgemeindehaus Amriswil ein Konzert und spielt dabei Musik von Ludwig van Beethoven, von Frédéric Chopin und von Wolfgang Amadeus Mozart. Der Eintritt ist frei, die Kollekte kommt vollumfänglich dem Wiederaufbau des Musikkonservatoriums in Banduras Heimatstadt Charkiw zugute. (man)

Eine Momentaufnahme des Kleinen Saals des Nationalen Musikkonservatoriums in Charkiw, wo Scheiben zerborsten sind.

Eine Momentaufnahme des Kleinen Saals des Nationalen Musikkonservatoriums in Charkiw, wo Scheiben zerborsten sind.

Bild: PD

Noch im April musste Nadia Bandura wegen eines Tests nach Amriswil und ging zufällig in die evangelische Kirche, wo Organistin Dagmar Grigarová gerade für einen Anlass probte. Die beiden Musikerinnen verstanden sich auf Anhieb und so kam es, dass nun die Evangelische Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri die ukrainische Pianistin mit der Durchführung eines Konzerts (siehe Kasten oben) unterstützt.

Yogalektionen und Fahrradausflüge an den Bodensee

Musik sei für sie in dieser Zeit wie eine Therapie, sagt Nadia Bandura.

Nadia Bandura trat als Musikerin in ganz Europa auf und arbeitete in Griechenland und in den USA.

Nadia Bandura trat als Musikerin in ganz Europa auf und arbeitete in Griechenland und in den USA.

Bild: Manuel Nagel (September 2022)
«Wenn ich nicht Klavier spielen könnte, würde ich depressiv werden.»

Deshalb bereitet es ihr grosse Freude, wenn sie für die demenzkranken Bewohner des «Sonnhalden» spielen kann. Sie spüre, welche Aufmerksamkeit ihr von diesen Menschen entgegengebracht werde, sagt sie. Auf der anderen Seite dürfe ihr Vater von der Infrastruktur und den Angeboten des Pflegeheims profitieren, etwa wenn er dort an Yogastunden teilnehmen dürfe.

Ausserdem habe ein Heimmitarbeiter ihrem Vater ein Velo ausgeliehen. Damit habe er im Sommer regelmässig Ausfahrten unternommen, so etwa nach Egnach, wo er jeweils im Bodensee schwimmen gegangen sei, erzählt Iwan Bandura.

Doch Vater und Tochter waren auch sonst ziemlich aktiv. Als die SBB in den ersten Wochen und Monaten Geflüchtete aus der Ukraine noch kostenlos mit dem ÖV fahren liessen, machte das Duo einige Tagesausflüge. Sie habe ihrem Vater die Schönheit der Schweiz zeigen wollen. Seinetwegen habe sie sich auch entschieden, hierherzukommen, sagt Nadia Bandura.

«Ich würde mich überall in Europa zurechtfinden.»

Doch ihrem Vater, der eigentlich seine Heimat nicht verlassen wollte, habe sie gesagt, dass es in der Schweiz am sichersten sei, dass es in diesem Land sicher keinen Krieg geben werde.

Sie spielt im Pflegeheim Sonnhalden für demenzkranke und andere Bewohner regelmässig Klavier, er nimmt an Yogastunden teil oder fährt mit dem Velo aus.

Sie spielt im Pflegeheim Sonnhalden für demenzkranke und andere Bewohner regelmässig Klavier, er nimmt an Yogastunden teil oder fährt mit dem Velo aus.

Bild: Manuel Nagel (Arbon, 29. September 2022)

Wie es nun für sie beide weitergehe? Weder Nadia noch ihr Vater Iwan wollen darüber spekulieren. Sie sind einfach froh, in Sicherheit zu sein und erfreuen sich an kleinen Dingen. So besucht Iwan Bandura täglich die Ziegen, die im Garten des «Sonnhalden» in einem Gehege leben, und die er auch vom Fenster seines Zimmers beobachten kann. «Die Tiere kennen mich und kommen auf mich zu, weil ich ihnen hin und wieder ein paar Blätter zu fressen mitbringe», erklärt der 82-Jährige und lächelt dabei zufrieden.