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«Das Trauma bleibt für immer»: Wie vor 70 Jahren einer ostpreussischen Familie die Flucht ins Appenzellerland gelang

Gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester flüchtete Klaus Rodowski gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von Ostpreussen ins Appenzellerland. Die abenteuerliche Flucht der Familie ist Thema einer neuen Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten in Speicher.
Claudio Weder
Blick in die Vergangenheit: Als Kind hat Klaus Rodowski Weltgeschichte hautnah miterlebt. (Bild: Claudio Weder)

Blick in die Vergangenheit: Als Kind hat Klaus Rodowski Weltgeschichte hautnah miterlebt. (Bild: Claudio Weder)

«Einmal hatten wir in einem Keller Unterschlupf gefunden. Die Pferde mit den Wagen blieben im Freien. Als der Grossvater in der Abenddämmerung einen Kontrollgang zu den Pferden und Wagen machte, wurde er von einer Granate getroffen. Zwei Tage später starb er an den schweren Verletzungen.» Obwohl Klaus Rodowski damals erst vier Jahre alt war, erinnert er sich noch genau an jene Nacht.

Es war im Januar 1945, als sich die Familie Rodowski, darunter Mutter Gertrude mit ihren beiden Kindern Klaus und Gisela, auf die beschwerliche Flucht aus dem ostpreussischen Banaskeim ins Appenzellerland machte. Nicht an jede Einzelheit dieser abenteuerlichen Reise könne sich der heute 77-Jährige so gut erinnern wie an den Tod seines Grossvaters, sagt er.

Vieles habe sich erst durch spätere Erzählungen seiner Mutter und seiner Schwester sowie durch eigene Nachforschungen zu einem Ganzen zusammengefügt. Diese gleichermassen bewegte wie bewegende Lebensgeschichte, in deren Zentrum aber nicht er selber, sondern seine Mutter steht, ist Thema der neuen Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten in Speicher, die am Samstag eröffnet wird.

Die Flucht als einziger Ausweg

Gertrude Charlotte Rodowski-von Känel wurde 1911 als achtes von zehn Kindern eines Schweizer Auswanderers in Ostpreussen geboren. Ihre Kinderjahre verliefen harmonisch. «Die Schulen waren gut. Das Leben auf dem Land gab ihr ein gefestigtes Lebensgefühl», erzählt ihr Sohn Klaus.

Dies änderte sich schlagartig, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Zwar war die ostpreussische Provinz als eine von Polen und Litauen umgebene Insel vom übrigen Deutschen Reich getrennt, dennoch machte sich der Nationalsozialismus auch dort bemerkbar – spätestens ab 1944, als im Zuge des Vormarschs der Roten Armee auch Klaus Rodowskis Vater in die Wehrmacht einrücken musste und kurz darauf bei einem Bombenangriff sein Leben verlor.

Eroberung Ostpreussens durch die Rote Armee 1944-1945 (Bild: Stadtmuseum Tilsit)

Eroberung Ostpreussens durch die Rote Armee 1944-1945 (Bild: Stadtmuseum Tilsit)

Ende 1944 wurde die Lage in Ostpreussen immer dramatischer, der unaufhaltsame Vormarsch der Russen schürte Ängste bei der Zivilbevölkerung. «Gross war die Furcht vor russischer Vergeltung. Vor allem wegen der nahen Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier.» Für die Familien Rodowski und von Känel gab es nur einen einzigen Ausweg: die Flucht aus ihrer Heimat.

Flucht aus Ostpreussen vor der Roten Armee 1945. (Bild: Bundesarchiv)

Flucht aus Ostpreussen vor der Roten Armee 1945. (Bild: Bundesarchiv)

«Es waren lange Märsche über vereiste, hoffnungslos verstopfte Strassen. Viele starben in der eisigen Kälte oder an Hunger.»

Auch Mutter Gertrude zog sich Erfrierungen zu, welche ihr für das ganze weitere Leben Beschwerden verursachten. «Doch sie gab niemals auf – ihr höchstes Ziel war es, uns Kinder um jeden Preis durchzubringen.» Mit Erfolg: Gertrude Rodowski und ihren drei Kindern gelang die Flucht nach Berlin und von dort in die Schweiz. 46 Jahre lang lebte sie im Appenzellerland, bevor sie 1996 in Speicher starb.

Gertrude Rodowski mit ihren beiden Kindern Klaus und Gisela in Berlin 1946. (Bild: Familienarchiv Rodowski)

Gertrude Rodowski mit ihren beiden Kindern Klaus und Gisela in Berlin 1946. (Bild: Familienarchiv Rodowski)

Ein Kampf ums Überleben

Was von der Flucht geblieben ist, ist das Trauma – «dieses bleibt für immer», sagt Rodowski. Mehrmals seien er und seine Familie nur knapp dem Tod entronnen. 1945 verloren die Rodowskis und die von Känels bei einem Zwischenhalt beide Grossväter sowie ein Grossteil des Hab und Guts.

«Meine Mutter sah sich zur Rückkehr gezwungen und fand in Sdunkeim, dem von den Russen kontrollierten Wohnort ihrer Schwiegereltern, Unterschlupf.» Das Leben dort sei von Angst und Ungewissheit geprägt gewesen.

«Eines Tages rief uns Mutter zu, dass wir aus dem Versteck kommen sollten. Sie sass auf dem Bettrand und nahm je ein Kind an ihre Seite, derweil ein Soldat eine Pistole auf sie gerichtet hatte.»

Zum grossen Glück sei ein Offizier dazukommen, der den Soldaten aus dem Zimmer gewiesen habe. «Viele kennen die Vergangenheit von mir und meiner Mutter nicht», sagt Klaus Rodowski. Dies soll sich mit der neuen Ausstellung nun ändern.

Hinweis: Die Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten in Speicher dauert von 19. Mai bis 31. Oktober. Die Vernissage findet am Samstag um 17 Uhr statt. Die Geschichte der Flucht aus Ostpreussen ist auch auf wikispeicher nachzulesen.

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