Der Herisauer Einwohnerratspräsident zur Abwahl Renzo Andreanis: «Die Bevölkerung will eine Veränderung – egal was, egal wie»

Thomas Forster ist Einwohnerratspräsident und Interimspräsident der SP Herisau. Im Interview nimmt er Stellung zur Abwahl von Gemeindepräsident Renzo Andreani und sagt, wie seine Partei den Wahlausgang beurteilt.

Alessia Pagani
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Was ändert sich mit der Wahl von Kurt Geser in der Zusammenarbeit zwischen Gemeinde- und Einwohnerrat?

Thomas Forster ist Präsident des Herisauer Einwohnerrates (Bild: CAL)

Thomas Forster ist Präsident des Herisauer Einwohnerrates (Bild: CAL)

Auf der Sachebene ändert sich nur wenig. Die Kompetenzen von Gemeinde- und Einwohnerrat sind in der Gemeindeordnung klar festgelegt. Zudem ist der Gemeindepräsident, wie alle anderen Gemeinderäte auch, in das Kollektivsystem eingebunden. Sein persönlicher Handlungsspielraum ist nicht allzu gross. Ein anderes Thema ist das politische Klima und das Arbeitsklima in der Verwaltung. Vertrauen schafft man durch Offenheit, Klarheit und seriöse Arbeit. Die Stimmbevölkerung ist, wie die Wahlen gezeigt haben, mit der Geduld langsam am Ende. In kürzester Zeit werden Resultate erwartet. Sich als Politneuling in die laufenden Geschäfte und in die Finanzen einzuarbeiten braucht aber Zeit. Hier steht Geser vor einer Herkulesaufgabe und die Verwaltung vor viel Zusatzarbeit. Ich bin aber überzeugt, dass der neue Gemeindepräsident und die beiden neuen Gemeinderäte die dafür notwendige Unterstützung erhalten werden.

Was sagen Sie zur Abwahl von Renzo Andreani?

Bei der Erstellung der Wahllisten der Parteien war die Kandidatur von Kurt Geser noch nicht bekannt. Auch die SP Herisau hat Renzo Andreani unterstützt. Wir bedauern seine Abwahl. Wir hätte eine gewisse Kontinuität im Gemeindepräsidium bevorzugt. Aus dem Blickwinkel der Fairness ist irritierend, dass Renzo Andreani zumindest öffentlich keine groben Fehler oder Vernachlässigungen vorgeworfen wurden oder vorgeworfen werden.

Wo sehen Sie mögliche Gründe für die Abwahl?

Die Bevölkerung will eine Veränderung, egal was und wie. Hauptsache eine Änderung. Das ist etwas diffus. Offensichtlich nimmt man dafür auch Unbekanntes in Kauf. Kurt Geser ist politisch ein unbeschriebenes Blatt. Kaum jemand kennt ihn und seine Gesinnung. Er war am öffentlichen Podium wenig konkret und sehr allgemein in seinen Äusserungen. Er ist schwer einzuschätzen.

Weshalb haben sich die Stimmbürger dennoch für Geser ausgesprochen?

Es war wohl keine Wahl von Kurt Geser, sondern eher eine Abwahl von Renzo Andreani. Es könnte auch eine «Denkzettel-Wahl» gewesen sein, die letztlich nicht so geendet hat wie gedacht. Renzo Andreani wurde vor sechs Jahren äussert knapp gewählt, mit dem Argument: «Ein Herisauer für Herisau». Viele wählten ihn aufgrund dieser Tatsache und vielleicht nicht, weil sie ihn als Person wollten. Diesmal standen zwei Herisauer zur Auswahl. Eine weitere Überlegung ist: die FDP hatte seinerzeit das Gemeindepräsidium an die SVP verloren. Das passte vielleicht auch vielen Stimmenden nicht und man nutzte nun die Gelegenheit für eine Korrektur. Die Gründe sind vermutlich so vielfältig wie die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Es gibt nun mal nicht «Das Volk», auch wenn uns das gewisse Parteien immer wieder einzureden versuchen.

Haben die Parteien die Lage falsch eingeschätzt?

Ich denke, das müssen wir als SP leider mit Ja beantworten. Es ist für uns unverständlich, dass jemand in ein solch anspruchsvolles Amt gewählt wird, ohne jegliche politische Erfahrung. Offenbar genügt es heute anders oder parteiunabhängig und ein Herisauer zu sein, um Gemeindepräsident zu werden. Politische Erfahrung ist nicht mehr ein gewichtiges Kriterium.

Wie nahe am Volk sind die Parteien noch?

Diese Frage wird oft gestellt und ist schwer zu beantworten. Klar scheint, dass eine gewisse Kluft besteht. Man sollte das aber nicht überbewerten. Diese Kluft hat es schon immer gegeben. Die Politiker haben oft einen Wissensvorsprung und es ist nicht immer einfach, zunehmend komplexere Zusammenhänge und daraus getroffene Entscheide auf informative verständliche Weise zu kommunizieren. Der Unterschied zu früher ist darin zu suchen, dass man uns früher eher Glauben schenkte und heute, dank Jahrzehnte langem draufhauen, der «Class Politique» nichts mehr glaubt und kein Vertrauen mehr schenkt. Etwas provokant könnte man die Frage auch umgekehrt stellen. «Wie weit haben sich die Stimmbürger von der Realpolitik entfernt»? Die Politik interessiert nur noch, wenn sie Spektakel verspricht, die Basisarbeit, die Routinearbeit und die Tagesgeschäfte interessiert kaum jemand. Es ist einfacher alles in den sozialen Medien zu kritisieren. Leider können dann solche «Polterer» oft nicht für die Übernahme von Mitverantwortung in einem Amt gewonnen werden, obwohl dies für politische Prozesse wichtig wäre. Von uns Parteien wird dann aber erwartet, für all die Ämter und Kommissionen geeignete Kandidaten zu finden. Wir machen das selbstverständlich aber in diesem politischen Klima wird es in Zukunft sicher nicht einfacher werden.