Speerspitz

St. Moritz zwischen Baustelle und Jetset Ende Oktober, Anfang November habe ich zwei Wochen in St. Moritz verbracht. Nicht etwa, um mich auf die faule Haut zu legen. Nein. Ich habe zwei Wochen Ferien der Weiterbildung geopfert.

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St. Moritz zwischen Baustelle und Jetset

Ende Oktober, Anfang November habe ich zwei Wochen in St. Moritz verbracht. Nicht etwa, um mich auf die faule Haut zu legen. Nein. Ich habe zwei Wochen Ferien der Weiterbildung geopfert. Doch darum geht es gar nicht, sondern um die Eindrücke der dortigen Vorsaison, die ich als Wahl-Toggenburger gesammelt habe.

Mit dreizehn anderen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, residierte ich im Hotel Waldhaus am See, dem besten Dreisterne-Hotel der Schweiz, das über die weltweit grösste Whisky-Bar verfügt. Geschneit hatte es zumindest in der ersten Woche genügend. Kein Wunder. Das alpine Dorf liegt auf 1822 Metern über Meer, über 700 Meter höher als Wildhaus. In St. Moritz leuchtete 1878 die erste Glühbirne der Schweiz. In St. Moritz fuhr am 5. Juli 1896 das erste elektrisch betriebene Tram der Schweiz. In St. Moritz reiht sich Reich an Reich.

Doch von ihnen war noch nicht viel zu sehen. Vorsaison, klärten mich die Einheimischen auf. Das Dorf selbst glich einer riesigen Baustelle. Kräne und Absperrungen dominierten das Ortsbild. Und jede Menge Bauarbeiter. St. Moritz putzt sich heraus, macht sich schön für den Jetset, ist wie eine Braut, die sich auf die Hochzeit vorbereitet. Mit dem Unterschied, dass St. Moritz Jahr für Jahr dasselbe Ritual durchläuft. Der schiefe Turm der abgebrochenen Mauritiuskirche scheint Wahrzeichen und Symbol zugleich.

Ein Mitarbeiter des Hotels Waldhaus am See blickt durchs grosse Fenster des Speisesaals hinauf ins Dorf. «Ein hässliches Dorf», sagt er trocken. Die Dörfer rund um St. Moritz hätten wirklich Charme, seien typische Bündner Dörfer. Und hier in St. Moritz würden schöne alte Bündnerhäuser abgerissen, um Hotels oder Prunkvillen hinzustellen, begründet er seinen Unmut.

Vielleicht vergeht dem einen oder anderen Toggenburger ob diesen Schilderungen ein bisschen das Selbstmitleid und ein Lichtlein geht auf: Auch dort, wo die Sonne besonders hell scheint, gibt es Schatten.

Matthias Giger

matthias.giger @toggenburgmedien.ch