«Rücksichtsloser Turbokapitalismus»

Martin Luginbühl ist Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Basel. Dort beschäftigt er sich vor allem mit der Sprachverwendung in den Medien. Er hat eine Erklärung dafür, warum «Germany's Next Topmodel» bei jungen Frauen so gut ankommt.

Katharina Brenner
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Topmodel Heidi Klum ist Chefin der Show «Germany's Next Topmodel». (Bild: Keystone)

Topmodel Heidi Klum ist Chefin der Show «Germany's Next Topmodel». (Bild: Keystone)

Immer noch bewerben sich Tausende bei GNTM, auch wenn aus der Sendung bisher kein Topmodel hervorging. Was macht das Format so attraktiv für junge Frauen?

Martin Luginbühl: Ganz offensichtlich ist es nicht der längerfristige Erfolg, der motiviert, sondern die Medienpräsenz und die damit verbundene vorübergehende mediale Prominenz. Diese ist offenbar ein so grosser Wert an sich geworden, dass die Teilnehmerinnen dafür fast alles tun – auch sich öffentlich blossstellen lassen.

Ist die Sendung für die Entwicklung junger Frauen kritisch zu betrachten?

Luginbühl: Auf jeden Fall. Zunächst einmal wird ein weibliches Schönheitsideal propagiert, das nur wenig Variation und Individualität zulässt. Zudem wird in derartigen Castingshows das Credo eines rücksichtslosen Turbokapitalismus eingeübt: Man muss im Beruf pausenlos alles geben, ist Einzelkämpferin, wer es nicht schafft, ist letztlich selber verantwortlich. Und nur die Beste gewinnt.

Spiegelt die Sendung da nicht letztlich die Arbeitswelt wider?

Luginbühl: Ein Stück weit schon. Aber Medien spiegeln nie nur etwas wider. «Germany's Next Topmodel» ist eine Zuspitzung dieser Verhältnisse. Der springende Punkt ist, dass in der Sendung von Anfang an diese Strukturen als gegeben angenommen werden. Sie werden gar nicht erst hinterfragt. Es wird behauptet, dass Erfolg nur durch ein ständiges Gegeneinander und in einem endlosen Wettkampf möglich sei. Wer sagt, dass es am Ende nicht auch zwei oder drei Topmodels geben kann?

Wie schätzen Sie die Rolle von Heidi Klum ein?

Luginbühl: Weil es um den ständigen Wettkampf geht, ist es sehr zynisch, wenn es der Moderatorin jeweils leid tut, wenn jemand gehen muss. Heidi Klum inszeniert sich als strenge Richterin und als empathische Kollegin. Auch die Teilnehmerinnen werden in bestimmten Rollen gezeigt: «die Zicke», «die Schüchterne» oder «der Hippie». Durch die stereotypen Frauenrollen entsteht eine Mischung, bei der der Zuschauer nie genau weiss, was echt und was inszeniert ist.

Gibt es für die Zuschauerinnen auch positive Aspekte der Sendung?

Luginbühl: Dass die Sendung gerade bei Teenagern so erfolgreich ist, zeigt, dass diese der Sendung etwas Positives abgewinnen können. Dazu gehören dürfte die Tatsache, dass es derartige Sendungen erlauben, sich selbst immer gegenüber den Charakteren der Sendung zu positionieren, man kann sich mit einzelnen solidarisieren, sich über sie aufregen oder aber Mitleid empfinden. Dies ermöglicht es auch – und das ist ja gerade für Jugendliche im Teenageralter zentral –, sich seiner eigenen Identität zu versichern.

Laura Baumgärtner sagt, sie habe als Mädchen mit Hilfe der Sendung das Gehen auf dem Laufsteg geübt. Wie schätzen Sie solche Formen der Nachahmung ein?

Luginbühl: Sie zeigen, welche enorme Wirkung das Medium Fernsehen haben kann, gerade mit Unterhaltungsformaten. Sprachwissenschaftliche Studien legen nahe, dass die Art und Weise, wie Frauen sprechen, von medialen Vorbildern beeinflusst werden kann. Diese Wirkung kann sich in der hier erwähnten Form aber wohl nur entfalten, wenn die Sendungen unkritisch konsumiert werden – was bei Kindern der Fall ist. Es ist deshalb wichtig, durch Medienkritik den Blick der Eltern zu schärfen. Die Schule hat eine wichtige Rolle in der Medienpädagogik.