Bahnausbau 2035: Die lange Fahrt zur
S-Bahn ohne Grenzen im Bodenseeraum

Ein Bahnnetz, ein Ticket, ein Fahrplan: Davon ist die Bodenseeregion noch weit entfernt. Sie ist ungenügend erschlossen, eine länderübergreifende Planung fehlt. Die Elektrifizierung ist erst der Anfang.

Christoph Zweili
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Der Léman Express in der Agglomeration Genf, Europas grösste grenzüberschreitende S-Bahn, nimmt demnächst den Vollbetrieb auf. Er könnte ein Vorbild für die Bodenseeregion sein. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Der Léman Express in der Agglomeration Genf, Europas grösste grenzüberschreitende S-Bahn, nimmt demnächst den Vollbetrieb auf. Er könnte ein Vorbild für die Bodenseeregion sein. (Bild: Salvatore Di Nolfi/KEY)

Der öffentliche Verkehr rund um den Bodensee kämpft mit Problemen. Eine umsteigefreie Bahnstrecke rund um den See bleibt bis heute ein Wunschtraum. Der Jubiläumszug der Thurbo, der im Mai aus Anlass der 150-Jahr-Feier der Seelinie von Romanshorn und Rorschach über das vorarlbergische Bregenz ins bayrische Lindau rollen sollte, scheiterte an fehlenden Sicherheitsbescheinigungen.

«Heute gibt es wenig grenzüberschreitende Verbindungen, die Fahrpläne sind nicht aufeinander abgestimmt, nicht zu reden von den unbefriedigenden grenzüberschreitenden Tarifen», sagt Beate Schuler von der Kommission Verkehr bei der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK).

«Ohne Weiteres denkbar»

Noch pointierter äussert sich Armin Weber, Leiter internationaler Fernverkehr SBB:

«Die EU-Marktöffnung hat in unseren Nachbarländern die Trennung von Fern- und Regionalverkehr verschärft. Heute ist es kaum noch möglich, die Tarife und den Vertrieb beider Systeme zusammenzubringen – sie haben sich quasi verselbstständigt. Es ist das Ziel der SBB, hier eine gute Lösung zu finden.»

Dass das möglich sei, zeige das Beispiel des Grenzraums Genf. Diese Lösung auch auf die Ostschweiz anzuwenden, hält Weber «ohne weiteres für denkbar».

«Technisch sind bereits heute grenzüberschreitende Tickets möglich», sagt Fairtiq-CEO Gian-Mattia Schucan. Die mobile Ticketing-App deckt inzwischen die gesamte Schweiz ab – monatlich werden damit 500'000 Reisen abgerechnet. Und das mittlerweile auch in Vorarlberg und im deutschen Göttingen. In den Niederlanden, in weiteren Regionen Deutschlands und in Grossbritannien gibt es Pilotversuche.

Für die IBK liegt der Türöffner für eine vermehrte Kooperation im grenzüberschreitenden Verkehr auf der Hand – die Elektrifizierung auf deutscher Seite. Andere Stimmen sagen klar: «Deutschland dünnt den Fernverkehr immer weiter aus. Das in Bern, Berlin und Wien verteilte grosse Geld fliesst nicht in die Peripherie. Ohne Zweigleisigkeit bis 2030/40 haben wir keine Chance.»

Nur ein Viertel der Bahnstrecken in Süddeutschland unter Strom

Deutschland hat mit 64 Prozent (110 Kilometern) den grössten Anteil an den Bahnstrecken von 171 Kilometern um den Obersee, gefolgt von der Schweiz (28 Prozent) und Österreich (8 Prozent). 73 Prozent der Strecken sind heute noch eingleisig, nur 45 Kilometer mit zwei Gleisen ausgerüstet. In Süddeutschland ist nur ein Viertel elektrifiziert, 81 Kilometer werden immer noch mit Diesel betrieben.

In der Grenzregion gibt es einige Projekte mit Schweizer Bezug. Auf Kurs ist die Beschleunigung der Strecke Zürich–St.Gallen–Lindau–München, die Ende 2020 zusammen mit dem neuen Bahnhof Lindau-Reutin in Betrieb gehen soll. In Planung ist das 4-Zug-Konzept Zürich–St.Gallen, das bis 2035 stufenweise weiterentwickelt werden soll.

Der EC Zürich–St.Gallen–München fährt ab 2030 stündlich bis St.Margrethen, der Rheintal-Express (REX) halbstündlich von Sargans nach St.Gallen mit stündlicher Durchbindung über Winterthur nach Zürich. Bis 2035 soll der REX dann halbstündlich ab St.Gallen nach Zürich verkehren. Ebenso der Intercity von Zürich über Winterthur nach Weinfelden, wo er geflügelt nach Konstanz und nach Romanshorn weitergeführt wird.

Für 2026 vorgesehen

Auch in Baden-Württemberg und Bayern ist vieles aufgegleist. Die Strecken Lindau–Friedrichshafen–Ulm (bis Ende 2021), Friedrichshafen–Überlingen–Radolfzell (Termin noch offen) werden elektrifiziert. Die Inbetriebnahme des umstrittenen Milliardenprojekts Stuttgart 21 inklusive Fernbahnhof am Flughafen ist für 2026 vorgesehen.

Ab 2027 sollen die ersten Elektrotriebzüge über den 75 Kilometer langen Abschnitt zwischen Erzingen (Baden) und Basel Badischer Bahnhof rollen: Der Abschnitt ist Teil der Hochrheinstrecke zwischen Basel und Konstanz. Der Ausbau ermöglicht eine Direktverbindung von St. Gallen nach Basel statt über Zürich dem Bodensee und Rhein entlang über deutsches Gebiet.

Geplant ist auch der Ausbau der Gäubahn, die Strecke von Stuttgart an den Bodensee, für Neigetechnikzüge. Auch in Vorarlberg und Liechtenstein soll es bis 2030/2035 Verbesserungen geben, etwa die Durchbindung des REX nach Bludenz über Lindau-Reutin bis Friedrichshafen (bis ca. 2025).

Ab 2025 soll auch eine Direktverbindung St. Margrethen–Dornbirn–Feldkirch angeboten werden, eventuell durch eine verlängerte S-Bahn ab St.Gallen. Bereits zur Weltgymnaestrada im Juli wollen die SBB die Schweizer Turnerinnen und Turner direkt an den Austragungsort Dornbirn bringen. Für 2025 angekündigt und demnächst unterschriftsreif ist auch die erste Etappe der länderübergreifenden S-Bahn FL.A.CH, der Halbstundentakt auf der Strecke Feldkirch–Buchs.

Über die Grenzen hinaus denken lernen

Für Bahnexperten sind S-Bahn-Verbindungen im grenzüberschreitenden Verkehr «die optimale Lösung». Georges Rey von der Firma SMA und Partner AG berät Verkehrsunternehmen bei der Planung von Eisenbahnsystemen. Auf dem Weg zu «einem Netz, einem Ticket und einem Fahrplan» skizziert er ein flächendeckendes und grenzüberschreitendes Städtenetz, dessen Linien sich teilweise zum Halbstundentakt ergänzen, beziehungsweise überlagern.

Teil der Vision ist auch eine Schnellbootfähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen. «Um kürzere Reisezeiten, mehr Direktverbindungen und grenzüberschreitende Tarife zu erreichen, müssen die Bodenseeanrainer allerdings ihre nationalen Planungen aufeinander abstimmen, wie das im Konzept Bodan-Rail 2020 der Fall war. Sie müssen lernen, über die Grenzen hinaus zu denken.»