Kreuzlingen
«Bist du ein Seekind?» – dieser Frage geht das Seemuseum im Rahmen einer Ausstellung auf den Grund

Am kommenden Freitag feiert im Kreuzlinger Seemuseum die Pop-up-Ausstellung «Küsse, Kajaks, Katastrophen» Eröffnung. Dort sind Objekte zu sehen, die ganz persönliche Geschichten von Menschen aus der Region erzählen.

Rahel Haag
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Museumsleiter Christian Hunziker und Mitarbeiter Julian Fitze in der Pop-up-Ausstellung «Küsse, Kajaks, Katastrophen».

Museumsleiter Christian Hunziker und Mitarbeiter Julian Fitze in der Pop-up-Ausstellung «Küsse, Kajaks, Katastrophen».

Bild: Rahel Haag

Auf den ersten Blick ist es nur ein kleines, altes, zerfleddertes Buch, doch es erzählt eine abenteuerliche Geschichte. Die Taschenbibel, die aktuell im Seemuseum ausgestellt wird, gehört einem fast 90-jährigen Mann, der sich auf den Aufruf des Museums gemeldet hat, um für die Pop-up-Ausstellung «Küsse, Kajaks, Katastrophen» seine persönliche Seegeschichte zu erzählen.

Der Mann habe sich per E-Mail bei ihnen gemeldet, sagt Christian Hunziker. 1954 als der Untersee zugefroren war, sei er Seminarist gewesen und habe sich vorgenommen, mit den Schlittschuhen einmal um den ganzen Untersee zu fahren. Hunziker erzählt:

«Als er von der Höri Richtung Reichenau fuhr, hatte er plötzlich das Gefühl, dass das Eis unter ihm knackt und war im nächsten Moment schon eingebrochen.»

Er habe sich ans Ufer retten können und sei barfuss nach Ermatingen zurückgekehrt, wo er sein Velo abgestellt hatte. Am Ende habe er nicht einmal eine Erkältung gehabt.

Hunziker hat sich daraufhin bei dem Mann gemeldet und nachgefragt, ob er ihnen nicht ein Objekt zur Geschichte für die Ausstellung zur Verfügung stellen könnte. «Ich dachte im ersten Moment an einen Schlittschuh oder etwas Ähnliches», sagt er. Doch der Mann habe gemeint, er habe nichts mehr in dieser Art. Nur seine Taschenbibel habe noch, die sei an jenem Tag gemeinsam mit ihm im Eis eingebrochen. Für Hunziker ein Glücksfall.

Die Taschenbibel, die 1954 mit ihrem Besitzer im Eis eingebrochen ist.

Die Taschenbibel, die 1954 mit ihrem Besitzer im Eis eingebrochen ist.

Bild: Rahel Haag

Was bedeutet es, ein Seekind zu sein?

Was am See ist Heimat für dich? Wo hast du schwimmen gelernt? Was macht der See für dich? Bist du ein Seekind? Wenn ja, was macht dich dazu? Diese und weitere Fragen begegnen den Besucherinnen und Besuchern auf grossen Tafeln. «Wir haben sie der Bevölkerung auch am Stadtfest gestellt und schöne, spontane Antworten bekommen», sagt Hunziker. Auch die Besucherinnen und Besucher können sich dem anschliessen und ihre Antworten direkt anheften. Das erklärte Ziel:

«Wir wollen dem Gefühl nachspüren, was es bedeutet, ein Seekind zu sein.»

In aufgezeichneten Interviews hätten sie zudem mit Expertinnen und Experten, aber auch wieder mit Menschen aus der Bevölkerung über das Thema gesprochen. So flimmert unter anderem das Gesicht der Berufsfischerin Anita Koops über den Bildschirm. Sie spricht von den schönen Seiten, beispielsweise, dass sie im Sommer nach der Arbeit jeweils noch baden gehen könne. «Dieses romantische Bild verblasst allerdings ganz schnell, bei Sturm oder wenn es im Winter sehr kalt ist.»

Der See als Kraftspender

Beim ältesten Ausstellungsobjekt handelt es sich übrigens um eine Akkordlohnkarte aus einer Friedrichshafener Werft, datiert vom 3. Oktober 1941. «Als Friedrichshafen 1944 bombardiert wurde, wurde sie in die Luft geschleudert und landete im See», sagt Mitarbeiter Julian Fitze. Die Karte sei schliesslich in Bottighofen wieder angespült und von einem Spaziergänger gefunden worden.

Die Akkordlohnkarte von einer Friedrichshafener Werft aus dem Jahr 1941.

Die Akkordlohnkarte von einer Friedrichshafener Werft aus dem Jahr 1941.

Bild: Rahel Haag

Das neuste Ausstellungsstück stammt aus dem Jahr 2022. Eigentlich sind es sogar zwei: ein Foulard und ein Zugticket von Budapest nach Zürich. Sie stammen von einem ukrainischen Ehepaar, das gemeinsam mit seiner Enkelin aus Kiew in die Schweiz geflüchtet und hier am Bodensee angekommen ist. Fitze sagt, es sei sehr bewegend, wie sie beschreibt, dass der See bei der Verarbeitung ihres Traumas geholfen habe.

«Wir, die ihn immer vor uns haben, sind uns ja manchmal nicht mehr bewusst, dass der See ein Kraftspender ist.»

Vielfältiges Rahmenprogramm

Die Pop-up-Ausstellung «Küsse, Kajaks, Katastrophen» feiert am Freitag, 16. September, um 19 Uhr mit einem besonderen Programmpunkt Eröffnung. Beim Museumskaraoke stehen Lena Stokoff, Slampoetin; Urs Leuzinger, Leiter Muesum für Archäologie Thurgau; Marc Schlossarek, Improvisationsschauspieler, und Theaterpädagogin Julia Leitmeyer auf der Bühne und spinnen spontan unterhaltsame Geschichten zu den Ausstellungsobjekten. Die Ausstellung läuft anschliessend bis am Sonntag, 25. September.

Weiter gibt es am Sonntag, 18. September, von 14 bis 16 Uhr und am Donnerstag, 22. September, von 18 bis 20 Uhr sogenannte Blinde Dates. In diesem Format sollen ehemalige Bootsbauer, mutige Seeüberquerer, Seglerinnen sowie die erste Berufsfischerin vom Bodensee mit den Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch kommen. Am Mittwoch, 21. September, liest Julian Fitze um 14 Uhr für Kinder zwischen null und sieben Jahren seine Lieblingsgeschichten vom See vor. Bei allen Veranstaltungen wird um eine Anmeldung unter info@seemuseum.ch gebeten. (red)