Interview

Vom Rheintal in die grosse weite Welt: Crimer setzt zum Sprung über den grossen Teich an

Der Balgacher Solokünstler Crimer wirbelte vor zwei Jahren die Schweizer Musikszene auf und wurde an den Swiss Music Awards 2018 zum «Best Talent» gekürt. Dieses Jahr setzt er voll auf die Karte Musik.

Interview: Christoph Sulser
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Erfolgreich mit 80s-Pop: Crimer kommt an, im In- und Ausland. (Bild: Ralph Ribi)

Erfolgreich mit 80s-Pop: Crimer kommt an, im In- und Ausland. (Bild: Ralph Ribi)

Crimer, was gibt es aktuell Neues zu berichten?

Crimer: Dass ich einen internationalen Plattenvertrag habe, beschäftigt mich zurzeit am meisten (beim amerikanischen Label Ultra Music, red.). Bisher habe ich einfach Musik gemacht, wie ich wollte und konnte stets frei entscheiden. Jetzt ist alles etwas grösser und rigider geworden.

Inwiefern?

Ich rechne mit mehr Mitsprache seitens des Labels, und daran muss ich mich erst gewöhnen. Wie sich das entwickeln wird, kann ich derzeit noch nicht sagen. Vielleicht werde ich den Entscheid in zwei Jahren bereuen. Vielleicht hat es sich dann aber auch gelohnt, sich ein Stück weit diesem «System» anzupassen. Es ist jedenfalls eine grosse Chance für mich.

Spüren Sie einen Erfolgsdruck?

Ich spüre einen gewissen Druck, aber den mache ich mir vor allem selbst. Ich stelle hohe Ansprüche an mich. Im Gegensatz zu meinem ersten Album, das aus den besten Songs aus einer fünfjährigen Schaffensphase bestand, habe ich nun weniger Zeit, neues Material zu schreiben.

Der 29-jährige Crimer stammt aus Balgach und wohnt in Zürich. (Bild: Ralph Ribi)

Der 29-jährige Crimer stammt aus Balgach und wohnt in Zürich. (Bild: Ralph Ribi)

Weshalb?

Früher bin ich von einem kleinen Konzertlokal zum nächsten gefahren und konnte meine Songs testen. Wenn ein Song beim Publikum funktioniert hatte, nahm ich ihn auf. Diese Möglichkeit, mich an neues Material heranzutasten, habe ich so nicht mehr.

Können Sie von der Musik leben?

Ja, wobei ich in diesem Zusammenhang langfristig denke. Das Musikbusiness ist sehr schnelllebig. 2018 kam eine Konzertanfrage nach der andern rein, dieses Jahr sind es noch halb so viele Anfragen. Ich bin mir bewusst, dass es schnell gehen kann und man wieder in Vergessenheit gerät.

Sie werden Ihren Job in einer Digitalagentur bald aufgeben ...

Ja, ich hatte bisher noch ein 40-Prozent-Pensum. Unter anderem, weil ich Mühe hatte, mir an freien Tagen eine Struktur zu geben – das heisst, morgens früh aufzustehen und neue Songs zu schreiben. Die beiden Arbeitstage förderten in dieser Hinsicht meine Kreativität enorm. Wenn ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause kam, verspürte ich regelrecht den Drang, Musik zu machen. Mein Ziel ist nun, dass die Musik gänzlich zu meinem Alltag wird.

Also das Musikmachen zu professionalisieren?

Genau. Ich habe mich lange «nur» als Hobbymusiker gesehen. Mittlerweile ist das Musikmachen aber meine Hauptbeschäftigung. Daher sollte ich das Ganze auch etwas mehr wie einen Job anschauen.

Mittlerweile spielen Sie auch öfter Konzerte im Ausland. Wie sind die Reaktionen dort?

In Polen haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Meine Band und ich wurden dort für ein Festival gebucht, an dem all die angesagten Indie-Acts spielten, über die ich immer in Musikzeitschriften lese. Mit 22 Uhr hatten wir einen perfekten «time slot». Die Leute sind durchgedreht und haben unsere Songs mitgesungen.

Crimer hat die Musik zu seinem Beruf gemacht. (Bild: Ralph Ribi)

Crimer hat die Musik zu seinem Beruf gemacht. (Bild: Ralph Ribi)

Was war das für ein Gefühl?

Wir schauten uns auf der Bühne verdutzt an: Da gehst du ohne Erwartung in ein Land, mit der Annahme, dass dich dort niemand kennt, und plötzlich entfachst du ein solches Feuer. Das war crazy! Seither haben wir eine kleine Fangemeinschaft in Polen. Einmal ist sogar eine Gruppe von polnischen Fans per Autostopp von Danzig bis nach Baden gereist, nur um uns live zu sehen.

Live sind Sie ein Energiebündel. Wie halten Sie sich fit?

Ich bin immer etwas am Limit bei meiner Performance. Als 2018 die Tournee für mein Album startete, war ich beim dritten Song schon am Ende und fragte mich, wie ich jetzt noch eine Stunde aushalten soll. Mittlerweile weiss ich, wie ich meine Kräfte einteilen muss. Regelmässige Fitness mache ich aber nicht, und vor den Konzerten wärme ich mich auch nicht auf – eigentlich ziemlich blöd. Falls jemand ein gutes Fitness-Programm kennt, bin ich jedenfalls offen. (lacht)

Mit «First Dance» haben Sie den Titelsong für den Kinofilm «Wolkenbruch» geschrieben. Sind Sie ein Filmfan?

Ich bin ein grosser Filmfan und gehe oft ins Kino. Ausser Horrorfilme mag ich fast alles, vom Hollywood-Blockbuster bis zum Independent-Film. Die Arbeit an «Wolkenbruch» fand ich ausserdem sehr herausfordernd. Die Produzenten wollten einen komplett neuen Titel haben. Da die Zeit drängte, spielten wir den Song an einem Wochenende ein. Regisseur Michael Steiner kam dann ins Tonstudio, nahm Platz und hörte sich, ohne eine Miene zu verziehen, das Ergebnis an – ein komisches Gefühl. Doch schlussendlich war er begeistert. Auch ich habe den Song sehr gerne und spiele ihn immer live.

«Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau» – trifft diese Aussage auf Sie und Ihre langjährige Freundin zu?

Der Spruch hat schon was. Wenn man Single ist, jagt man oft irgendwelchen Illusionen hinterher. Dieses Gefühl hatte ich nie, als mein Album entstand. Es war immer eine Konstante da, zu der ich mich zurückziehen konnte. Das Schöne an einer Beziehung ist es ja gerade, dass es jemanden gibt, der dich versteht und stärken kann. Und meine Freundin hilft ausserdem ab und zu an den Konzerten am Merchandising-Stand mit – danach sieht er wieder picobello aus!

Konzerthinweis

Crimer spielt am Samstag, 15.Juni, am Festival Factory in Concert in Ebnat-Kappel.