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«Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» am Opernhaus Zürich: Mit den Ohren sehen, mit den Augen hören

Christian Spuck choreografiert am Opernhaus Zürich Helmut Lachenmanns Musiktheaterwerk «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern».
Elisabeth Feller
Das kleine Mädchen friert und vereinsamt in der Choreografie zu Helmut Lachenmanns Musiktheaterwerk «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern». (Bild: Gregory Batardon)

Das kleine Mädchen friert und vereinsamt in der Choreografie zu Helmut Lachenmanns Musiktheaterwerk «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern». (Bild: Gregory Batardon)

«In meinem Stück, da zieht’s», sagt Helmut Lachenmann zu seinem 1997 uraufgeführten Musiktheaterwerk «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern», das zu den bedeutendsten der letzten 50 Jahre gehört. Lachenmanns «Musik mit Bildern» stützt sich auf Hans Christian Andersens gleichnamiges Märchen, ist aber keine Oper. Weder kennt das Werk Rollenidentitäten noch vertonte wörtliche Reden. «Lachenmann illustriert das Märchen nicht; er liefert akustische Bilder und Zustandsbeschreibungen», sagt Zürichs Ballettdirektor Christian Spuck, der das Werk – eine einzige Anklage gegen die soziale Kälte in unserer Gesellschaft – choreografiert: eine schwierige Aufgabe. Denn vergessen lässt sich die Geschichte von Andersens kleinem Mädchen, das in der Silvesternacht Streichhölzer verkaufen soll und erfriert, natürlich nicht.

Auf verschiedene Weise haben sie beide gezündelt

Erzählt Spuck nur diese, rutscht er in die Gefahrenzone der szenischen Verdoppelung; klammert er die Geschichte aus, bleibt nur der abstrakte Tanz – und das zu Tönen, die nicht einfach gespielt, sondern gerieben, gescharrt, geschabt, gewischt, geklopft und geblasen werden. Was macht der Choreograf? Er wählt die Mischform zwischen Erzählung und Abstraktion. In Rufus Didwiszus’ dunkelgrau-abweisendem Raum kritzeln Tänzer zuerst Stichworte zur Werkstruktur auf bewegliche Wände, um damit eine Ahnung von der Szenenfolge zu vermitteln. Sonst: Tanz. Ob von hell gekleideten Tänzerinnen und Tänzern oder solchen, die Schwarz tragen (Kostüme: Emma Ryott) – ihre Gesten, Hebefiguren und seltenen Sprünge dienen nur dazu, das Atmosphärische von Lachenmanns Musik einzufangen – Unwirtliches, Eisiges.

Erst mit dem Auftritt des kleinen Mädchens in Weiss und mit blossen Füssen wird Andersens Geschichte in Umrissen erkennbar. Später wird sie klarer, als eine Bürgergesellschaft in wallenden Kleidern und Gehröcken vorbeirauscht und das kleine Mädchen mit seiner flehentlichen Gestik ignoriert. Später wird es ein Hölzchen anzünden, um sich zu wärmen – was Lachenmann nutzt, die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin mit einem Text ins Spiel zu bringen. «Sie und das kleine Mädchen haben beide, wenngleich auf verschiedene Weise, gezündelt», so der Komponist. Bei Spuck sieht die Tänzerin Gudrun Ensslin verblüffend ähnlich; doch sie wirkt wie ein Fremdkörper in einem Geschehen, das Andersens Erzählung verlässt, um stattdessen assoziativ mit Themen wie Ablehnung und Einsamkeit, Kälte und Frieren umzugehen – etwa indem Spuck clownesk-böse Figuren mit gepuderten Perücken in die Szene platzen lässt. Und immer dabei, obgleich am Rand: das kleine Mädchen (Michelle Willems), dem eine Doppelgängerin (Emma Antrobus) wie ein Schatten folgt.

Man sieht hin – und hört die Musik

Eine von Emotionen durchpulste Rollengestaltung, wie wir sie von Handlungsballetten kennen, gibt es in Spucks Choreografie nicht; das Mädchen wird oft wie ein Gegenstand behandelt; wird getragen, geschleift oder gehoben von kleineren oder grösseren Männergruppen. Spontan denkt man dabei an Andersens bitteres Ende der Geschichte. Bei Spuck kündigt es sich mit weissen Ballonen an, die Monden gleichen. Als das kleine Mädchen seine Grossmutter sieht –«Nimm mich mit!» –, wird es gehoben: Es blickt nach oben – und liegt am Ende mit seiner Doppelgängerin tot auf dem Boden. Man sieht hin – und hört vor allem die Musik. Sie, die am Schluss dem schwächer werdenden Ausatmen eines Sterbenden gleicht, in welches das Ticken eines Metronoms fällt.

Helmut Lachenmann hat von einem Wahrnehmungsabenteuer gesprochen – und ein solches ist «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» in Zürich zweifellos. Man kann die Leistung der überall im Opernhaus positionierten Philharmonia Zürich, der Basler Madrigalisten sowie der Sopranistinnen Alina Adamski und Yuko Kakuta nicht hoch genug veranschlagen. Ein Glücksfall ist der Dirigent Matthias Hermann, dessen Verbundenheit mit Lachenmanns Werk auf eine Weise spürbar wird, wie man sie selten erlebt. Und Christian Spuck? Er und sein von ihm fördernd-fordernd begleitetes Ballett Zürich sind Glücksfälle. Auch jetzt, selbst wenn die jüngste Choreografie Längen aufweist, weil die Musik derart stark ist, dass ihr der Tanz nichts entgegenhalten kann. Bewundernswert ist die bestechend präzise Arbeit des Zürcher Klasseensembles allemal. Und diese wird künftig wohl vermehrt dazu führen, dass man laut Spuck «mit den Ohren sehen und mit den Augen hören kann».

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Im Opernhaus Zürich, bis 14. November.

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