Das Open Air St.Gallen auf Selbstfindungstrip: Die Neuorientierung fällt schwerer als gedacht

Die 43. Ausgabe des Open Air St.Gallen ist Geschichte. Geprägt wurde sie durch den Versuch, ein jüngeres Publikum anzusprechen. Der deutliche Publikumsrückgang lässt vor allem eines vermuten: Die Neuorientierung fällt schwerer als gedacht.

Michael Gasser
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Festivaloberhaupt Christof Huber hat am Sonntag Bilanz gezogen und spricht von einem «extrem friedvollen» Event. (Bild: Michel Canonica)

Festivaloberhaupt Christof Huber hat am Sonntag Bilanz gezogen und spricht von einem «extrem friedvollen» Event. (Bild: Michel Canonica)

Auch am vierten und letzten Festivaltag brennt die Sonne erbarmungslos auf das Gelände. Viermal über 30 Grad sind für das Open Air St.Gallen eine Seltenheit. Und man kann jeden verstehen, der es bei diesen Bedingungen bevorzugt, in die Badi zu gehen.

Dementsprechend lobt der deutsche Songwriter Teesy alle Anwesenden:

«Ihr seid ja tapfer, bei dieser Hitze.»

Am frühen Sonntagnachmittag ist er als Teil der PxP Allstars zu sehen. Das Benefiz-Musikprojekt, für das sich auch Popsänger Johannes Oerding und R-’n’-B-Künstler Fetsum einsetzen, spielt nicht für den eigenen Geldbeutel, sondern für Kinder in Not.

Eine gute Sache, auch musikalisch. Dies vor allem, weil Sophie Hunger mit von der Partie ist. Die Singer-Songwriterin schöpft aus ihren Erinnerungen ans Open Air und erzählt grinsend, wie sie als 15-Jährige über den Zaun geklettert ist, um sich direkt vor der Sitterbühne platzieren zu können.

Sophie Hunger (Bild: Michel Canonica)

Sophie Hunger (Bild: Michel Canonica)

Zwar greift die 36-Jährige ausschliesslich auf bestehendes Material zurück, dennoch oder gerade deswegen ist ihr Kurzauftritt stark. Stücke wie das muskulöse «Tricks» oder das atmosphärische «Heicho» sind druckvoll, dicht und vielseitig: Sie gehören zum Besten, was die Schweizer Musikszene derzeit zu bieten hat.

60 Minuten später geben sich gleichenorts The 1975 die Ehre. Bei der Band aus Manchester ist der Name ein gutes Stück weit Programm: Ihre Lieder orientieren sich grossteils am Soft-Rock der (späten) 1970er-Jahre, was dazu führt, dass ihr Sound auf Samtpfoten daherschleicht und in erster Linie darauf bedacht scheint, zu umgarnen und einzulullen. Obschon die vier Schulfreunde in Nummern wie «Tootimetootimetoo­time» bisweilen einen Hauch Reggae einstreuen, ist ihre harmlose Musik eher bei Phil Collins als bei The Police einzuordnen.

The 1975  (Bild: Michel Canonica)

The 1975  (Bild: Michel Canonica)

Steht eigentlich nur noch der zweite grosse Headliner des diesjährigen Events bevor: Florence and the Machine. Dass die Indie-Rocker, die bereits zum zweiten Mal am Open Air gastieren, den Schlusspunkt setzen, ist laut Festivalchef Christof Huber beabsichtigt: «Wir wollen die Besucherinnen und Besucher mit Musik auf den Heimweg schicken, die eine gewisse Tiefe besitzt.»

Viel Durchschnitt, rare Höhepunkte

Pünktlich entern Florence Welch und ihre Begleiter die Sitterbühne. Nach zwei Stücken und noch bevor sie ein Wort ans Publikum richtet, verlangt die ein transparentes Elfenkleid tragende Engländerin, die vor ihr stehenden Ventilatoren zu entfernen. «Die blasen mir direkt den Rock hoch.» Danach beweist die 32-Jährige, dass sie die legitime Nachfolgerin von Kate Bush ist. Wie diese, singt sie mal mit affektierter, mal mit gehauchter Stimme und besitzt ebenfalls viel Flair für Pomp.

Lieder wie «Ship To Wreck», das mit Harfenklängen angereichert wird, wirken wie dunkle Märchen. Deren Musik nimmt zwar sofort gefangen, doch bei genauerer Betrachtung kann man sich nicht ganz des Gefühls erwehren, dass Florence and the Machine zu sehr auf Effekthaschereien bauen.

Das alles führt zur Frage, was denn neben dem wolkenlosen Himmel und der oben erwähnten Sophie Hunger vom diesjährigen Open Air haften bleiben wird? Zweifelsohne der Auftritt der Ärzte, zumal die Berliner Fun-Punker ihrer Energie für mehr als zwei Stunden freien Lauf liessen.

Ansonsten herrschte viel Durchschnitt, die Highlights hingegen waren rar: Nebst dem kraftvollen Set der Lokalmatadoren Knöppel sind auf der Habenseite insbesondere die Darbietungen des US-amerikanischen Hip-Hop-Kollektivs Brockhampton und Yungblud zu nennen – der Brite wusste mit unablässiger Power und einem flamboyanten Mix aus Ska, Rap und Glam-Rock zu gefallen.

Knöppel (Bild: Michel Canonica)

Knöppel (Bild: Michel Canonica)

Zu den zahlreichen Enttäuschungen zählen der zu textlicher Belanglosigkeit neigende Deutschpopper Bosse, die Indie-Pop-Band Pale Waves, deren Material unter zu grosser Gleichförmigkeit litt, und der arg unterkühlt agierende Austro-Rapper Yung Hurn. Weil auch Singer-Songwriter Faber und Satirikerin Hazel Brugger keine Glanzlichter zu setzen im Stande waren, kommt man zum Schluss: Das Festival steckt vielleicht nicht in einer veritablen Krise, schwächelt aber.

Noch bevor das 43. Open Air St.Gallen zu Ende geht, hat auch Festivaloberhaupt Christof Huber bereits Bilanz gezogen. Er spricht er von einem «extrem friedvollen» Event, verhehlt jedoch nicht, dass das Open Air im Vergleich zur letztjährigen Ausgabe an Zuschauern eingebüsst hat.

Trotz des rückläufigen Interesses gibt sich Huber zufrieden, äussert aber auch Selbstkritik: «Wir hatten in diesem Jahr ein progressiveres und jüngeres Festival.» Und die Erkenntnis daraus? «Vielleicht hätten wir doch ein paar mehr generationenvereinigende Acts verpflichten sollen.»

Wie und wohin sich die nächste Open-Air-Ausgabe programmatisch entwickeln soll, ist noch offen. Etwas ist allerdings schon fix: Das Festival 2020 wird vom 25. bis 28. Juni stattfinden.