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Deniz Yücel im Palace in St.Gallen: «Autoritäre Regimes haben auch immer etwas Komisches»

Der Berliner Journalist Deniz Yücel erzählte im vollen Palace in St.Gallen von seinem Jahr im grössten türkischen Gefängnis, der beispiellosen Solidaritätskampagne und seinem unbändigen Kampfgeist gegen Erdogan und Konsorten. Im Widerstand gegen scheindemokratische Diktaturen ruft er dazu auf, die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen.
Marcel Elsener
St. Gallen - Deniz Yücel Autor Journalist liest aus seinem neuen Buch im Palace PalaceErfreuliche Universität: Gespräch und Lesung mit Deniz Yücel

St. Gallen - Deniz Yücel Autor Journalist liest aus seinem neuen Buch im Palace Palace
Erfreuliche Universität: Gespräch und Lesung mit Deniz Yücel

500 Leute am Sonntag im Kaufleuten Zürich, über 300 Leute am Montag im Palace St.Gallen, die Kaserne Basel folgt nach Hamburg, Salzburg und weiteren Städten am 13. November: Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel füllt auf seiner Lesetournee mit seinem Gefängnis-Erfahrungsbericht «Agentterrorist» die Veranstaltungssäle.

Kein Wunder: Yücel ist als zeitweise prominentester Häftling in Erdogans Türkei aufgrund einer internationalen Solidaritätskampagne («#FreeDeniz») und eines langwierigen Gezerres auf höchster Staatsebene zum Popstar des Widerstands gegen ein autokratisches System geworden.

Jetzt tritt er als Mutmacher auf, nicht zuletzt in eigener Sache: Er hoffe, nach dem Erholungsaufenthalt in Sizilien wieder bei Kräften, das Etikett «Der bei Erdogan im Knast sass» bald einmal ablegen zu können und seine journalistische Arbeit wieder aufnehmen zu können.

Gefängnis hat ihn nicht gebrochen

Die lange Einzelhaft im Hochsicherheitsgefängnis Silivri, dem grössten Gefängniskomplex Europas («Erdogans Türkei steht auf solche Superlative»), hat Yücel nicht gebrochen. Das wird in dem von der WOZ-Journalistin Anna Jikhareva fein moderierten Gespräch schnell klar: Der 44-jährige Türkei-Reporter der «Welt» erzählt noch immer mit dem assoziationsreichen Sprachwitz, der seine Kolumnen bei der «taz» legendär machte.

Es beginnt mit einer bizarren Erinnerung an den ersten Schweiz-Besuch mit einer deutschen Journalistenbande «mit lauter ü's und y's im Namen», die ihre Wutbürger-Leserbriefe als «Hate Poetry» auf die Bühne brachte. Yücel reist, die Minarett-Abstimmung in frischer Erinnerung, in Kloten mit einem Minarett auf dem Rücken an. Ein Modell aus Schaumstoff nur, doch der Zöllner gibt ihm zu verstehen:

«Das Minarett bleibt dann nicht in der Schweiz.»

Der vorgesehene Auftritt in St.Gallen wird wegen des IS-Selbstmordanschlags in Ankara mit hundert Toten abgesagt. Doch ein in Zürich gemachtes Foto sollte später von den türkischen Regierungsmedien gegen ihn verwendet werden: Yücel mit Öcalan-Fahne, da konnten weder die Luftschlangen rundum noch das Blocher-Porträt im Vordergrund den PKK-Verdacht entkräften.

Gegen die Verzweiflung im Gefängnis hilft der Humor

Yücels Witz durchzieht seine atemlose Erzählung auf der Bühne und prägt trotz aller Beklemmung sein Buch. «Wenn sich ein Witz anbietet, lasse ich ihn nicht aus.» Den Humor noch in der Zelle nicht zu verlieren komme von selbst: «Autoritäre Regimes haben immer auch etwas Komisches.»

Zur Illustration dient die Brieflesekommission des Gefängnisses: Sie unterschlägt die Briefe seiner Frau Dilek, lässt das Serienfeuer von Postkarten der Schwiegermutter aber geschehen. Diese habe man wohl «als zusätzliche Bestrafung» betrachtet. «Was man nicht ändern kann, kann man immer noch auslachen», erklärt Yücel.

«Du darfst dich einfach nicht ergeben.»

«Wenn er die Herrschaft verliert, erwartet ihn der Knast, das weiss er»

Indem Yücel seine Geiselhaft mit zunehmenden negativen Effekten für die Türkei rücksichtslos ausreizte, nervte er zwar auch seinen Freundeskreis und die Bundesregierung. Aber vor allem brachte er mit ständigen Wortmeldungen und Aktionen den «Gangster und Teppichhändler» Erdogan zur Weissglut; diese Vorstellung ermunterte ihn im Kampf und erheitert ihn bis heute.

Zwar rechnete er damit, dass die Haft ein paar Monate, aber nie ein Jahr dauern würde, weil der damalige EU-Anwärter «doch nicht wegen eines deutschen Journalisten eine solche Krise riskieren würde».

Mittlerweile wisse man, wie weit das AKP-Regime gehe, um seine Macht zu sichern. «Es gibt nichts, dass Erdogan nicht tun würde», sagt Yücel und verweist auf die schamlos wechselnde Kurdenpolitik. Dabei seien die nationalistischen und islamistischen Manöver für den Präsidenten ein «Hobby», wogegen der Hauptberuf die Führung seiner korrupten Partei als «kriminelle Vereinigung» sei.

«Wenn er die Herrschaft verliert, erwartet ihn der Knast, das weiss er.»

Seit der verlorenen Bürgermeisterwahl in Istanbul habe die AKP den Zenit überschritten und Erdogan «den Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüsst». Vladimir Putin, dem «Role Model» der Scheindemokraten, wäre ein solcher Fehler nicht passiert, bemerkt Yücel. «Aber das ist halt der Unterschied: Putin wurde vom KGB ausgebildet, Erdogan bei den Istanbuler Verkehrsbetrieben.» Lautes Gelächter im Saal.

In der grossen Solidaritätsbewegung fehlte nur die Wirtschaft

Hatte die Gezi-Park-Revolte 2015 noch einen Aufbruch versprochen, machten die Niederschlagung des Militärputschs und die massenhaften Verhaftungen ein Jahr später alle Hoffnung zunichte. Im geliebten Istanbul bleiben, «der einzigen Stadt, durch die das Meer fliesst», musste Yücel, weil es sein Job als Journalist sei, «den Mächtigen auf die Finger zu schauen, erst recht dort, wo sie es nicht wollen». Was die demokratischen Gesellschaften haben, «auch die Schweiz», gebe es «nicht umsonst», so Yücel: «Überall mussten Leute dafür kämpfen.»

Seine Freilassung verdankt er den unablässigen Bemühungen des deutschen Staats, aber auch dem öffentlichen Druck. In einer beispiellosen Solidaritätsbewegung mit Autokorsi - auch wenn es in Zürich laut Mitorganisatorin Jikhareva nur «ein Auto und ein Roller» und später 300 Demonstrierende waren. Und mit Briefen, Konzerten, Kulturveranstaltungen mit weltbekannten Namen wie Sting, TC Boyle oder Isabel Allende.

«Nur einer fehlte», sagt Yücel: «Die deutsche Wirtschaft.» Vermutlich wisse Erdogan nicht, wer Isabel Allende ist. «Aber er weiss, wer die Allianz, Siemens oder Volkswagen sind.» Also überredete Yücel seinen Verlag Springer, selber Investor in der Türkei, eine Solidaritätsanzeige der deutschen Wirtschaft zu lancieren. Obwohl wenigstens die Deutsche Bank dabei war, kam dies aufgrund zögerlicher Haltungen und publizistischer Scharfmacherei nicht zustande.

Die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen, sieht Yücel als wichtigstes Mittel gegen autokratische Regimes. «Die Ökonomie ist ihr wunder Punkt.» Man solle in solchen Ländern investieren, statt Staatswirtschaften an die Wand fahren zu lassen, meint er.

«Aber die Wirtschaft muss ihre Einflussmöglichkeit in verantwortlicher Weise nutzen, statt sich zum Komplizen zu machen.» Sein jüngstes Beispiel ist das geplante Volkswagen-Werk in der Türkei, gegen das Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ihr Veto einlegten.

Hartnäckig nachfragen und die Texte von Inhaftierten verbreiten

Wie man Inhaftierten denn helfen könne, lautet eine Frage aus dem Publikum. Eben indem man auf die Verantwortung der Wirtschaft poche, meint Deniz Yücel, der eigenen privilegierten Situation stets bewusst. Und indem man die Stimmen von Insassen wie dem HDP-Politiker und Lyriker Selahattin Demirtas verbreite: «Das grösste Geschenk für Eingesperrte ist es, aus ihren Texten zu lesen.»

Dafür komme er gern wieder in die Schweiz. Eine zweite dringliche Leseempfehlung Yücels: «Kerkerjahre» zweier Uruguayner, die im jahrelangen Haftmartyrium der Militärdiktatur der 1970er-Jahre eine Klopfzeichen-Sprache erfanden. «Alles viel härter als das, was ich erlebte.»

Die so nah an Europa gelegene Türkei stehe mittlerweile nicht nur geographisch, sondern auch politisch «zwischen Ägypten, Pakistan und Saudi-Arabien». Es brauche eine Generation, um die angerichteten Zerstörungen des AKP-Regimes und den Aderlass an den Universitäten wieder wettzumachen, sagte Yücel.

«Tausende wurden entlassen, Zehntausende haben das Land verlassen.» Die Frage sei, wie viel Schaden Erdogan noch anrichten könne. Allerdings bleibe eine Zuversicht: «Kein autoritäres Regime existiert so lange, wie es die Herrscher gern hätten.»

«Die Türkei und ich führen eine Fernbeziehung», meint Yücel zum Schluss. Das Heimatland seines Vaters bleibt ihm vorläufig verwehrt. «Aber wie Donald Trump so schön sagte: Es gibt viele Länder auf der Welt.» Ein letzter Lacher im Publikum, das schwer beeindruckt ist und Mut gefasst hat für eigenes Engagement.

Und das noch lange in der Schlange steht, um sich das Buch eines Journalisten signieren zu lassen, der, ähnlich wie Julian Assange, zum Spielball der Weltpolitik geworden ist. Und der nun mit bekannt frecher Klappe die wieder gewonnene Freiheit nutzt.

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