Interview

Die 35-jährige Rheintalerin Laura Bucher will für die SP in den Regierungsrat: «Ich bin temperamentvoll und energiegeladen»

Was die Familiengeschichte der zweifachen Mutter und Co-Fraktionspräsidentin der St.Galler SP mit ihrer Kandidatur für den Regierungsrat zu tun hat. 

Odilia Hiller und Regula Weik
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Laura Bucher, Regierungskandidatin der St.Galler SP, vertritt klassische Werte ihrer Partei. (Bild: Michel Canonica)

Laura Bucher, Regierungskandidatin der St.Galler SP, vertritt klassische Werte ihrer Partei. (Bild: Michel Canonica)

Was reizt Sie am Regierungsamt?

Laura Bucher: Es ist eine spannende und verantwortungsvolle Aufgabe. Menschen sollen auf Chancen, Solidarität und Gerechtigkeit vertrauen können. Dass mir diese Werte so wichtig, sind hat mit meiner Familiengeschichte zu tun. Meine Grosseltern kamen aus Italien in die Schweiz und mussten sich die Chancen hart erarbeiten. Sie haben auch Diskriminierung erfahren. Meine Kandidatur soll daran erinnern, dass die Türen allen Menschen offenstehen sollten.

Wie steht es um Ihr italienisches Temperament?

Ich bin temperamentvoll im Sinne von kraftvoll und energiegeladen.

Sind Sie froh, dass die Schweizer Politik andere Wege geht als die italienische?

Ich bin vor allem froh um die Stabilität. Das ist in Italien definitiv nicht der Fall. Unsere Politik ist mehr sach- und weniger personenbezogen. Vetternwirtschaft und persönliche Begünstigungen spielen bei uns eine viel kleinere Rolle.

Sie sind seit neun Jahren im Kantonsparlament. Gibt es dort keine Vetternwirtschaft?

Natürlich sind bei uns gewisse Gruppierungen sehr gut vernetzt. Ich sehe das besonders bei Männern, die noch immer gerne Männer in ihre Gremien nachziehen.

Sie wären die erste St. Galler Regierungsrätin mit Kindern im Vorschulalter. Wie würden Sie sich als Mutter organisieren?

Ich wünschte mir, dass man darüber nicht reden müsste. Mein Mann und ich führen eine sehr gleichberechtigte Partnerschaft und teilen uns Familienarbeit und Kinderbetreuung. Dementsprechend werden wir uns organisieren. 

Bei Männern steckt in der Regel die Frau zurück. Wie ist es bei Ihnen?

Mein Mann würde sein Pensum reduzieren.

Zur Person

Die promovierte Juristin Laura Bucher wurde am 5. August 1984 geboren und lebt in St.Margrethen. Die Mutter von zwei Buben im Alter von viereinhalb und drei Jahren arbeitet als Gerichtsschreiberin am Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen. Seit 2010 politisiert sie für die SP im St.Galler Kantonsparlament. Sie ist an der Seite von Bettina Surber Co-Präsidentin der Fraktion von SP und Grünen und Mitglied der Finanzkommission. Ihre politischen Schwerpunkte liegen in der Steuer- und Finanzpolitik, und sie setzt sich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Chancengleichheit ein. (oh/rw)

Was halten Sie von Jobsharing im Regierungsamt?

Die Zeit ist noch nicht reif, aber man muss sicher in diese Richtung denken. Die Regierung soll ein Abbild der Gesellschaft sein. Die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich und ungenügend repräsentiert. Besonders Frauen mit Kindern.

Sie könnten die einzige Frau in der Regierung werden.

Ich bin es gewohnt, die einzige Frau in einem Gremium zu sein. Es ist besser für jedes Team, wenn es mehr sind. Das gilt auch für die Regierung.

Überholte Rollenbilder zu verändern, liege an allen, sagt Laura Bucher. Ihr Mann würde beruflich zurückstecken, sollte sie Regierungsrätin werden.

Überholte Rollenbilder zu verändern, liege an allen, sagt Laura Bucher. Ihr Mann würde beruflich zurückstecken, sollte sie Regierungsrätin werden. 

Tut der Kanton genug für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Alles unter einen Hut zu bringen, ist für viele Frauen und Männer ein Kraftakt. In gewissen Regionen gibt es noch immer zu wenige Kinderbetreuungsplätze. Und sie sind zu teuer. Auch die Rollenbilder müssen sich verändern.

Wer steht hier in der Pflicht?

Es liegt an uns allen, wenn es um die Rollenbilder geht. Die Gemeinden müssen für Kitas und schulergänzende Betreuung sorgen. Das kostet, aber es ist gut investiertes Geld. Letztlich ist auch der Kanton in der Pflicht: Als Arbeitgeber kann er in der Verwaltung entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, indem er beispielsweise Teilzeitstellen – auch im Kaderbereich – für Frauen und Männer schafft. Und er kann die Gemeinden in die Pflicht nehmen, was den Ausbau der Angebote betrifft.

Der Staat muss mehr Geld in die Hand nehmen?

Ja, und es lohnt sich. Standortattraktivität definiert sich nicht nur über den Steuerfuss. Die Rahmenbedingungen für Familien sind ebenso wichtig. Ausserdem braucht der Arbeitsmarkt die weiblichen Fachkräfte.

Wie stehen Sie zu Frauenquoten?

Seit Jahren sagen alle, es brauche mehr Frauen in Führungspositionen. Ebenso lange behauptet der Kanton, alles dafür zu tun. Und doch werden die Ziele nicht erreicht. Deshalb braucht es harte Vorgaben – auch Quoten.

Wo soll der Kanton sonst noch investieren?

In den vergangenen Jahren senkte man die Steuern, kaum gab es etwas Luft. Nahm der Kanton dann weniger ein, wurde sogleich nach Sparmassnahmen gerufen. Jetzt haben wir ein mehr oder weniger komfortables Eigenkapitalpolster. Man sollte jetzt in eine Klimaoffensive investieren, beispielsweise in einen gut alimentierten Klimafonds. Auch die Kultur wurde in den vergangenen Jahren zu stiefmütterlich behandelt. Es wäre Zeit, sich von der Plafonierung der Kulturausgaben zu verabschieden. Aber auch in die Standortattraktivität müssen wir weiter investieren: Bildung, öV sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Diese Forderungen machen Sie wohl für einen grossen Teil der Bevölkerung unwählbar.

Ich bin seit neun Jahren im Parlament, kenne die Abläufe und Spiele und weiss, wo man ansetzen muss, um etwas zu verändern. Wenn ich sehe, dass mittelständische Familien ihre Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen können, sind das für mich nicht primär linke Positionen. Sie sind eine Notwendigkeit.

Wen hätten Sie gerne als Nachfolgerin oder Nachfolger von Christian Levrat an der Spitze der SP Schweiz?

Es liegt mir fern, hier Wünsche anzubringen. Es stehen viele fähige, motivierte Personen bereit. Ich hoffe doch aber sehr, dass es eine Frau wird.

Sie nennen bewusst keine Namen. Was ist mit der St. Galler Nationalrätin Barbara Gysi?

Sie ist eine sehr fähige, bestens vernetzte Frau. Es wäre toll für St. Gallen und die Ostschweiz, sollte sie zum Zug kommen. Ich traue ihr das voll und ganz zu.

Diese Woche wurde ausgiebig über Vor- und Nachteile von Co-Präsidien diskutiert. Sie haben Erfahrung damit.

Ich finde es grundsätzlich ein gutes Modell. Mit der Co-Leitung der Fraktion im Kantonsrat fahren wir sehr gut. Es hängt natürlich immer davon ab, wer es macht, wie man zusammenarbeitet und sich organisiert.

Die nationalen Wahlen haben einen klaren Trend nach linksgrün gezeigt, auch in St.Gallen. Ist die Regierung noch richtig zusammengesetzt?

Das kann man sich überlegen. Linksgrün vertritt ein Viertel der Bevölkerung. Wir haben Anspruch auf unsere zwei Sitze.

Und was ist mit den Grünen?

Ich hätte natürlich nichts gegen zwei SP-Sitze und einen grünen. Wobei eine gewisse Beständigkeit auch wichtig ist. Es bringt nichts, bewährte Zusammensetzungen nach jeder Wahl über den Haufen zu werfen.

Die Grünen haben national massiv zugelegt, die SP verloren. Was machen die Grünen besser?

Es wird im Moment zu wenig wahrgenommen, dass sich die SP seit Jahren für eine gute und fortschrittliche Klimapolitik einsetzt. Wir haben ein Wahrnehmungsproblem.

Was tut Ihre Partei dagegen?

Wir müssen deutlich machen, dass wir in der Klimafrage sehr wohl auch führend sind. 

Sie leben im Rheintal. Sehen Sie sich als Vertreterin des Landes?

Ja. Ich bin im Rheintal geboren, habe dort die Schulen besucht und bin dort verwurzelt.

Obwohl das Rheintal eine SVP-Hochburg ist?

Gerade deshalb weiss ich genau, wie ich mich verhalten muss, um auch in einem rechtsbürgerlich dominierten Umfeld gehört zu werden. Vor allem aber muss man die Menschen und ihre Sorgen und Nöte ernst nehmen.

Wie viele Spitäler braucht es künftig im Kanton noch?

Die Grund- und Notfallversorgung in den Regionen muss gesichert sein und es sollte sinnvolle ergänzende Angebote geben. Der Vorschlag der Regierung, eigentlich ein Kahlschlag, ist aber keine Lösung. Ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung will.

Was darf diese kosten?

In den nächsten Monaten wird sich zeigen, wie viel der Kanton für diesen Service Public in die Hand nehmen will.

Bleibt Ihnen heute neben Familie, Beruf und Politik noch freie Zeit?

Definitiv. Für mich müssen Job oder auch Amt in einem Zeitraum erfüllt werden können, dass man nicht ausbrennt.

Spielen Sie noch Klarinette?

Für den Wahlkampf bin ich von der Musikgesellschaft dispensiert, wo ich seit 20 Jahren spiele. Wobei ich zum Leidwesen meiner Kameradinnen und Kameraden noch nie die fleissigste Probenbesucherin war.

Wem hätten Sie schon lange gerne einmal den Marsch geblasen?

Ich würde gerne all den Frauen, die in diesem Jahr für unsere Anliegen gestreikt haben und den Frauenstreik auf die Beine gestellt haben, ein Ehrenständchen spielen.