«Ein Drittel bewegte noch seine Flügel, die restlichen Vögel waren tot»: 120 Stare fallen im Thurgau wie Steine vom Himmel

In Triboltingen haben Passanten vor kurzem auf einer kleinen Fläche 120 Stare tot aufgefunden. Nach Untersuchungen in Bern ist klar, dass die Vögel wegen Lungenblutungen und Traumata gestorben sind. Viel weniger klar ist hingegen, wie es dazu kam. Selbst Ornithologen rätseln.

Samuel Koch
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Stare fliegen häufig zu Tausenden in einem grossen Schwarm.

Stare fliegen häufig zu Tausenden in einem grossen Schwarm. 

Bild: Keystone (Aventoft/Højer, Schleswig-Holstein, 28. März 2019)

Wie ein plötzlicher Hagelschauer. Über 100 Vögel fallen am letzten Februar-Tag im Thurgauer Dorf Triboltingen wie Steine vom Himmel. Sie liegen kurz nach 16 Uhr auf einer Fläche von rund 50 auf 50 Metern am Boden, die meisten von ihnen auf der Hauptstrasse, einige in der angrenzenden Wiese. Ein makaberer Anblick. Ein Augenzeuge sagt:

«Ein Drittel bewegte noch seine Flügel, die restlichen Vögel waren tot.»

Mehrere Autofahrer halten sofort an, stellen Pannendreiecke auf und alarmieren die Polizei.

Roman Kistler, Leiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung.

Roman Kistler, Leiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung.

Bild: Reto Martin

Um ein Verbrechen handelt es sich nicht. Deshalb meldet die Kantonspolizei Thurgau den Vorfall bei der zuständigen Jagd- und Fischereiverwaltung in Frauenfeld. Ein Mitarbeiter von Amtsleiter Roman Kistler macht sich auf den Weg an den Bodensee. Kistler sagt:

«Er hat rund 120 tote Stare zusammengenommen.»

Er kenne solche Vorfälle nur vom Hörensagen. Weil er die Todesursache nicht kennt, übergibt er einen Teil der Zugvögel ans Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin an der Universität Bern. «Die Stare weisen Lungenblutungen auf und haben ein Trauma erlitten», sagt Marie-Pierre Ryser, Leiterin der Abteilung Wildtiere.

Stare fliegen zwar häufig zu Tausenden in einem grossen Schwarm. Dass sie deshalb abstürzen, ist für Ryser aber nicht vorstellbar. Die genauen Umstände über das rätselhafte Sterben der Stare kennt sie nicht. Und von einem ähnlichen Vorfall in der Schweiz weiss sie ebenso wenig zu berichten.

Ein Star (Sturnus vulgaris).

Ein Star (Sturnus vulgaris).

Bild: Bazilfoto / iStockphoto

Mildes Wetter und kaum gefährliche Gebäude

Mysteriös: Auf der anderen Seite des grossen Teichs im US-Bundesstaat Missouri fielen vor wenigen Tagen tausend tote Vögel vom Himmel. Experten rätseln ebenfalls und spekulieren über meteorologische Ursachen wie Stürme oder Blitzeinschläge.

Spekulationen dominieren auch nach dem Fall in Triboltingen. Ryser spricht von einem Rätsel. Für die Thurgauer Behörden jedenfalls sei die Sache mit den Resultaten aus Bern abgeschlossen, weil bei den Staren Vergiftungen oder Krankheiten als Todesursache ausgeschlossen seien.

Aber warum sind die Vögel gestorben? Weder topografische noch meteorologische Gründe sprechen für das Vogelsterben. Die vom maximal 721 Meter hohen Seerücken zum Untersee abfallenden, mit Müller-Thurgau- oder Pinot-gris-Reben bebauten Hänge bezeichnen Ornithologen nicht als Vogelfalle. Zudem herrscht im Thurgau am besagten Nachmittag mildes Klima mit leicht bewölktem Himmel. Roger Perret von MeteoNews sagt: 

«Es war frühlingshaft mit Temperaturen um 10 Grad.»

Erst am Abend sollte starker Wind mit Böen von 75 km/h auffrischen. Das könne unmöglich Grund fürs Vogelsterben sein, meint Perret. «Wenn starker Wind aufzieht, verziehen sich die Vögel», sagt er.

Livio Rey, Mitarbeiter bei der Vogelwarte Sempach.

Livio Rey, Mitarbeiter bei der Vogelwarte Sempach.

Bild: PD

Mehr Ahnung von Vögeln hat Livio Rey von der Vogelwarte Sempach, obschon er überrascht ist vom Ausmass in Triboltingen. «120 Stare sind schon sehr viele», meint er. Sie könnten mit einem grossen Gebäude mit Glasscheiben kollidiert sein.

In unmittelbarer Nähe stehen aber einzig ein renoviertes Mehrfamiliengebäude, ein heruntergekommenes Haus und eine Garage. Grosse und hohe Gebäude sind weit und breit keine in Sicht, und Windkraftanlagen gibt’s im Thurgau keine. Ebenso als Todesursache kommt für Rey ein Zusammenprall mit einem Lastwagen in Frage.

Wilde Spekulationen über 5G-Technologie

Zwischen Januar und April ziehen Stare für die Brut aus wärmeren Gefilden gen Norden. Sie fliegen überwiegend in Bodennähe hinauf bis zirka 1200 Meter. Das widerspricht dem Gerücht, die Stare seien mit einem Flugzeug kollidiert. Zudem führt der digitale Flugradar kurz vor dem mysteriösen Vogelhagel nur wenige Flugbewegungen im direkten Umkreis von Triboltingen auf. Um 15.59 Uhr passiert laut Flight Radar 24 einzig ein Airbus A330-200 der Turkish Airlines aus Istanbul im Landeanflug auf Zürich-Flughafen unmittelbar den Flugraum am Untersee – auf einer Höhe von rund 3,3 Kilometern.

Bleibt noch die Frage nach dem Einfluss der neuen Mobilfunktechnologie 5G. Denn Betreiber in der Schweiz rüsten derzeit ihre Anlagen im Eiltempo mit den neuen Standards auf. Während der Bund die umfassende Nutzung von 5G verzögert und die Risiken für Mensch und Umwelt abklärt, setzen sich Einwohner überall gegen 5G zur Wehr.

Für zusätzlichen Zündstoff sorgte 2018 ein Video aus Den Haag, wonach während eines 5G-Tests Hunderte Vögel vom Himmel gefallen waren. Nach dem europaweiten Aufschrei jedoch gaben niederländische Behörden Entwarnung, ein 5G-Test habe dort gar nicht stattgefunden. Die Ornithologen der Vogelwarte Sempach überwachen seit über 30 Jahren flächendeckend Vogelpopulationen. Livio Rey sagt: 

«Wir finden jedoch keine Hinweise darauf, dass Strahlung ganze Vogelarten beeinflusst.»

Im mysteriösen Fall von Triboltingen spricht er von einem rätselhaften Ereignis. Und Roman Kistler meint: «Das ganze Leben ist ein Rätsel.»