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Géraldine Knie: «Ich denke täglich an Spidi»

Géraldine Knie, die Grande Dame des Schweizer National-Circus, über den Selbstmord von Clown Spidi, das Jubiläumsprogramm 2019 und das Schicksal des alten Knie-Zirkuszelts.
Daniel Fuchs und Samuel Schumacher
Pferde und ihre Familie: Das sind die grossen Leidenschaften von Géraldine Knie. (Keystone)

Pferde und ihre Familie: Das sind die grossen Leidenschaften von Géraldine Knie. (Keystone)

Das Haus in Rapperswil, in dem der «Schweizer National-Circus» sein Winterquartier bezogen hat, versprüht nicht gerade heitere Zirkusstimmung. In kleinen Büros sitzen Knie-Mitarbeiter, planen die 100-Jahre-Tournee, telefonieren, diskutieren. Wenigstens seis warm, sagt eine Mitarbeiterin und lacht. Draussen vor dem Fenster stehen die Zirkuswagen, mit denen der Knie ab März wieder durchs Land ziehen wird. Bis dahin hat Géraldine Knie alle Hände voll zu tun. Die 45-jährige hat ihr ganzes Leben im Zirkus verbracht, als Kinderartistin, Pferdedresseurin und nun als Hauptorganisatorin des 230-Mann-Betriebs. Sie empfängt gut gelaunt zum Gespräch. An der Wand hängen alte Fotos aus Zeiten, in denen noch Nashörner und Löwen in der Knie-Manege standen. Vieles habe sich verändert, sagt Géraldine, gekleidet – wie immer – ganz in Schwarz.

Frau Knie, im Juli hat sich Clown Spidi, der den Zirkus 24 Jahre lang begleitet hatte, das Leben genommen. Wie hat sein Freitod den Zirkusalltag verändert?

Ich denke täglich an Spidi. Die Lücke in meinem Herzen bleibt, wir waren fast 25 Jahre lang eng befreundet. Er gehörte für mich auch zur Familie Knie, das sagte er mir selber immer wieder.

Wissen Sie, was ihn zu seinem Entscheid getrieben hat?

Nein. Sein Tod kam völlig unverhofft, unser Schock war entsprechend gross. Noch am Tag, als er sich das Leben genommen hat, hatte er mir gesagt, dass er in Zukunft auch in der Winterpause bei uns in Rapperswil wohnen möchte und nicht mehr bei seiner Mutter in Olten.

Peter Wetzel, besser bekannt als Clown Spidi, aufgenommen beim Zirkuszelt (undatierte Aufnahme).
So kannte ihn das ganze Land: Clown-Spidi verkauft vor dem Zirkuszelt Programme. (Melanie Duchene/Keystone (Rapperswil, 27. März 2014))
Knie-Clown Spidi zwischen zwei Ponys.
Spidi auf der Place de la Navigation in Lausanne, vor einer Vorstellung des Zirkus Knie. (Bild: Christian Merz/Keystone (Lausanne, 25. September 2017))
Frauenfasnacht unter dem Motto «Zirkus»: Knie-Clown Spidi heisst die eintreffenden Damen willkommen. (Bild: Dominik Wunderli (Obernau, 14. Februar 2017))
Knie-Clown Spidi verlässt nach der Super-League-Partie zwischen dem FC Luzern und dem FC Sion die Swissporarena – natürlich im FCL-Dress. (Archivbild: Luzerner Zeitung: Luzern, 28. Juli 2012)
Sven Furrer vom Comedy-Duo Edelmais, links, posiert mit Spidi, rechts, vor dem Zirkus Knie. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone (Zofingen, 6. Juli 2011))
7 Bilder

Knie-Clown Spidi ist tot

Der Knie hat gerade Winterpause. Wie sieht das Zirkusleben zwischen den Tourneen aus?

Von einer Pause kann man gar nicht sprechen. Vor unserer 100-Jahre-Knie-Jubiläumstour 2019 läuft mega viel. Jetzt fahren wir dann mit dem Zirkustross nach Amsterdam, wo wir bis Mitte Januar im königlichen Theater Carré unsere Weihnachtsshow zeigen.

Das heisst: keine besinnlichen Weihnachten für die Familie Knie?

Der Zirkus bleibt auch über die Festtage im Mittelpunkt. Wir haben täglich zwei bis drei Shows. Aber unseren drei Kindern Ivan, Chanel und Maycol machen wirs natürlich so schön wie möglich. Das haben sie verdient. Chanel besucht die öffentliche Schule in Rapperswil und ab März dann wieder die Zirkusschule, Ivan hat die Schule beendet und Maycol jun. ist soeben jährig geworden.

Zirkus-Lady

Géraldine Knie (45) ist das bekannteste Mitglied der 6. Generation der Zirkusfamilie Knie. Bereits im Kindesalter stand die Tochter von Fredy Knie junior (72) und seiner Frau Mary-José Gailand (70) in der Manege. Géraldine Knie ist bekannt für ihre Pferdedressur. Das Handwerk erlernt hat sie von ihrem Vater. Sie ist in zweiter Ehe mit dem italienischen Zirkusartisten Maycol Errani (33) verheiratet, mit dem sie zwei Kinder hat: Töchterchen Chanel (7) und den Jungen Maycol junior (1). Deren älterer Bruder Ivan Frédéric (17) stammt aus erster Ehe mit dem ebenfalls italienischen Akrobaten Ivan Pellegrini (47). Italiener hätten eben eine besondere Anziehungskraft auf sie, verrät Géraldine Knie dieser Zeitung. Am Familientisch sprechen die Knies denn auch Italienisch.

Damit die Zirkusshows im Jubiläumsjahr 2019 rund laufen, braucht es ein gutes Zelt. Ist das Knie-Zelt eigentlich am Verlottern? Oder warum haben Sie ein Crowdfunding für ein neues «Chapiteau» lanciert?

Wir würden nie etwas verlottern lassen. Aber ein Zirkuszelt muss regelmässig ersetzt werden. Das Crowdfunding für das neue Zelt war eine Idee unserer Bank. Wir sind mit 230 Leuten – darunter auch teure Top-Artisten – unterwegs. Die Betriebskosten sind so schon enorm.

Der Knie kann sich also selber gar kein neues Zelt leisten?

Doch. Aber zu unserem 100-Jahre-Jubiläum wollten wir uns ein Geschenk machen und ein neues Zelt mit zwei Bogenmasten kaufen, in dem das Publikum von überall her völlig freie Sicht auf die Manege hat. Und anstatt dass uns die Leute zum Geburtstag Blumen schenken, haben uns viele einen Beitrag an das neue Zelt bezahlt. Das kostet 250'000 Franken. Wir haben rund 203'000 Franken an Spenden erhalten. Den Rest steuern wir selber bei.

Verstehen Sie jene Kritiker, die Ihnen vorwerfen, die grosse Knie-Dynastie betreibe Bettelei?

Diese Kritik finde ich ungerecht. Im Gegensatz zu anderen Kulturinstitutionen erhalten wir null Subventionen. Wir finanzieren alles alleine – inklusive des Kinderzoos.

Was passiert mit dem alten Zelt?

Daraus werden Taschen geschneidert, die die Teilnehmer des Crowdfundings erhalten.

Nächstes Jahr steht die grosse Jubiläumstournee an. Der Knie wird 100 Jahre alt. Können Sie uns etwas über die Show verraten?

Ich bin natürlich sehr happy, dass Viktor Giacobbo und Mike Müller mit dabei sind. Die werden für viele Lacher im Zirkusalltag sorgen. Die beiden werden in den Abendvorstellungen in der Deutschschweiz auftreten, nachmittags präsentieren wir Zirkusclowns.

Stimmt es eigentlich, dass Sie die beiden in Hotels unterbringen wollten und sie dann gesagt haben, dass sie nur mitmachen, wenn sie in einem Zirkuswagen schlafen dürfen?

Ja, darauf haben sie beharrt. Sie haben jetzt je einen eigenen Wohnwagen, genau wie unsere Artisten. Das Einzige, was wir anpassen mussten, war die Garderobe. Unsere bestehende war zu klein für all ihre Kostüme.

Mit Giacobbo/Müller kommt ein politisches Duo in den Knie. Wird das eine politische Zirkustournee?

Nein. Schon mein Grossvater hat mit Comedians wie Dimitri oder mit Emil zusammengearbeitet. Wir wissen, dass Lachen etwas ganz Wichtiges ist im Zirkus. In der Westschweiz setzen wir dann übrigens auf das Duo Vincent Kucholl und Vincent Veillon, die «Divertimentos» der Romandie.

Das heisst, man muss das nächste Jahr gleich zweimal in den Knie?

Nein, nein, ich kenne Viktor und Mike sehr gut, das wird für die beiden kein Problem sein.

Was können Sie uns sonst über das Jubiläumsprogramm verraten?

Meine Kinder werden mit dabei sein, die 8. Generation der Knies ist präsent in der Manege. Für mich als Mutter ist das natürlich ein Highlight.

Andere Familienmitglieder machen ja längst was anderes: den Weihnachtszirkus Salto Natale, die «Oh lala»-Show für Erwachsene und nun auch noch das Musical Ihres Onkels Rolf. Führt diese innerfamiliäre Konkurrenz manchmal zu Streit?

Nein. Rolfs Knie-Musical ist ja kein Zirkus. Und ich finde, wenn man etwas gut macht, dann hat das Platz.

Das Angebot an Unterhaltungsangeboten wächst kontinuierlich, für einen Zirkus wird es immer enger.

Natürlich gibt es ein grosses Kulturangebot. Und das Publikum hat ja nur ein begrenztes Budget für Entertainment-Ausgaben. Doch man sollte nicht vergessen: Früher war das Unterhaltungsangebot hierzulande zwar nicht ganz so gross, dafür flog man um die halbe Welt. Ich zum Beispiel flog mit meinem Vater extra nach New York für eine «Phantom der Oper»-Vorführung. Viele konnten sich das gar nicht leisten und hatten dadurch weniger Zugang zu kulturellen Angeboten. Statt nach New York zu fliegen, gibt man dieses Geld heute halt in der näheren Umgebung aus. Das ist gut so.

Wie behauptet sich der Circus Knie in diesem Umfeld?

Man muss top bleiben. Bei der Show darf man ja nichts einsparen. Wir haben zum Glück treue Zuschauer, die mir zum Beispiel bei jeder Geburt meiner Kinder gratulierten. Daran zeigt sich, weshalb es uns in der Schweiz so wohl ist. Wir haben nie daran gedacht, mit dem Zirkus ins Ausland zu gehen.

Auch die treusten Fans sterben irgendwann weg. Wie wollen Sie die junge «Generation Netflix» an den Zirkus binden?

Wir wollen mit der Zeit gehen. Die Drohnennummer vom letzten Jahr ist ein Beispiel dafür.

Apropos mit der Zeit gehen: Wildtiernummern im Circus sind total out. Gut so?

Das ist keine neue Erscheinung. Raubtiernummern haben wir nun bereits seit 16 Jahren keine mehr.

Andere Zirkusse gehen andere Wege. Der Zirkus Royal will nächstes Jahr vielleicht wieder mit Raubkatzen durchs Land ziehen.

Jedem das seine. Ich bin nicht neidisch auf andere Zirkusse, wenn ihnen etwas Neues gelingt. Mein Vater sagt immer, jede gelungene Zirkusnummer ist gute Werbung für unser Zirkusmetier.

Dann kann es sein, dass der Zirkus Knie dereinst Elefanten zurück in die Manege bringt?

Das ist jetzt nicht geplant. Aber wir haben nie Abschied genommen von unseren Elefanten. Die Tiere leben jetzt einfach das ganze Jahr über im Kinderzoo statt rund ums Zirkuszelt. Das kostete zwar viel Geld, aber wir wollen, dass es unsere Tiere gut haben.

Warum verzichtet man nur auf die Elefanten in der Manege und nicht auch auf die Pferde?

Das hat mit den Platzverhältnissen an den Spielorten zu tun. Es wird immer enger, was zum Problem wurde mit den Dickhäutern. Mit den Pferden geht das problemlos. Die bringen wir mit dem Transporter auf die Weide, holen sie für die Shows ins Zirkuszelt und bringen sie nach der Vorstellung wieder zurück. Bei Elefanten geht das nicht. Stellen Sie sich das mal vor, wir liessen die Dickhäuter einfach so auf irgendeiner Pferdekoppel weiden.

Schon als Mädchen wagte sich Géraldine Knie in die Zirkus-Manege. (Bild: Keystone)

Schon als Mädchen wagte sich Géraldine Knie in die Zirkus-Manege. (Bild: Keystone)

Von den Elefanten zurück zur Familie: Werden Ihre Kinder dereinst in Ihre Fussstapfen treten und das Zirkusbusiness weiterführen?

Ich wünsche es mir. Die achte Knie-Generation besteht aber nicht nur aus meinen Kindern, sondern auch aus Chris, dem Sohn meines Cousins Franco junior. Die Vertreter der neuen Knie-Generation verstehen sich prächtig. Dieses Familienunternehmen hat eine Zukunft.

Was müssen Ihre Kinder können, wenn Sie den Zirkus erfolgreich in die Zukunft führen wollen?

Sie müssen gut rechnen können, an allen Ecken und Enden mithelfen. Natürlich haben wir Profis angestellt für sämtliche Bereiche, doch man darf nicht lockerlassen.

Sind die Knies knallharte Geschäftsleute?

Knallhart nicht, nein. Aber man muss konsequent umsetzen, was man entschieden hat.

Ihr Vater Fredy Knie junior ist mit 72 noch immer die prägende Figur beim Knie. Wann ändert sich das?

Hoffentlich noch lange nicht. Mein Vater ist für mich das grosse Vorbild, der Chef, zu dem ich hochblicke. Er kann loslassen, aber er bleibt als Unterstützung da. Das werde ich bei meinen Kindern genau so handhaben. Im Zirkus ist die Familie immer sehr eng. Damals konnte ich mir niemals vorstellen, ohne Grossvater zu sein. Als er uns dann verliess, ging für mich eine Welt unter. Das wird auch so sein bei meinem Vater. Ich bin schon sehr familienfixiert.

Und was macht Ihr Onkel Franco senior?

Er ist nicht mehr so stark in die Tournee involviert wie früher. Er kümmert sich vor allem um die Elefanten im Elefantenpark. Doch klar, er steht mit Rat zur Seite, genau wie Rolf.

Wenn wir zum Schluss noch mal zurückschauen: Worin liegt der grösste Unterschied zwischen dem Knie von vor 100 Jahren und dem Knie von heute?

Die Logistik, das Catering, da hat sich alles verändert. Früher besuchten wir 60 Städte, nächstes Jahr sind es noch 33. Früher machten wir noch Halt für einen einzigen Tag, Wahnsinn! Am Morgen haben wir aufgebaut, zwei Vorstellungen gemacht und am Abend wieder abgebaut.

Gibt es Knie auch noch in 100 Jahren.

Ja.

Wie wird er aussehen?

Kann ich nicht sagen, wir gehen Schritt für Schritt.

Worauf freuen Sie sich am meisten im Zirkusalltag?

Im Zirkus sind es die Pferde.

Wie oft standen Sie selbst eigentlich schon in der Manege?

Mehr als 12'000 Mal.

Hat man nach all den Auftritten noch Lampenfieber?

Das nicht. Dafür sind wir zu sehr ins Zirkusleben hineingewachsen, auch meine Kinder. Aber gespannt ist man natürlich schon und konzentriert.

Was mögen Sie nicht am Zirkus?

Nichts. Das ist Leidenschaft pur. Ich habe schon als Kind geweint, als Saisonschluss war. Und dann im Frühling, als wir wieder auf Achse waren, war ich der glücklichste Mensch der Welt.

Und – Hand aufs Herz – wo spielen Sie am liebsten?

In Zürich. Das heisst nicht, dass ich die anderen Städte nicht mag. Aber Zürich ist irgendwie anders, besonders. Die Zürcher sind einfach sehr herzlich.

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