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Der Biber ist ein Stadttier - er fühlt sich auch in Frauenfeld wohl

Das Nagetier fühlt sich auch im urbanen Umfeld wohl. So wurden im Thurgauer Kantonshauptort bereits mehrere Biber gesichtet. Reviere im städtischen Raum sind bei den Säugetieren nicht unbeliebt. «Wenn sie genügend Nahrung finden», sagt ein Biologe.
Sebastian Keller
Ein Biber schwimmt in der Murg bei Frauenfeld. (Bild: Sebastian Keller)

Ein Biber schwimmt in der Murg bei Frauenfeld. (Bild: Sebastian Keller)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ein ruhiger Montagabend. Die Schweiz rät bei der Quizsendung «1 gegen 100» mit. Der Frauenfelder Lindenpark, zwischen Bahnhof und Murg gelegen, ist um 20.35 Uhr wie leergefegt. An schönen Tagen verlustiert sich hier die Stadt; Kinder tollen auf dem Spielplatz herum und beanspruchen die elterliche Aufmerksamkeit. Doch an diesem Abend erregt ein anderes Lebewesen die Neugier eines Mannes, der gedankensortierend in den Feierabend spaziert.

Er erspäht ein schwimmendes Etwas in der Murg. Enten sind häufig unterwegs, weiss der Mann. Auch Fische konnte er schon beobachten. Doch das Etwas schwimmt an der Wasseroberfläche und trägt kein farbenträchtiges Gewand. Und für eine PET-Flasche ist es zu aktiv. So zückt der Mann sein Smartphone und geht durch das kniehohe Gras auf das Fliessgewässer zu. Und da ist für ihn klar: Ein Biber schwimmt in der Murg. Als sich der Mann dem Wasser nähert, taucht das Tier augenblicklich ins Fliessgewässer ein. Es spritzt, wie wenn ein wagemutiger Junge vom Sprungbrett ins Wasser springt.

«Der Biber ist schon seit Jahren in Frauenfeld»

Philip Taxböck, Biologe. (Bild: PD)

Philip Taxböck, Biologe. (Bild: PD)

Ein Biber im Thurgauer Kantonshauptort, an einem normalerweise belebten Ort: Ist das möglich? «Absolut», sagt Philip Taxböck. Der Biologe ist Projektleiter der Aktion Biber & Co. von Pro Natura. So handle es sich nicht um die erste Biberbeobachtung im Umfeld der Murg. «Der Biber ist schon seit Jahren in Frauenfeld», sagt Taxböck.

Davon zeugt auch der Säugetieratlas – eine Art Volkszählung der Wildtiere. Ökologisch gesehen sei es nichts Aussergewöhnliches, dass sich der Biber im urbanen Gebiet Lebensraum erobert. Auch Bern, Solothurn und andere Zentren hätten Biber. In und um die Bischofszell, wo Sitter und Thur fliessen, leben diese Nagetiere. «Biber», sagt der Biologe, «sind viel anpassungsfähiger, als man noch vor einigen Jahren glaubte.»

Würde ein Biber ein Wohnungsinserat aufgeben, er schriebe: Möglichkeit einen Bau zu installieren – mit Unterwasserzugang – und genügend Nahrung. Der Nager frisst keinen Fisch. Er ist aber - trotz Schwimmhäuten zwischen den Hinterzehen – auch kein Fisch. Was heute Allgemeinwissen ist, war vor Jahrhunderten nicht so eindeutig. Damals, als die Kirche noch für die Wahrheit zuständig war. So landete der Biber während der Fastenzeit auf den Tellern der Katholiken. Die Kirchenoberen beschlossen anlässlich des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418, dass der Biber mit Dachs und Otter nicht unter die Kategorie verbotenes Fleisch fällt.

Heute ist klar: Der Biber ist ein Säugetier und ernährt sich ausschliesslich von Pflanzen. Damit ist er ein Trendsetter, da der Vegetarismus ein Ernährungstrend der Stunde ist. Im Sommer vertilgt der Nager Löwenzahn und Klee, im Winter verleibt er sich Rinde von Weichhölzern wie Weiden und Pappeln ein. «Im Frauenfelder Murg-Auen-Park findet er genügend Nahrung», sagt Biologe Taxböck. Die Revitalisierung des ehemaligen Militär-Übungsgeländes dürfte wohl ein Grund sein, wieso sich der Biber in der Kantonshauptstadt wohlfühlt.

Vor rund 50 Jahren gelang die Wiederansiedlung des Nagetiers

Der Biber ist im Thurgau erst seit rund 50 Jahren wieder heimisch. Im 19. Jahrhundert galt er schweizweit als ausgerottet. Die Auswilderung von Bibern aus Norwegen im Seebachtal um 1968 war der Grundstein für die heutige Population. In der jüngeren Vergangenheit beschleunigte sich die Entwicklung. Aktuell dürften 550 bis 600 Tiere zwischen Hörnli und Bodensee leben. Die Zahlen sind einer Folie der Jagd- und Fischereiverwaltung von Dezember 2018 zu entnehmen.

Biberfachleute gehen davon aus, dass im Thurgau Lebensräume für Biber allmählich besetzt sein dürften. «Deshalb», sagt Taxböck, «sind wir bemüht, weitere Lebensräume zu schaffen oder zu erschliessen.» Potenzial ortet er an der Aach, die im Oberthurgau fliesst. «Es hat dort bereits einige Reviere, doch einige mehr sind möglich.»

Mit dem wachsenden Bestand steigt die Zahl potenzieller Konfliktherde. Taxböck nennt zum Beispiel die Unterhöhlung von Uferwegen oder Verstopfung von Drainage- oder Abflussrohren. Wenn der Biber seinen Bau in einem Rohr einrichtet, kann das Wasser nicht mehr abfliessen.

Auch Landwirte haben mit dem Biber zu kämpfen. In der Wildschadenstatistik des Kantons sind Schäden an Rüben über 5440 Franken für das Jahr 2018 aufgelistet. Insgesamt werden dieser Tierart die Schäden von 16617 Franken zur Last gelegt. Zum Vergleich: Wildschweine verursachen Schäden an Kulturen von über 250000 Franken.

Nationalrat will dem Biber ans Fell

Heute darf dem Biber niemand ans Fell – seit 1962 ist er bundesrechtlich geschützt. Doch der Nationalrat will, dass der Bestand reguliert werden kann. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

In Kreuzlingen musste unlängst die öffentliche Hand eingreifen. Die Stadt holte beim Kanton eine Bewilligung ein, Biberdämme im Chrebsbach zu entfernen. Das Problem: Ein Nagetier baute beim Grobholzrechen einen Damm. Im Fall eines Hochwassers drohte die Überschwemmung der Siedlung.

Ansonsten stellt der Biber für den Menschen keine eigentliche Gefahr dar. «Er gilt nicht als angriffslustig», sagt Taxböck. Der Biologe betont trotzdem: «Es handelt sich um ein Wildtier.» Er empfiehlt – gerade im Mai – nicht zu nahe an einen Biberbau zu treten. Denn: Im Wonnemonat kommen die Jungtiere zur Welt – und diese werden von den Elterntieren beschützt.

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