Nach überraschendem Freispruch: Warum die vermeintlichen Thurgauer Mafiosi doch unschuldig sind

Die Mitglieder der vermeintlichen 'Ndrangheta-Zelle im Kanton Thurgau waren zwar Verwandte von Mafia-Clans in Kalabrien, aber deswegen nicht automatisch Mafiosi. Dies hat der Kassationshof in Rom entschieden.

Dominik Straub, Rom
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Eine Überwachungskamera filmte die Mafiosi der Frauenfelder ‘Ndrangheta-Zelle im Boccia-Club des Gasthofs Schäfli in Wängi.

Eine Überwachungskamera filmte die Mafiosi der Frauenfelder ‘Ndrangheta-Zelle im Boccia-Club des Gasthofs Schäfli in Wängi.

Bild: PD

Nach fünf Jahren Haft sind der 70-jährige Antonio N. und der 75-jährige Raffaele A. wieder auf freiem Fuss: Der Kassationshof in Rom hat die beiden Süditaliener am vergangenen Freitag freigesprochen und ihre sofortige Freilassung angeordnet. Antonio N. und Raffaele A. waren im August 2014 bei einem Grenzübertritt von der Schweiz nach Italien von der italienischen Polizei verhaftet und anschliessend wegen Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden. Antonio N., genannt «Ntoni lo Svizzero» oder «il cucchiarune» (der Schwätzer), war laut den Vorinstanzen der Kopf eines grösseren Ausland-Ablegers der 'Ndrangheta in Frauenfeld gewesen; Raffaele A. galt als dessen «rechte Hand».

Der Kassationshof hat nun entschieden, dass der Vorwurf der «mafiösen Vereinigung» nicht haltbar sei. Antonio N. und Raffaele A. hätten in der Schweiz keinerlei mafia-spezifischen Gewalt- und Straftaten begangen. Weder hätten sie in ihrer Wahlheimat Privatpersonen, Politiker oder Unternehmer einzuschüchtern versucht, noch hätten sie mit illegalen Methoden öffentliche Aufträge ergattert oder auf Wahlen Einfluss genommen. Und schliesslich sei bei der Thurgauer Gruppe auch keine «omertà», keine mafiöse Mauer des Schweigens, festzustellen gewesen.

Dies wären aber laut dem italienischen Strafgesetzbuch die Bedingungen, um zu einer Verurteilung wegen «mafiöser Vereinigung» zu gelangen, betonten die höchsten Richter Italiens in ihrem Urteil.

Unauffälliges, diskretes Leben geführt

Für die Staatsanwaltschaft bestand dagegen kein Zweifel, dass es sich bei den beiden Männern um Mitglieder der kalabresischen Mafia handle. Die 'Ndrangheta, hiess es in der Anklageschrift des erstinstanzlichen Verfahrens, habe in der Schweiz «Wurzeln geschlagen», und die Thurgauer Zelle habe eine «stabile Struktur» aufgebaut. Die Beziehungen zu den Bossen in Süditalien seien weiterhin sehr eng geblieben, und alle strategischen Entscheide seien in Kalabrien gefällt worden.

Antonio N. und Raffaele A. sind in der Tat eng verwandt mit bekannten und einflussreichen 'Ndrangheta-Familien in ihrer italienischen Heimat. Dass die beiden Männer im Thurgau jahrelang ein völlig unauffälliges, diskretes Leben geführt hatten, ist laut italienischen Mafia-Experten ebenfalls ein typisches Merkmal der 'Ndrangheta-Ableger im Ausland.

Und: Bei einem Treffen der Thurgauer Zelle in einem Boccia-Club von Wängi in der Nähe von Frauenfeld, das heimlich von der Polizei gefilmt und 2014 veröffentlicht worden war, war unter anderem auch über Drogenhandel geredet worden. Auch die Rituale des Treffens entsprachen jenen der kriminellen Verwandten in Kalabrien. Nur: Bei diversen Polizei-Razzien konnten bei den Mitgliedern der Zelle nie auch nur ein Gramm Rauschgift oder Waffen sichergestellt werden. Der Rechtsanwalt von Antonio N., Giovanni Vecchio, betonte vor dem Kassationshof denn auch, dass es sich bei den Sitzungen um «normale Familientreffen» und nicht um mafiöse Zusammenkünfte gehandelt habe.

Ausländischen Zellen dienen als Stützpunkte zur Geldwäsche

«Der Kassationshof hat einen historischen Entscheid gefällt», betont Vecchio. Tatsächlich dürfte das Urteil weitreichende Folgen haben, vor allem bei der Bekämpfung der Ausland-Ableger der Mafia. Denn die Aufgabe der Ausland-Zellen besteht in der Tat nicht in der Einschüchterung ihrer Umgebung, der Infiltration von Unternehmen und Behörden, in der Erschleichung öffentlicher Aufträge oder in der Beeinflussung lokaler Wahlen wie in Italien.

Vielmehr dienen die ausländischen Zellen den Clans als Stützpunkte zur Geldwäsche, also für Investitionen des illegal verdienten Milliardenvermögens in ausländischen Immobilienbesitz oder Unternehmen. Solche Geldflüsse oder andere Machenschaften müssten einwandfrei nachgewiesen werden, betont Anwalt Vecchio. Das sei eine Frage der Rechtsstaatlichkeit.

Urteil hat Folgen für restliche Mitglieder

Unmittelbare Folgen dürfte das neue Urteil mit hoher Wahrscheinlichkeit für die übrigen Mitglieder der vermeintlichen Schweizer 'Ndrangheta-Zelle haben. Insgesamt umfasste die Thurgauer Zelle neben Antonio N. und Raffaele A. 15 weitere Mitglieder, von denen 13 nach langwierigen Gerichtsverfahren an Italien ausgeliefert wurden – zwei Mitglieder konnten nicht ausgewiesen werden, da sie die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt hatten.

Die meisten von ihnen warten in italienischen Gefängnissen auf das erstinstanzliche Urteil. Nach dem Entscheid des Kassationshofes dürften die Bezirksrichter nun wohl deutlich höhere Anforderungen bezüglich effektiv nachgewiesener Straftaten stellen, um die Angeklagten wegen «mafiöser Vereinigung» zu verurteilen. Betroffen von dem Entscheid des Kassationshof sind aber voraussichtlich auch zahlreiche Prozesse, die gegen Angehörige von Mafia-Clans in Deutschland, in Österreich und in anderen Ländern geführt werden.

'Ndrangheta setzt rund 65 Milliarden Euro um

Die kalabresische 'Ndrangheta gilt als die internationalste Mafia-Organisation Italiens. Laut den italienischen Anti-Mafia-Behörden existieren im Inland rund 150 Clans - intern «Ndrine» genannt -, sowie mehr als 100 Metastasen im Ausland. Bezüglich 'Ndrangheta-Unterwanderung liegen Deutschland, die Schweiz und Österreich mit über dreissig Ablegern weltweit an der Spitze.

Pro Jahr setzt die 'Ndrangheta rund 65 Milliarden Euro um - sie ist damit eines der grössten «Unternehmen» Italiens. Am meisten (rund 25 Milliarden Euro) nimmt die Organisation mit dem Drogenhandel ein. Die 'Ndrangheta ist die wichtigste Abnehmerin der südamerikanischen Drogenkartelle und versorgt halb Europa mit Kokain. Aber auch mit den Sparten Geldwäsche, Waffenhandel, Prostitution und Glücksspiel machen die Kalabresen erhebliche Gewinne.