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Open Air Frauenfeld verstärkt seinen Kampf gegen die Abfallberge +++ Der Müllvergleich mit dem Open Air St.Gallen

Das Open Air Frauenfeld verschärft erneut sein Abfallkonzept, weil im vergangenen Jahr mehr Güsel auf der Grossen Allmend liegengeblieben ist. Das Open Air St.Gallen hingegen wirbt für Klimaneutralität und setzt auf Wiedergutmachung.
Samuel Koch
Volle Abfallcontainer nach dem Open Air Frauenfeld 2018. (Bild: Reto Martin)

Volle Abfallcontainer nach dem Open Air Frauenfeld 2018. (Bild: Reto Martin)

Als sich Eminem erstmals auf der Skyline-Stage zeigt, erreicht der Lärmpegel seinen Höhepunkt. Der US-Amerikaner versetzt die 50'000 Besucher am vergangenen Open Air Frauenfeld (OAF) in Ekstase. Das Festival 2018 mit total 180'000 Hip-Hop-Fans während vier Tagen geht deshalb trotz durchzogenem Wetter als erfolgreichstes in die Geschichte ein.

Das letztjährige Open Air St.Gallen (OASG) hingegen war mit gesamthaft 100'000 Besuchern zwar zum zweiten Mal in Folge nicht ausverkauft. Dafür wartete Petrus im Sittertobel mit für St.Galler Verhältnisse atypischem Sommerwetter auf.

Regen machte den Abfall schwerer

Unabhängig vom Wetter: Wo Menschen sind, bleibt Abfall zurück. Jahr für Jahr flammen deshalb nach den Open Airs wieder Diskussionen über Umweltschutz auf. Obwohl die grössten Schweizer Festivals mittlerweile mehrstellige Summen in ihre Abfallbewältigung investieren, kommunizieren sie die Zahlen nur sehr zurückhaltend.

Joachim Bodmer, Medienchef Open Air Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

Joachim Bodmer, Medienchef Open Air Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

«Die Öffentlichkeit blendet jeweils die Hintergründe über die entstandenen Abfallberge komplett aus», moniert etwa OAF-Mediensprecher Joachim Bodmer. Das OK kennt gute Gründe für die gesamthafte Abfallmenge beim letztjährigen OAF von 297 Tonnen und somit eine Zunahme von 14 Tonnen: «Im Vergleich zu 2017 tummelten sich im vergangenen Jahr 100'00 Besucher mehr auf dem Gelände herum.»

Zudem habe der zwischenzeitlich starke Regen zu einem höheren Gewicht des Abfalls beigetragen. «Das liegt in der Logik, dass nasser und vollgesogener Abfall schwerer ist», meint Bodmer.

Dass der Abfallberg im Sittertobel zuletzt deutlich abgenommen hat, begründen die Organisatoren des OASG nicht nur mit dem Wetter. «Es hat auch mit der Besucherzahl oder der hohen Rücklaufquote bei Zeltdepots und Mehrwegbechern zu tun», erklärt Mediensprecherin Nora Fuchs.

Rezyklierrate steigt durch Fokus auf Abfalltrennung

Für die Organisatoren viel aussagekräftiger sind die Zahlen zur Abfallmenge pro Kopf. Zwar schwanken diese – sowohl in Frauenfeld als auch in St.Gallen. Dafür stehen die Festivals mit ihren Abfallkonzepten mittlerweile besser da als der Schweizer Durchschnitt. In Frauenfeld lag der Wert im vergangenen Jahr bei 1,7 Kilogramm Abfall pro Kopf, in St.Gallen bei 1,5 Kilogramm. «Jeder Schweizer produziert pro Tag rund zwei Kilogramm Abfall», sagt OAF-Sprecher Bodmer.

Besonders viel Gewicht hat für ihn die Rezyklierrate von rund 30 Prozent, die in Frauenfeld seit 2016 kontinuierlich und im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen ist. Somit wurden rund 90 Tonnen rezyklierbare Wertstoffe wie Alu oder PET separat verwertet. «Das ist eine deutliche Steigerung», meint er.

Vorher-Nachher über der Frauenfelder Allmend

Wenn zeltende Open-Air-Besucher die Frauenfelder Allmend belagern

Die Bilder vom Zeltplatz im Juli 2018.

In St.Gallen hingegen ist die Rezyklierrate im vergangenen Jahr gesunken. «Die Zahl hängt auch davon ab, ob das Festival allgemeine Räumungsaktionen beim Baumaterial machen muss, was im Vorjahr der Fall war», meint Sprecherin Nora Fuchs. Im Gegensatz dazu konnte das OASG den Anteil an Altmetall deutlich senken, weil weniger Zelte im Sittertobel liegengeblieben sind. «Wir sind bestrebt, die Rezyklierrate auf gutem Niveau zu halten.»

Klimaneutralität und Versuch über psychologische Tricks

Aufs bevorstehende OASG Ende Juni hin, gibt es nur unwesentliche Änderungen bezüglich Abfallmanagement. «Wir halten an den bereits erfolgreichen Massnahmen auf dem Festivalgelände fest», sagt Fuchs. Nach 2018 zum zweiten Mal lässt das OASG die CO2-Emissionen mit Hilfe eines Klimaschutzberaters wissenschaftlich auswerten. Daraus will das OK das CO2 kompensieren und für eine Klimaneutralität Umweltprojekte finanziell unterstützen. Das Festival wird damit zum ersten Mal klimaneutral durchgeführt.

Nora Fuchs, Mediensprecherin OASG. (Bild: PD)

Nora Fuchs, Mediensprecherin OASG. (Bild: PD)

Zudem gibt’s für die Besucher am Samstagmorgen vor der Sternenbühne ein Podium über Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Fuchs sagt:

«Wir erhoffen uns so direkte Rückmeldungen unserer Besucher.»

Mehr Abfalleimer, mehr Zeltrückgabestellen, mehr Putzpersonal

Handfestere Änderungen im Abfallmanagement beschliesst das Frauenfelder OK für sein diesjähriges Festival. So kümmert sich erstmals ein «Waste-Manager» die ganze Zeit nur um die Abfallbewältigung. «Wir können so schneller auf Probleme eingehen», meint OAF-Sprecher Bodmer.

Auf dem Gelände stehen doppelt so viele Abfalleimer und -inseln, welche die Güseltrupps in einem noch höheren Intervall leeren. Auf dem Camping werden die Zeltrückgabestellen von früher einer auf sechs ausgebaut. Es habe sich gezeigt, dass die Besucher ihre Zelte von der hintersten Ecke des Campings nicht bis zum Ausgang bringen, meint Bodmer und ergänzt:

«Mit diesen Neuerungen und der Sensibilisierung hat kein Besucher mehr eine Ausrede, seinen Abfall nicht in den dafür vorgesehenen Kübeln zu entsorgen.»

Gar psychologisch will das OK auf den Besucher einwirken. «Wir werden mit viel Personal bewusst vor den Augen der Festivalbesucher das Gelände aufräumen und putzen», sagt Bodmer. Eben diese Aktion der Stadt Zürich beim Seebecken habe gezeigt: Je mehr aufräumendes und putzendes Personal zu sehen ist, desto weniger Abfall landet nicht in den dafür vorgesehenen Behältern. «So steigt die Hemmschwelle, den Abfall einfach auf den Boden zu werfen», meint Bodmer.

100'000 Franken zusätzlich für Abfallmanagement

Der Besucher berappt nach wie vor nur das Zeltdepot von 20 Franken, sofern er sein Zelt nach dem Festival nicht vom Gelände schleppt. Das OK investiert heuer zusätzliche 100'000 Franken in den Kampf gegen die Abfallberge. Wie viel die Kosten fürs Abfallmanagement vom Gesamtbudget von 15 Millionen Franken ausmachen, will Bodmer indes nicht verraten.

Resultiere nach dem OAF 2019 nicht eine markante Verbesserung bei den Abfallzahlen, spricht Bodmer davon, die umweltsündenden Besucher noch mehr zur Kasse zu bitten:

«Wir müssen uns weiter verbessern, andernfalls geht es ab 2020 zusätzlich übers Portemonnaie.»

So könnte in Zukunft auch der Preis für den Zeltvoucher von heute 20 Franken um ein Vielfaches erhöht werden. Denn für die OAF-Veranstalter ist klar: «Noch mehr Sensibilisierung gegen Abfall und noch mehr Umweltschutz lässt sich fast nicht realisieren.»

Nachgefragt beim Wirtschaftspsychologen:
«Littering passiert nicht einmal absichtlich»

Jahr für Jahr reisen Tausende mit Sack und Pack an Schweizer Open Airs. Wirtschaftspsychologe Christian Fichter erklärt, warum viele nach den Festivals ihr Hab und Gut einfach liegenlassen.

Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe Kalaidos Fachhochschule in Zürich. (Bild: PD)

Christian Fichter, Wirtschaftspsychologe Kalaidos Fachhochschule in Zürich. (Bild: PD)

Ist die Problematik von Littering in den letzten Jahren schlimmer geworden?

Ja und Nein. Einerseits gibt es einen Trend zu mehr Individualismus, Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Andererseits gibt es die Entwicklung, die ökologischen Ressourcen weniger auszubeuten.

Was beobachten Sie bei den Open Airs in Frauenfeld und St.Gallen?

An einem Festival campieren die Besucher regelrecht, richten sich bequem ein, unterstehen dem Gruppendruck und verhalten sich entsprechend nach der sozialen Norm.

Was heisst das?

Man macht das, was andere auch machen. Man orientiert sich am Verhalten der Gruppe. Weil das illustrativ und informativ ist, muss man nicht viel überlegen. Oft fehlt die Sensibilisierung für Littering und die richtige Einstellung gegenüber Themen wie Umweltschutz.

Ist Littering ein Problem, das nur in der Hip-Hop-Szene vorkommt?

Nicht nur. Generell beobachten wir in Subkulturen, wie die Hip-Hop-Szene eine ist, dass dort nicht unbedingt den gängigen sozialen Normen Rechnung getragen wird. Menschen in der Flowerpower-Szene würden nie nur ein Fätzli am Boden liegen lassen. Dafür fliegen sie für ihre Festivals nach Goa in Indien. Das ist ökologisch auch nicht viel besser.

Sind jüngere Personen anfälliger für Littering?

Normverstösse sind im Jugendalter definitiv reizvoller, weil Junge ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben – in der Subkultur sowieso nicht.

Wie beeinflussen die aktuellen Klimademos das Thema?

Die Klimadiskussion ruft uns Umweltfragen wieder verstärkt ins Bewusstsein. Das führt aber nicht automatisch dazu, dass jeder Einzelne auf Plastikbesteck verzichtet und seinen Abfall mitnimmt. Aber das Bewusstsein fürs Thema ist eine wichtige Vorbedingung für besseres und umweltbewussteres Verhalten.

Abfallberge lösen Jahr für Jahr grosse Empörung aus, obwohl jeder im Schnitt mehr Abfall produziert.

Verständlich. Gerade bei grösseren Menschenmassen ist Littering augenfällig.

Ist die Empörung über Festivalbesucher nicht etwas scheinheilig?

Nein. Littering passiert oft nicht einmal absichtlich. Es ist das Unwissen, das einem die öffentliche Hand und die Veranstalter mit Kampagnen vor Augen halten müssen. Verhalten für den richtigen Umgang mit Abfall ist nicht angeboren.

Sie sehen also die Organisatoren noch mehr in der Pflicht?

Definitiv. Es gilt das Verursacherprinzip.

Wie kann man den Festivalbesucher noch mehr einbinden?

Mit Preisanstiegen oder noch höheren Depots. Eine weitere Möglichkeit wäre eine sogenannte Umweltpolizei, die Festivalbesucher büsst, die Zelt oder Grill zurücklassen. Das ist zwar nicht sehr elegant, aber wirksam.

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