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Zelte aus Karton drängen auf die Schweizer Festivallandschaft – Open Airs in St.Gallen und Frauenfeld üben Kritik

An Open Airs in der Schweiz bleiben trotz Depotgebühren jährlich Tausende Zelte liegen, so auch auf der Frauenfelder Allmend oder im St.Galler Sittertobel. Eine holländische Firma setzt nun auf Zelte aus rezyklierbaren Karton.
Samuel Koch
Ein sogenanntes «karTent» bietet Platz für zwei Personen und ist gemäss Hersteller zu 100 Prozent wasserdicht. (Bild: PD/kartent.com)

Ein sogenanntes «karTent» bietet Platz für zwei Personen und ist gemäss Hersteller zu 100 Prozent wasserdicht. (Bild: PD/kartent.com)

Die Bilder von Abfallbergen nach Open Airs brennen sich ins Gedächtnis ein – nicht nur in jene von Umweltaktivisten, die nur noch Wollsocken tragen und rigoros auf den Verzehr von Fleisch oder auf Reisen mit dem Flugzeug verzichten. Jährlich bleibt an Schweizer Festivals tonnenweise Abfall liegen. Alleine am Open Air Frauenfeld (OAF) waren es im vergangenen Jahr mit gesamthaft 180'000 Besuchern fast 300 Tonnen, obwohl die Veranstalter mit einem Abfallkonzept und umfangreichen Massnahmen gegen die Abfallberge kämpfen.

Joachim Bodmer, Sprecher Open Air Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

Joachim Bodmer, Sprecher Open Air Frauenfeld. (Bild: Andrea Stalder)

Ein nicht unwesentlicher Anteil an den verursachten Abfallmengen verschulden zurückgelassene Zelte, auch auf der Frauenfelder Allmend. Einwegzelte kosten die Festivalgänger in Discountern kaum etwas, sodass die Besucher schliesslich nach Festivalende lieber ihre Zelt liegen lassen, als beim Eingang das vorgängig bezahlte Zeltdepot von 20 Franken wieder abzuholen. Betreffend Entwicklungen beim Abfallmanagement sagt OAF-Mediensprecher Joachim Bodmer:

«Wir müssen uns dieses Jahr weiter verbessern, andernfalls geht es ab 2020 zusätzlich übers Portemonnaie.»

Als zukünftige Massnahme deutet Bodmer an, die Preise des Zeltvouchers um ein Vielfaches zu erhöhen. Bereits aufs bevorstehende OAF von Mitte Juli verschärfen die Veranstalter jedenfalls erneut ihr Abfallkonzept, beschäftigen etwa neu einen «Waste-Manager», stellen mehr Abfallkübel auf oder putzen für eine höhere Littering-Hemmschwelle vor den Augen der Festivalgänger das Gelände.

Härtetest in der Autowaschanlage

Nun kommt in der Schweizer Festivallandschaft mit den sogenannten KarTents eine Neuheit ins Gespräch, die Abhilfe gegen Abfallberge schaffen könnte. Die Firma KarTent aus den Niederlanden bietet Zelte aus Pappkarton und Holzfasern an, die deshalb zu 100 Prozent rezyklierbar sind. Seit ein paar Jahren verkauft KarTent seine Erfindung an Dutzende Festivals weltweit und wirbt dafür, dass die Herstellung dieser Kartonzelte nur halb so viel CO2 produziert als gewöhnliche Zelte aus Plastik. «Das Material beinhaltet weder Leim noch eine Glasur», sagt KarTent-Mitinhaber Jan Portheine.

Bisher hat KarTent schon mehrere zehntausend seiner Kartonzelte in der Grösse von 2,4 auf 1,6 Metern abgesetzt, die zwei Personen Platz bieten. Dass die Zelte aus Pappe auch bei schlechter Witterung standhalten, beweist gemäss Portheine ein Promo-Video, dass das Greenfield Open Air kürzlich verlinkt hat. Das Greenfield in Interlaken eröffnet am kommenden Wochenende die Saison der grössten Schweizer Open Airs.

Im Video wird ein KarTent aufgebaut und hält in einer Autowaschanlage Wasser und Wind stand. In Interlaken kommen die KarTents heuer zum ersten Mal zum Einsatz. «Wir haben gedacht, das ist innovativ, das machen wir», lässt Greenfield-Pressesprecher Michael Andai ausrichten. Das Greenfield mit total über 70'000 Besuchern startet heuer mit einem Kontingent von 50 KarTents, die allesamt verkauft werden konnten. Andai meint:

«Wir hätten mehr verkaufen können, wenn wir den Vorverkauf nicht schon geschlossen hätten.»

Aufgestellt werden die KarTents auf einem separaten Gelände und zu einem Aufpreis zum Festivalticket. Kostet ein KarTent beim Hersteller nach aktuellem Umrechnungskurs knapp 65 Franken, bezahlen zwei Kartonzeltbewohner am Greenfield nebst dem gewöhnlichen Festivalticket 99 Franken extra. Mit zusätzlichen Luftmatratzen und/oder Schlafsack kostet der Aufenthalt im KarTent bis zu 160 Franken zusätzlich.

Nach dem Festival können die KarTents laut den Produzenten problemlos rezykliert werden. (Bild: PD/kartent.com)

Nach dem Festival können die KarTents laut den Produzenten problemlos rezykliert werden. (Bild: PD/kartent.com)

Ebenso erstmals in KarTents hausen Besucher des diesjährigen Burning Mountain Festivals im bündnerischen Zernez, zu ähnlichen Konditionen. Das Ziel der Veranstalter ist klar: «Dass weniger Zelte liegen bleiben», sagt Dominique Lauber, Präsident des Vereins Burning Mountain zur «Südostschweiz». Dem Verein habe das Konzept von KarTent gefallen, «wir kennen auch keine andere Firma, die so etwas macht. Deshalb haben wir jetzt einfach mal eine Versuchsphase für dieses Jahr geplant», meint Lauber weiter.

Kritische Haltung bei den Ostschweizer Open Airs

Zeltstädte aus Pappe gibt es an den beiden grössten Ostschweizer Festivals – sowohl in Frauenfeld als auch in St. Gallen – in Zukunft kaum. «Wir kennen das Angebot und haben es bereits vor zwei Jahren geprüft», sagt OAF-Mediensprecher Bodmer. Allerdings mit für ihn wenig überzeugendem Resultat.

«Einem Test mit einem Rasensprenger hat das Kartonzelt nicht standgehalten. Weiter ist die CO2-Bilanz gemäss von uns konsultierten Experten nicht entscheidend besser als bei herkömmlichen Zelten.»

Vorher-Nachher über der Frauenfelder Allmend

Wenn zeltende Open-Air-Besucher die Frauenfelder Allmend belagern

Das OAF setzt deshalb weiterhin darauf, dass die Besucher ihre Zelte wieder mit nach Hause nehmen. Ähnlich tönt es beim Open Air St. Gallen (OASG). Sprecherin Nora Fuchs sagt:

«Wir zweifeln daran, dass mit dem Angebot von KarTent die richtige Botschaft vermittelt wird.»

Nora Fuchs, Mediensprecherin Open Air St. Gallen (OASG). (Bild: PD)

Nora Fuchs, Mediensprecherin Open Air St. Gallen (OASG). (Bild: PD)

Vielmehr arbeiteten die Veranstalter mit ihren Besuchern daran, etwas gegen die Wegwerfgesellschaft zu unternehmen. Zudem ist das OASG überzeugt vom Zeltdepot, das vor fünf Jahren eingeführt wurde. «Letztes Jahr haben wir damit eine Rücklaufquote von über 90 Prozent erreicht», meint Fuchs. So könnten die Besucher ihre Zelte im Sinne der Nachhaltigkeit nach dem Festival mit nach Hause nehmen und nächstes Jahr einfach wieder ans Open Air im Sittertobel mitbringen.

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