Himmeltraurig – und höllisch gut geschrieben

«Marta und Arthur» ist der starke Erstlingsroman der in der Schweiz lebenden Dresdner Schriftstellerin Katja Schönherr.

Heiko Strech
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Das Cover von «Marta und Arthur».

Das Cover von «Marta und Arthur».

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Romeo und Julia. Familienzwist trennte einst die innig Liebenden von aussen. «Marta und Arthur» – beim starken Erstlingsroman der in der Schweiz lebenden Dresdnerin Katja Schönherr (*1982) wünscht man sich nichts sehnlicher als die rasche freiwillige Trennung des unheilvoll aneinander gekletteten Paares. Aber erst mit Arthurs Tod endet die gefühlt «unendliche» Geschichte. Gut vierzig Jahre haben es die beiden mit- beziehungsweise gegeneinander ausgehalten. Sie konnten auseinander nicht kommen. Zusammengebracht hatte die beiden mit ihren 16 Jahren Altersunterschied ein nicht seltenes Muster: Erotik zwischen Lehrer und Schülerin.

Quälend langsames Sterben einer Beziehung

Doch Arthur will Marta bald loswerden. Da erpresst sie ihn mit Schwangerschaft und Sohn. Sie ziehen zusammen. Manisch sucht Anpassungsvirtuosin Marta die unzähligen «kleinen» Alltags-Sadismen des sauertöpfischen Pedanten Arthur zu unterlaufen. Insofern ergänzen sie einander sozusagen ideal. Meisterhaft verknüpft Katja Schönherr bei alledem die Motive ihres Liebesromans im Negativ. Arthur schenkt «seiner» Marta eine Geburtstagskarte – ohne ein einziges Wort Glückwunsch von ihm darin. Sein Geschenk? «Ein hellgrüner Blumentopf ohne Pflanze.»

Just in diesem Blumentopf hatte Marta einst «die Pille» entsorgt: «Anstatt das orangefarbene Kügelchen einzunehmen, steckte sie es in das Rindensubstrat des Orchideentopfes, der im Wohnzimmer stand. Marta sagte sich, das sei Blumendünger, den sie dort vergrub. Und nach ein paar Tagen glaubte sie sich das auch.»

So verdrängt sie immer alles, zumal das quälend langsame Sterben ihrer Beziehung – die eigentlich von Anfang an nicht richtig lebte. Eine himmeltraurige Geschichte. Aber Katja Schönherr hat sie höllisch gut geschrieben. Überall triumphiert der Trost der Form über das trostlose Geschehen. Die Autorin umreisst präzise, kühl (nicht kalt!) in klaren Sätzen und dichter Komposition das paradoxe Faktum – dass Ab-Neigung eben auch eine verquere Form von Neigung sein kann.

Dafür steht unvergesslich makaber das zentrale Paar-­Geschehen: Gleich anfangs schleppt Marta zwei Tüten Sand vom Strand nach Hause. Den schüttet sie über den gerade verstorbenen Arthur, vollzieht allerhand Rituale mit ihm, drapiert etwa Algen aus dem Aquarium um seinen kahlen Kopf zu einer kunstvollen Frisur. Zieht dem Toten Wollsocken an, damit er nicht friert. Spricht mit ihm, legt sich nachts zu ihm, sucht seinen Penis zum Leben zu erwecken. Gleichzeitig vollzieht sie kleine verspätete Rache-Handlungen, schüttet dem manischen Raucher Asche ins Gesicht.

Überall dieser Zwiespalt der um Liebe Betrogenen, die es nicht geschafft hat, sie anderswo zu suchen. Pietätvoll «beerdigt» sie den Toten und will ihn so gleichzeitig im Sand verschwinden lassen aus ihrem Leben. In viele starke Bilder versteckt die Autorin oft (schwarzen) Humor und sogar (un-) heimliche Poesie. So kontrapunktiert sie die lastende Tragik dieses schwarzen Anti-Liebesromans – der uns Lesende durchschüttelt angesichts der Defizite an Liebe in unseren eigenen Alltags-Beziehungen.

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