Streitfall wegen übler Nachrede: HSG-Professorin akzeptiert Urteil

Eine St.Galler Professorin wird wegen übler Nachrede mit einer Geldstrafe gebüsst. Geklagt hat ein Ex-Doktorand.

Marcel Elsener
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In der derzeit menschenleeren HSG sind die Vorkommnisse von 2016 kein Thema mehr.

In der derzeit menschenleeren HSG sind die Vorkommnisse von 2016 kein Thema mehr.

Bild: Lisa Jenny

Eine Professorin am Institut für Arbeit der Universität St.Gallen ist vom Bezirksgericht Dietikon zu einer bedingten Geldstrafe wegen übler Nachrede verurteilt worden. Der Grund ist eine Bemerkung in einem internen Mail, worin sie einen ehemaligen Assistenten als «Herr mit den sexuellen Anzüglichkeiten» beschreibt. Eine «unzulässige Beschuldigung» und «schwer wiegende Verunglimpfung», befand der Richter.

Das Vorkommnis liegt vier Jahre zurück: Es ging im Mailverkehr vom Frühjahr 2016 um einen Doktoranden, der eine Doktorandin angeblich mit unerwünschten Blicken und Bemerkungen belästigt hatte. Die Studentin hatte sich bei einer Professorin über sein Verhalten beschwert, jedoch darum gebeten, ihn nicht mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Die Professorin gewährte der Doktorandin daraufhin Arbeit im Homeoffice und informierte die Mitglieder der Geschäftsleitung, darunter die nun verurteilte Professorin, über Entscheid und Vorwürfe.

Kläger wollte Fulltime-Job plus HSG-Mandat

Einige Monate später kam die beschuldigte Professorin darauf zurück, weil der Doktorand der Geschäftsleitung in anderer Sache Probleme bereitete: Er wollte, trotz einer neuen 100-Prozent-Anstellung bei einer renommierten Anwaltskanzlei, bei der Universität weiterhin mit 75 Prozent angestellt bleiben. Weil die Geschäftsleitung dies ablehnte, versuchte er, bei der Personalverantwortlichen einen kürzeren Arbeitsvertrag mit Unterschriftenstempel des abwesenden Professors zu erwirken. Nach erneuter Ablehnung machte er 200 Überstunden geltend, die er entschädigt haben wollte. Eine arbeitsrechtlich heikle Anfrage – und eine Frage des Vertrauens. Im Zuge der Entscheidfindung schickte die Professorin dem Professor, ihrer Kollegin sowie der Personalverantwortlichen die verhängnisvolle E-Mail-Nachricht, worin sie mit Bezug auf die Geschichte mit dem Stempel die Überstundenforderung zurückwies. Sie könne «nur raten, dass ein solch grober Vertrauensmissbrauch sanktioniert wird (zumal dies auch der Herr mit den sexuellen Anzüglichkeiten ist)».

Wegen des kolportierten Vorwurfs reichte der Doktorand je eine Strafanzeige gegen die beiden Professorinnen ein – die zweite Professorin hatte der Kollegin mit anderem Wortlaut Recht gegeben. Die Anklagekammer des Kantons St.Gallen lehnte die Eröffnung eines Strafverfahrens im Februar 2017 ab, da keine Rechtswidrigkeit vorliege. Auch die Behörden im Kanton Zürich, dem Wohnsitz der einen Professorin, nahmen den Fall zunächst nicht an die Hand, wurden aber schliesslich vom dortigen Obergericht und auch vom Bundesgericht (im Herbst 2019) angemahnt.

Ein illegal beschafftes Mail als Beweismittel

Vor dem Gericht in Dietikon stellte sich auch die Frage, wie der Doktorand vom internen Mail wissen konnte. Laut Gerichtsreporter des «Tages-Anzeigers» glaubte nicht einmal der Richter, dass ihm dies, wie behauptet, anonym zugestellt worden war. Vielmehr habe sich der Mann das Mail illegal beschafft – er hatte für seine Uni-Arbeit von den Professoren die Log-in-Daten erhalten und auf deren Computer widerrechtlich auch E-Mails gelesen. Der beschuldigten Professorin nützte der Hinweis auf den illegalen Mailzugriff und die anderen Elemente der Vorgeschichte nichts. Die Verbindung zwischen Anzüglichkeiten und Überstunden sei «Gugus», und unerwünschte Komplimente seien keine sexuellen Übergriffe, so der Richter: Sie habe «Äpfel mit Birnen verglichen». Der üblen Nachrede für schuldig befunden, ist die Professorin zu einer bedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 330 Franken verurteilt worden. Das Urteil ist laut ihrem Anwalt rechtskräftig. «Wir ziehen das nicht weiter und wollen einen Schlussstrich.»

An der HSG ist die Geschichte, die vor dem Hintergrund von «MeToo» spielt, kein Thema mehr. Der betreffende Doktorand habe das Institut bereits Ende Mai 2016 verlassen, sagt HSG-Kommunikationschef Marius Hasenböhler auf Anfrage. Er bestätigt, dass die gleichlautende Anzeige gegen die andere Professorin in St.Gallen «mit einer rechtskräftigen Nichtanhandnahme abgeschlossen» sei.

HSG  nimmt Urteil zur Kenntnis und sieht keinen Anlass für Massnahmen

Der Universitätsrat befasste sich im April 2019 aufgrund einer Aufsichtsbeschwerde des ehemaligen Doktoranden mit dem Fall. «Aufgrund der Sachlage bestand keine Veranlassung, aufsichtsrechtliche Massnahmen gegen zu ergreifen», heisst es seitens HSG. Über das Zürcher Urteil von diesem April sei die Universität von der betroffenen Professorin informiert worden. «In Kenntnis des Falles und des Urteils sieht die Universität keinen Anlass, personalrechtliche Massnahmen gegen die Professorin in Erwägung zu ziehen», erklärt Hasenböhler.