Kantonsfusion
Gedanken-Experiment: Die Ostschweiz wird zum Kanton Säntis – so sieht er aus und das sagen prominente Politiker dazu

Die Herausforderungen unserer Zeit können nur gemeinsam gemeistert werden. Coronapandemie, Spitallandschaft, Verkehr, Klimawandel: Kooperation ist Trumpf. Wir stellen Ihnen als Vision den Grosskanton Säntis vor, haben Ostschweizer Polit-Prominenz mit der Idee konfrontiert und sind gespannt auf Ihre Meinung.

Ruben Schönenberger und Martin Oswald 2 Kommentare
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Vom Bodensee an den Zürichsee und den Alpstein im Herzen: Ein Kanton Säntis hätte Strahlkraft.

Vom Bodensee an den Zürichsee und den Alpstein im Herzen: Ein Kanton Säntis hätte Strahlkraft.

Bild: Herbert Haltmeier / Grafik: Stefan Bogner

Autonomie hat Vorteile, kann doch jeder machen, was er will. Doch diese Autonomie kommt immer häufiger an ihre Grenzen. So hat der immense Spardruck im Gesundheitswesen in den letzten Jahren klar gezeigt, dass es für die Ostschweizer Kantone eine gemeinsame Spitalstrategie braucht. Eine hyperlokale Infrastruktur ist finanziell untragbar geworden.

Geht es um die Anbindung der Ostschweiz ans nationale Schienennetz mit raschen Verbindungen nach Zürich und Bern zeigt sich das gleiche Bild. Thurgauer, St.Gallerinnen und Appenzeller haben die gleichen Bedürfnisse und treten in Bern besser mit gemeinsamer Stimme auf. Innovationspark, Fachhochschullandschaft, alternative Energie, oder Tourismus: Keines dieser Themen nimmt Rücksicht auf historisch gezogene Grenzen.

Die Pandemie als Lektion für die Zukunft

Als hätte es dafür noch einen Beweis gebraucht, zeigen sich in der Coronapandemie die Vorteile gemeinsamer Absprachen und Forderungen. Und Nachteile, wenn es darum geht, dass jeder noch so kleine Halbkanton eigene digitale Lösungen für die Abwicklung der Impfungen entwickeln muss.

Dass die heutigen Strukturen an das Ende ihres Lebenszyklus gelangt sein könnten, zeigt sich auf Gemeindeebene. Vielerorts fehlen Kandidierende für den Gemeinderat. Im Ausserrhodischen denkt man gar darüber nach, aus 20 Gemeinden neu nur noch vier zu machen.

Das «Tagblatt» geht einen Schritt weiter: Wir machen in einem Gedankenspiel aus vier Kantonen einen. Anstatt Strukturen nur da und dort anzupassen und neue Kooperationsformen zu schaffen, zeigen wir eine völlig neue Organisation der Ostschweiz auf.

Ein neuer Kanton wird geboren

Wir wagen einen revolutionären Schritt: Die Ostschweizer Kantone St.Gallen, Thurgau, Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden schliessen sich zusammen und gründen den Kanton Säntis.

Einen Kanton Säntis gab es schon einmal

Die heutigen Ostschweizer Kantone entstanden erst 1803 mit der napoleonischen Mediationsakte. Zuvor existierte in der Ostschweiz für rund fünf Jahre ein Kanton Säntis. Nach dem Franzoseneinfall 1798 sollte die helvetische Republik im Osten zwar zuerst unter anderem einen Kanton St.Gallen und einen Kanton Sargans aufweisen. Weil die neue Verfassung nicht überall angenommen wurde, kam es zu einer gewaltsamen Unterwerfung einzelner Gebiete und danach zu einer neuen Aufteilung der Schweiz. Im Zuge dieser entstand der Kanton Säntis.

Dieser umfasste allerdings bei weitem nicht die heutigen vier Ostschweizer Kantone, sondern bloss grosse Teile des Toggenburgs, die Region von Wil bis Rorschach, das Appenzellerland und grosse Teile des Rheintals.

Und so präsentiert sich der Kanton Säntis auf der Karte.

Der Kanton Säntis in Zahlen

  • 183 Gemeinden
  • 861’854 Einwohnerinnen und Einwohner (rund 10 Prozent der Schweiz)
  • 20 Sitze im Nationalrat
  • 2 Sitze im Ständerat
  • 3437 Quadratkilometer Fläche (rund 8,3 Prozent der Schweiz)
  • 66'384 Arbeitsstätten: Landwirtschaftsbetriebe, Firmen und deren Niederlassungen (rund 9,5 Prozent der Schweiz)
  • 349'922 Schweine (rund 26 Prozent der Schweiz)

Die «Ostschweiz» gibt es nicht

Wer vom Alpstein hinunter zum See schaut, über die sanften Hügelzüge des Appenzellerlands, über St.Gallen bis hinüber in den blühenden Thurgau, der spürt: Das ist Heimat. Wir wandern der Thur entlang, erkunden Badeplätz am Bodensee, bewundern die mächtigen Churfirsten, fahren mit dem Velo auf dem Rheindamm und jubeln im Kybunpark dem FC St.Gallen zu. Grenzen spüren wir dabei keine.

Doch etwas fehlt dieser einmalig schönen Region bislang. Eine institutionelle Verbindung und ein gemeinsamer Name. Ostschweiz, nennen es die einen. Aber wo fängt diese an und wo hört sie auf? Ein neuer Kanton Säntis ist ein Befreiungsschlag, ein grosser geopolitischer Wurf mit Vorbildfunktion.

«Ob ein solches Konstrukt eine Chance hat, hängt einzig und allein vom Willen des Volkes ab.»

Das sagt Politgeograf Michael Hermann auf die Idee einer Kantonsfusion angesprochen. Und um das Volk für diese Idee zu gewinnen, braucht der Kanton Säntis ein klares Profil, eine Identität, mit der sich seine Bürgerinnen und Bürger identifizieren können. Schliesslich ist der Preis hoch, den traditionsreichen, eigenen Kanton zugunsten eines gemeinsamen Projekts aufzugeben.

Was spricht für einen Kanton Säntis?

  • Wir haben die gleichen Herausforderungen, also lösen wir sie auch zusammen und vertreten diese mit einer gemeinsamen Stimme nach aussen.
  • Ein massiver Abbau an Bürokratie durch die Zusammenlegung von vier Kantonsparlamenten. Aktuell sitzen 365 Kantonsrätinnen und Kantonsräte in vier Parlamenten. Der Thurgau leistet sich mit 130 Parlamentariern und Parlamentarierinnen sogar eine verhältnismässig übergrosse Legislative.
  • Vereinfachung der Justiz: Ein Gesetz statt vier unterschiedliche Gesetzgebungen in diversen kantonalen Angelegenheiten. Und noch dazu einfachere Strukturen bei grenzüberschreitenden Vereinbarungen.
  • Eine gemeinsame Vermarktung als Tourismus-Destination, ein gemeinsames Angebot für ausländische Gäste.
  • Ein einheitlicher Lehrplan vereinfacht die Lehrerausbildung und den Unterricht über alle Stufen hinweg. Wer innerhalb des Kantons Säntis umzieht, mutet seinem Kind keine Nachteile zu.
  • Vereinfachungen im Gesundheitswesen: Die Spitaldebatte im Kanton St.Gallen und die Schliessung des Spitals Heiden haben gezeigt, dass die Tage vieler Spitäler angezählt sind. Lösungen können nur überregional funktionieren.

Im Gegenzug – das soll hier keineswegs verschwiegen werden – würden auf einen Schlag vier Kantone verschwinden und sich in einem neuen gemeinsamen Projekt auflösen. Regionale Brauchtümer würde es weiterhin geben, Dialekte ebenso, vier verschiedene Autonummern und Flaggen würden hingegen der Vergangenheit angehören. Dazu kommt: Im Schweizer Föderalismus bedeutet eine solche Fusion an gewissen Punkten auch Machtverlust. Viele Gremien sind darauf angelegt, dass die darin vertretenen Gebiete gleich viele Vertreterinnen und Vertreter schicken können. Doch ein Gewicht kann sich auch durch die Grösse ergeben.

Verfassungsänderung notwendig

Politgeograf Michael Hermann.

Politgeograf Michael Hermann.

Bild: Romano Cuonz

Politgeograf Michael Hermann beurteilt die Idee einer Kantonsfusion kritisch: «Die Chance, dass Kantone bereit sind, ihre Identität und Eigenständigkeit zugunsten einer Fusion aufzugeben, halte ich in den nächsten 30 Jahren für äusserst klein.»

Doch auf einer Ebene, welche keine Verfassungsänderung notwendig macht, sieht er durchaus Potenzial. «Man könnte sich ein interkantonales Gebilde vorstellen, welches im Sinne einer Interessengemeinschaft kooperiert und nach aussen ihre Anliegen vertritt.»

Doch was sagen prominente Stimmen aus der Ostschweiz zu unserem Gedankenspiel? Sehen Sie darin überhaupt einen Nutzen? Und wenn ja, halten Sie eine solche Anpassung der Strukturen für umsetzbar? Und was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Schreiben Sie uns ins Kommentarfeld ganz unten im Artikel, ob Sie gerne in einem Kanton Säntis wohnen möchten, wo die Grenzen liegen sollten, wie die Idee umgesetzt werden könnte oder warum die Idee wieder begraben werden sollte.

Das sagen prominente Stimmen der Ostschweiz zum Kanton Säntis

Bruno Vattioni, Geschäftsführer Säntisbahn

Bruno Vattioni wünscht sich eine gemeinsame Tourismusregion.

Bruno Vattioni wünscht sich eine gemeinsame Tourismusregion.

Bild: PD

«Die geografischen Umrisse des Kantons Säntis finde ich schlüssig», sagt Säntisbahn-Geschäftsführer Bruno Vattioni. «Auch deshalb, weil mir das Kirchturmdenken in den letzten 20 Jahren sehr zu denken gegeben hat.» Im Tourismus sehe man dieses Gärtchendenken zum Beispiel daran, dass die Landschaft der Tourismusorganisationen so zersplittert sei. In Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden gebe es nach wie vor je eine Organisation, eine Fusion sei ausgeschlossen. Im Kanton St.Gallen gebe es gleich mehrere Organisationen. Das sei auch deshalb ein Nachteil, weil das Wallis oder das Graubünden geeint auftreten und so ein grösseres Gewicht haben.

Mit einer Fusion auf der politischen Ebene würden diese Organisationen zwar vielleicht nicht verschwinden, aber die Grenzen des Gartens wären gewissermassen grösser. Das Gemeinwesen kann dann die Tourismusgelder in diesem grösseren Gebiet gezielter einsetzen. «Das wäre eine völlige Befreiung», sagt Vattioni.

Der Tourist kenne die heutigen Gärtchengrenzen eh nicht. «Ab Wil weiss niemand mehr, dass das Appenzellerland zwei Kantone sind», sagt der Säntisbahn-Geschäftsführer. Trotzdem stünden einer solchen Entwicklung oft die Kleinräumigkeit und die Eigeninteressen im Weg. «Aber: Eine starke Stimme ist mehr Wert als vier, fünf schwache.»

Ruedi Eberle, Säckelmeister Appenzell Innerrhoden

Ruedi Eberle befürchtet, dass man sich gegenseitig blockiert.

Ruedi Eberle befürchtet, dass man sich gegenseitig blockiert.

Bild: PD

«Die beiden Appenzeller Halbkantone zusammenschliessen macht keinen Sinn. Zwei Kleine geben immer noch keinen Grossen. Darum müsste wie in Ihrem Gedankenexperiment zumindest St.Gallen und der Thurgau dazukommen.» Grösse sei bei so einem Vorhaben entscheidend, sagt der Finanzchef Eberle. Doch eine Fusion kann er sich dennoch nicht vorstellen. «Das gibt Spannungen und dann blockiert man sich gegenseitig.»

Die vier Nachbarkantone würden aber bereits heute sehr gut zusammenarbeiten. Zweimal jährlich treffe man sich zum Austausch, bespreche Themen wie Digitalisierung oder Windkraft. Das sei fruchtbar und wertvoll. Was in 50 oder 100 Jahren sei, wer wisse das schon. Aber heute sieht Säckelmeister Ruedi Eberle in der Unabhängigkeit auch Vorteile: «Wir sind agiler und können Dinge rasch entscheiden, dafür fehlen in Innerrhoden manchmal die Fachkräfte.»

Kathrin Hilber, Alt-Regierungsrätin Kanton St.Gallen

Kathrin Hilber sieht Vorteile in der Kleinteiligkeit.

Kathrin Hilber sieht Vorteile in der Kleinteiligkeit.

Bild: Ralph Ribi

Es war um die Jahrtausendwende, da warf der damalige Thurgauer Regierungspräsident Hanspeter Ruprecht den Stein einer Kantonsfusion bei seiner Amtskollegin aus St.Gallen, Kathrin Hilber, in den Garten. Bei ihr stand das Thema Gemeindefusion stets weit oben auf der Agenda. «Ich freute mich darüber, dass dieses Thema ausgerechnet vom Thurgau aufgebracht wurde.» Doch die Idee war gewagt und nicht mehrheitsfähig.

2006 wurden die Erlöse aus dem Verkauf der überschüssigen Goldreserven der Nationalbank unter den Kantonen verteilt. Ein Teil des Geldes sollte im Kanton St.Gallen für Gemeindefusionen verwendet werden. Da habe es einen Schub gegeben, sagt Kathrin Hilber heute. Neckertal war die erste Gemeinde, die von den Geldern profitierte. «Das Toggenburg war besonders fortschrittlich. Und wenn es hier möglich ist, muss es doch auch anderswo gehen», habe man damals gedacht. Doch Fusionen blieben in den Folgejahren die Ausnahme. Es sei eine Frage des Willens, sagt Hilber: «Es braucht jemanden, der dafür brennt.»

Die Idee einer Kantonsfusion ist aber auch für Kathrin Hilber eine Nummer zu gross gedacht: «Das kann ich mir bei aller Euphorie für Fusionen nicht vorstellen.» Da spiele auch die Geschichte zwischen dem Thurgau und St.Gallen eine Rolle. Das Kloster St.Gallen unterjochte die Thurgauer, diese mussten ihren Zehnte abliefern. Während der Amtszeit von Hilber gab es verschiedene Bemühungen, die Zusammenarbeit zwischen den Kantonen zu verbessern. «Es gab viele Gespräche, aber nach einem Jahr ist nichts übrig geblieben. Es gibt halt auch viel Trennendes.»

Noch heute ist Kathrin Hilber überzeugt, dass die Zusammenarbeit der Kantone grosse Chancen mit sich bringt. Gerade bei den grossen und finanzstarken Themen wie Verkehr, Bildung und Gesundheit könnten sich die Ostschweizer Kantone keinen Alleingang mehr leisten. «Bei den Spitälern kommt das jetzt ins Rollen.» Sie hält darum ein regionaleres Denken für den richtigen Weg und nicht ein grosser Wurf. Die Kleinteiligkeit der Schweiz habe einen grossen Vorteil, welcher nur allzu leicht vergessen ginge:

«Weil wir so strukturiert sind, wie wir sind, müssen wir viel reden miteinander und das hält uns zusammen.»

Silvano Moeckli, Politikexperte und ehemaliger Kantonsrat St.Gallen

Silvano Moeckli sieht einen Kanton Säntis auf Augenhöhe mit Zürich.

Silvano Moeckli sieht einen Kanton Säntis auf Augenhöhe mit Zürich.

Bild: PD

«Von den funktionalen Räumen stimmt die Vision eines Kanton Säntis mit der gelebten Realität überein», sagt Politikwissenschafter Silvano Moeckli. Das gelte allerdings nur, wenn man sich auf die Schweiz begrenzt. Funktionale Räume würden an den Landesgrenzen nicht aufhören.

Laut Moeckli könnte eine solche Grossfusion aber ausserhalb der Ostschweiz skeptisch gesehen werden: «Die kleinen Kantone wie Glarus oder Schwyz würden sich davor fürchten, erdrückt zu werden.» Sie könnten allerdings mit einer geschickten Steuerpolitik auch profitieren.

Einer Fusion dürfte auch im Weg stehen, dass es in den beiden Appenzell und auch im Thurgau dominierende Kantonalparteien gibt, die ihre Position durch eine Fusion gefährdet sähen.

Freuen würden sich die welschen Kantone, deren Gewicht im Ständerat und bei den Standesstimmen steigen würde. Im Bund wäre der Kanton Säntis zwar nur noch eine Stimme (beziehungsweise zwei Standesstimmen). In der Zusammenarbeit mit den anderen Kantonen und gegenüber dem Bund hätte er aber mehr Gewicht, ähnlich dem Stand des Kantons Zürich heute.

«Das Zentrum eines solchen Kantons wäre St.Gallen», ist sich Moeckli sicher. «Alleine vom ökonomischen Gewicht, das nun mal in den Städten liegt.» Auch die Regierung und das Parlament würden in St.Gallen tagen. «Der FC St.Gallen, die Universität und die Olma sind in St.Gallen, also wird die Regierung auch hier sein.»

Zu einem Bürokratieabbau würde die Fusion kaum führen. «Die Verwaltung bräuchte mehr Experten, das Parlament hätten mehr zu tun», erklärt Moeckli. Allerdings könnte ein Demokratiegewinn realisiert werden. Zur Zusammenarbeit zwischen den heutigen Kantonen existierten zahlreiche Konkordate und Konferenzen, die über eine geringe demokratische Legitimation verfügten. Für diesen Demokratiegewinn wäre eine Fusion aber laut Moeckli gar nicht zwingend. «Man könnte auch eine Art Gremium für funktionale Räume schaffen, inklusive demokratischer Elemente für die Stimmberechtigten», sagt der Politikwissenschafter. So etwas gebe es zum Beispiel in der Bay Area (San Francisco) für den öffentlichen Verkehr.

Urs Martin, Regierungsrat Kanton Thurgau

Regierungsrat Urs Martin lobt die Zusammenarbeit der Kantone.

Regierungsrat Urs Martin lobt die Zusammenarbeit der Kantone.

Bild: Donato Caspari

«Wie definieren wir überhaupt Ostschweiz?» St.Gallen, Thurgau und beide Appenzell würden zwar die ‹Kernostschweiz› bilden. In der Gesundheitsdirektoren-Konferenz Ost arbeitet deren Präsident Urs Martin auch zusätzlich mit Graubünden, Glarus, Schaffhausen, Zürich und dem Fürstentum Liechtenstein zusammen. «Wir müssen uns in der Ostschweiz eng abstimmen und zusammenarbeiten. Und wir haben so schon einiges erreicht.» Urs Martin nennt drei Beispiele:

  • Im Vorfeld von Covid-Vernehmlassungen stimmt man sich zwischen den Kantonen TG, SG, AI und AR ab und stellt so ein einheitliches Auftreten sicher, was zu einer nationalen Wahrnehmung führt. Zwar gebe es manchmal kantonale Nuancen, aber in der Stossrichtung sei man sich einig.
  • Der Plan einer Ostschweizer Spitalplanungsvereinbarung war zuerst ein Plan von St.Gallen, den beiden Appenzell, Graubünden und Glarus. Nach anfänglicher Zurückhaltung ist inzwischen auch der Kanton Thurgau mit im Spiel um eine Musterplanung für die Spitalentwicklung.
  • Der Kanton Thurgau hat der Olma im Krisenjahr 2020 finanziell unter die Arme gegriffen. «Und zwar grosszügiger, als die Olma selber darum gebeten hat.»

Die Zusammenarbeit funktioniere immer dann besonders gut, wenn ein gewisser Leidensdruck da sei, wie beispielsweise bei der Corona-Pandemie. Gemeinsam könne man sich schweizweit mehr Gehör verschaffen.

«Wir ticken sehr ähnlich, auch wenn wir das nicht zugeben.»

Eine Fusion schliesst Regierungsrat Martin aber aus: «Die Kantone sollen eng zusammenarbeiten, aber ihre eigene Identität behalten.»

Christine Bolt, Olma-Direktorin

Christine Bolt sieht Kraft in der Grösse.

Christine Bolt sieht Kraft in der Grösse.

Bild: Urs Bucher

«Ein Kanton Säntis? Warum denn nicht ein Kanton Olma?», meint Christine Bolt mit einem Augenzwinkern. Schliesslich gehörten die vier Ostschweizer Kantone mit zu den Gründungsmitgliedern der «Genossenschaft Olma Messen St.Gallen».

Bolt sieht Vorteile in einem grossen Zusammenschluss: «Es gäbe uns natürlich mehr Kraft und Wirkung, auch wenn die Ostschweizer Kantone bereits heute oft geeint auftreten.» Zum Beispiel bei den Themen Verkehr, Firmenansiedlungen, Tourismus, Bildung oder bei der Wohnraumentwicklung sieht sie Synergien. «Wir hätten gemeinsam noch mehr Power.» Dennoch habe ein solches Unterfangen politisch vermutlich wenig Chancen. So ein Prozess würde 20 Jahre oder mehr dauern; Voraussetzung wären für Bolt zunächst einmal grössere Gemeindefusionen. «Im Innerrhoden eine grosse, im Ausserrhoden deren drei, in St.Gallen rund 20», skizziert Christine Bolt den Gedanken. Sie sieht den Trend ohnehin ins grosse Gemeinsame gehen: Bei Themen wie der Coronapandemie oder dem Klimawandel machten kantonale Lösungen wenig Sinn – ganz grundsätzlich muss grösser und vor allem über Gemeinde-, Kantons- und mitunter eben gar über Landesgrenzen hinausgedacht werden.

Isabel Schorer, St.Galler Kantonsrätin

Isabel Schorer macht gute Erfahrungen mit Interessengemeinschaften.

Isabel Schorer macht gute Erfahrungen mit Interessengemeinschaften.

Bild: Urs Bucher

FDP-Kantonsrätin Isabel Schorer sieht beim Sport ein vergleichbares Modell: «Der FC St.Gallen ist der Fussballclub für die ganze Region.» Doch in der Politik sei das anders. Sobald es um Hoheitsgebiete gehe, werde es schwierig. «Zumeist überwiegen dann die Partikularinteressen: niemand will etwas abgeben und alle kämpfen darum, ihre Identität erhalten zu können». Der Idee von mehr Gemeinsamem steht die St.Gallerin positiv gegenüber, hat jedoch Bedenken, dass dies umsetzbar ist, wenn es um lokalpolitische Fragen geht. Bei Sachthemen oder funktionalen Räumen sei es einfacher.

Das erlebt Schorer beispielsweise in der Interessengemeinschaft Öffentlicher Verkehr. In einer IG sei es möglich, für eine Ostschweizer Lösung einzustehen. Vorbildfunktion hat für die Kantonsrätin die Romandie. «Die fahren geschlossen nach Bern, holen Geld für Projekte (wie damals die Expo oder einen Innovationspark) ab und verteilen es dann zuhause.» In der Ostschweiz hingegen werde manchmal vor lauter Partikularinteressen vergessen, dass ein gemeinsamer Kuchen und folglich das Stück für jeden grösser werden könnte, wenn nicht jeder nur für sich schauen würde.

Sagen Sie uns Ihre Meinung

Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht. Aber die Schweiz hat sich im Laufe der Zeit ständig weiterentwickelt. Wann kommt der nächste Schritt? Hat ein Gebilde wie der Kanton Säntis eine Chance? Wo sehen Sie Vor- und Nachteile? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung. Schreiben Sie dazu einen Kommentar.

2 Kommentare
Tek Berhe

Wenn schon dann auch noch das Fürstentum Lichtenstein und Teile von Vorarlberg, Bayern und BaWü einbinden. Machen wir das Fürstentum Bodensee mit Grafen und Baronen und hätten als USP etwas royales das man vermarkten kann. Eine Million+ Einwohner wäre das Ziel. Also Teile von Winterthur den Zürchern abschwatzen und wir hätten zwei starke Pole mit Winterthur und St. Gallen.  Appenzell käme ohne Krieg endlich zu seinem Seeanschluss und der Lindauer käme an sein Ursprungsort zurück.   Die Verschmelzung ist immer schmerzhaft. Es geht vielmehr verloren als an Effizienz gewonnen würde. Die Vielfalt und das faszinierende in der Komplexität allein schon auf dem Weg von Heerbrugg über Trogen über das Toggenburg in die schönste Stadt der Ostschweiz gingen verloren. hätte gern gewusst was für Schnäpse mit Flaschengeist ihr am Bodensee so alles entdeckt und erprobt habt😄. Lassen wir diesen Geist in der Flasche. Fangen wir mal klein an: Dir Integration con Teilen von Wittenbach, Gossau und Gaiserwald in die Stadt…

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