Den Kirchen läuft die Basis davon

Steigende Austrittszahlen setzen den Landeskirchen zu. Während die Austrittswelle bei den Katholiken durch die Migration abgefedert wird, trifft sie die evangelisch-reformierte Kirche mit voller Wucht.

Patrick Baumann
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Sowohl die katholische als auch die evangelisch-reformierte Kirche haben seit Jahrzehnten mit Kirchenaustritten zu kämpfen. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Sowohl die katholische als auch die evangelisch-reformierte Kirche haben seit Jahrzehnten mit Kirchenaustritten zu kämpfen. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Der Trend ist eindeutig und es ist kein Ende in Sicht: Der Anteil an Konfessionslosen steigt in der ganzen Schweiz seit den 1960er-Jahren kontinuierlich an. Judith Albisser, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen, führt den Trend auf das gestiegene Bedürfnis nach individueller Freiheit zurück. «Seit den 1960er-Jahren sind Kirchenaustritte kein Tabu mehr. Viele wollen ihren Glauben frei ausleben und haben nur noch wenig Bezug zur Kirche. Andere wollen schlicht keine Kirchensteuern mehr zahlen.»

Die Studie zeigt weiter, dass die Austrittszahlen in allen Kantonen der Ostschweiz steigen. Selbst in Appenzell Innerrhoden, das schweizweit den geringsten Anteil an Konfessionslosen aufweist, wurden 2015 leicht mehr Austritte als noch 2011/12 verzeichnet. «Tendenziell treten in ländlichen Kantonen aber weniger Leute aus der Kirche aus als in städtischen.» Albisser führt dies einerseits auf die stärkere Verankerung der Kirche in ländlichen Gebieten zurück, andererseits sei man in Städten anonymer, wodurch die Hemmschwelle für einen Kirchenaustritt sinke.

Migration als Chance für die katholische Kirche

Die Zahlen zeigen weiter, dass die katholische Kirche ihren Mitgliederschwund in der Ostschweiz teilweise durch Zuwanderung abbremsen kann. 2015 waren rund 37 Prozent der über 15-Jährigen mit Migrationshintergrund katholischen Glaubens. Lediglich knapp 7 Prozent waren evangelisch-reformiert. Das liege daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Menschen aus Italien, Spanien, Portugal oder Kroatien in die Ostschweiz gekommen sind. «Weil dies sehr katholisch geprägte Länder sind, erhält die reformierte Kirche wenig neue Mitglieder aus dieser Gruppe», sagt Albisser. «Die katholische Kirche profitiert hingegen von der Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte.» Mit 29 Prozent stellen die Konfessionslosen die zweitgrösste Gruppe unter den Zuwanderern. Muslimischen Glaubens sind gut 13 Prozent der Migrantinnen und Migranten.

Die katholischen Kirchgemeinden in St. Gallen mussten im vergangenen Jahr 326 Austritte verzeichnen. Dagegen stehen 15 Eintritte. «Diese Zahlen beunruhigen uns noch nicht, auch wenn wir natürlich jeden Austritt bedauern», sagt Präsident Armin Bossart. Es habe durchaus schon schlimmere Jahre gegeben. Wieso die Leute der Kirche den Rücken kehren, sei schwierig zu sagen. Bossart vermutet aber, dass nicht zuletzt steuerliche Gründe ausschlaggebend sind. «Die Anzahl der Austritte steigt gegen Ende Jahr signifikant an. im vergangenen Jahr fielen 20 Prozent aller Austritte auf den Monat Dezember. Es scheint so, dass Steuern optimiert werden.»

Die vielen Kirchenaustritte will man bei der Kirchgemeinde nicht einfach hinnehmen. «Wir haben viele Mitglieder, die zwar Kirchensteuern bezahlen, aber nicht aktiv am Kirchenleben teilnehmen. Weil dies die potenziellen Austrittskandidaten sind, wollen wir unsere Arbeit bei dieser Gruppe bekannter machen.» Die katholische Kirche St. Gallen setzt dabei auf Plakate und Publikationen. «Seit einem Jahr verteilen wir das Magazin ‹Einblicke› an alle Haushalte in unserem Einzugsgebiet.» In diesem Magazin wird die Arbeit, die täglich in den Gemeinden geleistet wird, vorgestellt.

Eineinhalbmal mehr Beerdigungen als Taufen

Noch stärker als die katholische Kirche hat die evangelisch-reformierte mit Austritten zu kämpfen. «Wir können nicht gross von der Migration profitieren und haben deshalb ein Problem mit der Überalterung», sagt der St. Galler Kirchenratspräsident Martin Schmidt. «Tatsache ist, dass wir eineinhalbmal mehr Beerdigungen als Taufen haben.» Schmidt verortet das Hauptproblem ebenfalls beim Kontakt zu der grossen Gruppe derer, die der Kirche zwar wohlwollend gegenüberstehen, nicht aber aktiv am Kirchenleben teilnehmen. «Bei dieser Gruppe ist zu wenig bekannt, wo wir uns überall engagieren.» Zwar sei ein gesellschaftlicher Trend hin zum Individualismus erkennbar, die ganze Schuld auf die Gesellschaft abwälzen, ist Schmidt aber zu einfach. «Wir haben Defizite in der Kommunikation. Wir müssen den Leuten zeigen, wohin die Kirchensteuergelder fliessen.» Daher habe man im Kanton St. Gallen eine Kommission eingerichtet, die sich mit Marketing und Kommunikation befasst. Wichtig sei nach wie vor, dass die Kirche im Alltag Präsenz zeige. Die Zeiten, in denen die Menschen am Sonntag sowieso in die Kirche kommen, seien vorbei. «Schön wäre, wenn sich Pfarrer beispielsweise in Dorfvereinen engagieren würden, um näher bei den Leuten zu sein.»