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War Vogt Gessler ein Thurgauer?

Heinrich IV von Griesenberg lebte zur Zeit der Morgartenschlacht, die sich heute jährt. Als Vogt war der Amliker auch in der Innerschweiz unterwegs und verkörperte als Gesandter der Habsburger das Feinbild der Eidgenossen.
Sabrina Bächi
So stellte man sich Vogt Gessler nach Friedrich Schillers Erzählungen vor: streng und gebieterisch. (Bild: PD/Falkensteinfoto)

So stellte man sich Vogt Gessler nach Friedrich Schillers Erzählungen vor: streng und gebieterisch. (Bild: PD/Falkensteinfoto)

Morgarten, 15. November, 1315. Fünf Uhr früh, der Mond taucht den Nebel über dem Sumpf in silbernes Licht. Gespenstische Stille. Trotz tausend Mannen sind nur das Hufgetrappel der vielen Pferde, gelegentliches Keuchen und nervöses Geflüster zu hören. Heinrich von Griesenberg reitet auf seinem Pferd den Weg entlang. Langsam schweifen seine Augen über das sumpfige Land am Rande des Weges. Auf der anderen Seite eine hohe Felswand. Ganz geheuer ist ihm nicht. So wie den tapferen Kämpfern hinter mir, denkt er und zieht den Kragen hoch. Dann plötzlich ein Gerumpel. Sein Pferd scheut und steigt hoch. Griesenberg fällt aus dem Sattel. Zeit zum Fluchen hat er nicht. Von der Felswand donnern Steine und ganze Baumstämme runter. «Nichts wie weg hier», denkt er sich und rennt so schnell ihn seine Füsse tragen über das sumpfige Gebiet bei Morgarten.

Die Schlacht am Morgarten ist ein unrühmlicher Teil in der Geschichte des Heinrich IV von Griesenberg. Genauso wie sein Herr, der habsburgische Herzog Leopold, entkommt der Amliker von Griesenberg dem Massaker gegen die Innerschweizer nur knapp. Den habsburgischen Herzog und den Thurgauer Landvogt verbindet eine längere Bekanntschaft. Unter Leopolds Namen fungierte Griesenberg als Vogt an verschiedenen Orten. Unter anderem im Aargau. Und von dort aus hatte er auch die Innerschweizer Gebiete der Waldstätte unter sich.

Familiäre Verbindungen zum St.Galler Abt

Ursprünglich stammt der Vogt, wie sein Name sagt, vom Griesenberg in der heutigen Gemeinde Amlikon. Von den Habsburgern wollte er zunächst nichts wissen. Heinrichs Vater war nämlich ein Freiherr von Bussnang. Nach dessen Tod teilte sich Heinrich das Erbe mit Bruder Albrecht und bezog den neuen Familiensitz im Griesenberg. Ende des 13. Jahrhunderts unterstützte Heinrich wegen familiärer Bande zum Kloster St. Gallen den Abt Wilhelm; dieser war nämlich der Onkel von Heinrichs Frau Adelheid. Seine Ergebenheit zum Kloster brockte ihm jedoch eine fast dreijährige Gefangenschaft auf Schloss Werdenberg ein und die Zerstörung seines Familiensitzes, der Burg Alt-Griesenberg. Doch die Fehde zwischen dem Abt von St. Gallen und den Habsburgen konnte 1302 beigelegt werden. Seitdem soll Heinrich «ein leidenschaftlicher Bewunderer und Freund» Albrechts von Habsburg geworden sein, schreibt der Historiker Ernst Herdi. Nach dem Tod Albrechts wurde Heinrich von Griesenberg sogar Ratgeber des jungen Herzog Leopold. So wurde er eben Vogt im Aargau und in den Gebieten rund um Luzern. Diese Zeit, in der die rebellierenden Eidgenossen der Innerschweiz die habsburgische Herrschaft abschütteln wollten, erforderten vom Vogt einige kriegerische Entscheidungen. Bei den Eidgenossen dürfte der Thurgauer deswegen nicht gerade beliebt gewesen sein. Vielmehr gab der Thurgauer, der in Morgarten an der Spitze der aargauischen Truppen ritt, ein Feindbild ab, dass heute noch bekannt ist: Vogt Gessler

Der Historiker Ernst Herdi stellt 1938 im Thurgauer Jahrbuch die These auf, dass Gessler auch ein Thurgauer gewesen sein könnte. Nämlich Heinrich von Griesenberg. Denn bei den frühesten Nennungen des Vogts Gessler fällt eines auf: Damals hiess er noch nicht Gessler, sondern Griessler oder Grissler. Dieser Name wiederum soll eine Abkürzung von Heinrich von Griesenberg gewesen sein, sein Spitzname sozusagen. Selbst noch 1768 erhielt das Wandbild in der Tellskapelle bei Küssnacht die Inschrift: «Hier ist Grisslers Hochmuoth vom Thäll erschossen und die Schweitzer edle Freyheit entsprossen». Erst Ende des 18. Jahrhunderts änderte der oft gebrauchte Name Grissler oder Griessler endgültig zu Gessler. So übernahm dies dann auch Friedrich Schiller in seinem berühmten Bühnenstuck «Wilhelm Tell».

Mehrer Vögte prägten das Feindbild

Doch was ist dran, an dieser These? «Vogt Gessler ist ein Topos. Ein Feindbild, welches in der Geschichte immer wieder erscheint», gibt Bruno Meier zu bedenken. Meier ist Historiker und Geschäftsführer des Verlags «Hier und Jetzt» im aargauischen Baden. Er kennt sich aus in der Zeit von Rütlischwur, Morgarten und der Befreiungsgeschichte rund um Wilhelm Tell. Doch dass Gessler ein Thurgauer gewesen sein soll, hält er für unwahrscheinlich. Vielmehr könnten es viele Vögte gewesen sein, die das Feinbild prägten. «Zudem muss man beachten, dass die ursprüngliche Quelle zur Tell-Sage, das weisse Buch von Sarnen, von einem Obwaldner Landschreiber erst 1470 verfasst wurde. Der hatte die Namen vielleicht anders im Kopf und schrieb deshalb Griesler», sagt Meier. Er hält die Thurgauer Gessler-These für abenteuerlich. Doch seit Ernst Herdi hat sich die Forschung in 80 Jahren nicht mehr mit dem Thurgauer Gessler intensiv auseinandergesetzt.

Fakt ist: Zur Entstehungszeit der Befreiungsgeschichte war Heinrich IV von Griesenberg Vogt im Aargau. Zeitlich würde es passen, dem Thurgauer den bösen Vogt Gessler anzuhängen. Heinrich war nämlich den Habsburgern bis zu seinem Tod 1324 treu ergeben. Es könnte also sein, dass der Griessler aus Amlikon als Vorbild für den Gessler fungierte; oder vielleicht auch als eines von vielen für die Figur des bösen Landvogtes.

Quellen: Historisches Lexikon der Schweiz, Herdi, Ernst, Thurgauer Jahrbuch, Wikipedia

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