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Interview

Pächter-Paar im Interview: «Auf dem Aescher werden wir um 6 Uhr früh von Drohnen geweckt»

Im «schönsten Bergrestaurant der Welt» geht eine Ära zu Ende. Die Familie Knechtle gibt die Restaurant-Pacht auf. Im Interview erläutert das Wirtepaar die Gründe: Zu viele Touristen, zu wenig Platz und Geld für dringend notwendige Renovationen.
Martin Oswald
Nicole und Bernhard Knechtle vor «ihrem» Restaurant Aescher. (Bild: Raphael Rohner)

Nicole und Bernhard Knechtle vor «ihrem» Restaurant Aescher. (Bild: Raphael Rohner)

Was war in den letzten Tagen los, nachdem Sie bekannt gegeben haben, die Pacht fürs Restaurant Aescher aufzugeben?

Nicole Knechtle: Das Telefon klingelte pausenlos, viele Reporter haben hier angerufen. Aber wir bekamen auch Reaktionen aus dem Freundeskreis. Die Leute, die uns kennen, zeigen grosses Verständnis für unseren Entscheid.

Bernhard Knechtle: Einige gratulierten uns sogar, es sei mutig von uns.

Was hat Sie gerade jetzt dazu bewogen, diesen Schnitt zu machen?

Bernhard Knechtle: Wir haben uns den Entscheid nicht leicht gemacht. Ich habe auch geweint.

Nicole Knechtle: Als wir hier angefangen haben, waren wir voller Enthusiasmus. Wir zwei sind wie gemacht für diesen Job. Beide sind wir in Bergwirtschaften aufgewachsen. Aber wir haben gemerkt, dass es für unser Herzblut hier oben nicht mehr genug Platz hat. Die ganze Entwicklung hat uns zunehmend die Freude genommen.

Bernhard Knechtle: Es ist nicht so, dass unser Betriebskonzept nicht funktioniert hätte. Aber es wurden Versprechungen gemacht, dass dies und jenes verändert werde. Passiert ist nichts. Doch wir brauchen jetzt keinen Schuldigen zu suchen.

Das Restaurant Aescher gehört der Stiftung Wildkirchli. Präsident Stefan Müller sagte gegenüber dem St.Galler Tagblatt, die Planung baulicher Verbesserungen seien weit fortgeschritten.

Nicole Knechtle: Andere Berggasthäuser sind privat, der Aescher aber gehört uns nicht. Und das macht dich kaputt. Du investierst zwar viel, kannst es aber dennoch nicht so machen, wie du gerne würdest. Wir haben alles Mögliche probiert, um die Situation zu verbessern: Das Lager anders einräumen, die Speisekarte verkleinern, einen Kiosk eröffnen - alles um dem Besucheransturm besser gerecht zu werden.

Bernhard Knechtle in der Äscher-Gaststube. (Bild: Raphael Rohner)

Bernhard Knechtle in der Äscher-Gaststube. (Bild: Raphael Rohner)

Was sind denn die grössten Herausforderungen hier mitten in der Felswand ein Restaurant zu betreiben?

Bernhard Knechtle: Die Logistik ist aussergewöhnlich. Essen und Getränke werden mit der Bahn angeliefert, in einer Höhle beim Wildkirchli gelagert und jeden Morgen hierher ins Restaurant gebracht.

Nicole Knechtle: Aber das wird auch immer schwieriger, denn inzwischen stehen hier schon morgens um sechs Uhr die Wanderer auf dem Weg. Und das obwohl die erste Bahn erst um halb acht hochfährt.

Bernhard Knechtle: In diesem Sommer ist es verrückt, wie oft wir schon am morgen früh von Drohnen geweckt werden. Stellen Sie sich vor; wir schlafen hier oben mit offenem Fenster und draussen surrt bei Sonnenaufgang die erste Drohne vorbei. Und dann kommen all die Fotografen. Einer fragte uns, ob wir nicht das Licht in den Zimmern einschalten könnten, obwohl unsere Kinder schlafen.

Müsste man den Tourismus hier oben regulieren?

Bernhard Knechtle: Wir haben schon oft gesagt, es bräuchte ein Tor und die Leute müssen wie bei der Poststelle eine Nummer ziehen. Manchmal ist das Restaurant brechend voll und unsere dreizehn Mitarbeiter stehen sich gegenseitig auf die Füsse.

Nicole Knechtle: Aber das haben wir in den Griff bekommen, weil wir aufgehört haben, Reservationen anzunehmen am Wochenende. Neulich sagte ein Gast zu mir, wir seien ja schneller als im McDrive. Aber das ist doch kein Kompliment für uns.

Bernhard Knechtle: Wir wollen Zeit für die Gäste haben und Qualität liefern.

Der gelernte Koch Bernhard Knechtle verarbeitet pro Saison knapp 16 Tonnen Kartoffeln zu Rösti. Von Hand geschält. (Bild: Raphael Rohner)

Der gelernte Koch Bernhard Knechtle verarbeitet pro Saison knapp 16 Tonnen Kartoffeln zu Rösti. Von Hand geschält. (Bild: Raphael Rohner)

Welche baulichen Massnahmen wären am dringendsten?

Bernhard Knechtle: Wir haben noch immer kein fliessendes Wasser und die Stromversorgung lässt auch zu wünschen übrig. Kartoffeln kochen und Abwaschmaschine laufen lassen, das geht nicht gleichzeitig.

Nicole Knechtle: Die Gäste-Toiletten müsste man versetzen, damit nicht alle durch den gleichen Eingang müssen. Wir sind einfache Leute, aber wenigstens eine eigene Dusche fürs Personal und für die Familie wäre das Mindeste gewesen.

Was hat sich am Aescher verändert, als man zuerst auf der Titelseite vom Magazin National Geografic war und dann Stars wie Roger Federer hierherkamen?

Bernhard Knechtle: Wir haben uns schnell auf die neue Situation eingestellt, aber das kam bei vielen nicht gut an.

Nicole Knechtle: Wenn fünf Chinesen sich zusammen eine Portion Rösti teilen und fünf Zusatzteller möchten, dann mussten wir reagieren und haben darum zwei Franken fürs Besteck verlangt. Anders geht es nicht mehr. Bei gewissen Leuten ist das falsch angekommen.

Blieben wegen den internationalen Besuchern die Einheimischen weg?

Bernhard Knechtle: Viele Ostschweizer meiden inzwischen den Mittag oder das Wochenende. Dafür ist der Abend friedlicher, seit wir keine Übernachtungen mehr anbieten.

Nicole Knechtle: Auch diese Einschränkung hat man kritisiert. Aber die Einheimischen schätzen es wieder und kommen gerne am Abend.

Nicole und Bernhard Knechtle haben drei kleine Kinder. Das Restaurant Aescher hat während der Sommersaison an sieben Tage in der Woche offen. Der Arbeitstag beginnt kurz nach 6 Uhr und endet gegen 22 Uhr am Abend. Pausen sind kurz, Freizeit gibt es nicht.

Freuen sich auf mehr Familienzeit: Nicole und Bernhard Knechtle. (Bild: Raphael Rohner)

Freuen sich auf mehr Familienzeit: Nicole und Bernhard Knechtle. (Bild: Raphael Rohner)

Sie haben kleine Kinder und rund um die Uhr ein Restaurant voller Gäste. Wie haben sie das alles unter einen Hut bekommen?

Bernhard Knechtle: Du musst einfach auf alles verzichten.

Nicole Knechtle: Dass neben der Arbeit nicht viel übrig bleibt, dessen sind wir uns absolut bewusst. So sind wir ja auch aufgewachsen. Auch unsere Eltern hatten im Sommer kaum Zeit für uns und wir sind dennoch normal rausgekommen. Unsere Kinder lieben es hier oben.

Bernhard Knechtle: Unser Luxus ist, dass wir am schönsten Ort leben und arbeiten dürfen. Der Sonnenaufgang hier – wer hat schon so etwas?

Ihre Zeit am Aescher geht diesen Herbst definitiv zu Ende. Wie geht es für Sie und ihre Familie jetzt weiter?

Nicole Knechtle: Pläne haben wir noch keine. Wir freuen uns jetzt einfach auf die Familienzeit im Winter. Wir sind noch jung, uns wird schon was einfallen.

Was geben Sie Ihren Nachfolgern mit auf den Weg?

Bernhard Knechtle: Nüd vägessa all Lachä!

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