Pädophiler Kita-Betreuer hat mehr Buben im Kanton St.Gallen missbraucht als vermutet

Die St.Galler Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den pädophilen Kita-Betreuer. Er soll sich in drei Kitas an Buben vergangen haben.

Janina Gehrig, Tim Naef
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Der Kita-Betreuer machte von den Buben «sexuell motivierte» Bilder und stellte diese ins Darknet. (Getty Images)

Der Kita-Betreuer machte von den Buben «sexuell motivierte» Bilder und stellte diese ins Darknet. (Getty Images)

Die Verhaftung liegt über ein Jahr zurück. Im Juli 2018 führten Polizisten den Betreuer einer St.Galler Kindertagesstätte der Fiorino AG ab. Er wurde verdächtigt, kinderpornografisches Material im Darknet verbreitet zu haben. Im Zuge der Ermittlungen zeigte sich im Februar, dass der 33-Jährige auch zwei Buben missbraucht haben soll. Dabei filmte er seine Taten und stellte die Videos ins Netz.

Einen der unter zweijährigen Buben soll der Betreuer in der Kita im Osten der Stadt missbraucht haben, den anderen im privaten Rahmen. Nun wird klar, dass der Fall noch grössere Kreise zieht.

«Wir haben unsere Lehren aus dem Fall kommuniziert»

Die Staatsanwaltschaft hat diese Woche Anklage beim Kreisgericht St.Gallen erhoben. Wie sie in einer Mitteilung schreibt, soll der Beschuldigte «sexuelle Handlungen an mehrere Knaben unter sechs Jahren vorgenommen» haben, die Mehrheit davon «im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit in drei Kindertagesstätten im Kanton St.Gallen». Damit ist klar, dass die Übergriffe in mehreren Kitas stattfanden und mehrere Kita-Kinder Opfer davon wurden. Ob die Taten in weiteren Kitas der Fiorino AG oder in anderen Tagesstätten geschahen, gab die Staatsanwaltschaft nicht bekannt.

Auch die Verantwortlichen der Fiorino AG wollten sich am Donnerstag nicht näher dazu äussern. Das Unternehmen führt weitere neun Krippen in St.Gallen und Umgebung. «Wir haben die Nachricht aus der Presse erfahren und nehmen die Kommunikation der Staatsanwaltschaft St.Gallen zur Kenntnis», sagt Mediensprecherin Bettina Zimmermann. «Wir haben Anfang Jahr ausführlich unsere Haltung und unsere Lehren aus dem Fall kommuniziert.»

Freiheitsstrafe von fünf Jahren und acht Monaten gefordert

Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und acht Monaten sowie eine stationäre therapeutische Massnahme zur Behandlung der psychischen Störung des Beschuldigten. Der Mann, der sich auch als Kopf einer Heavy-Metal-Band, als Poetry Slammer, Theaterschauspieler und Fotograf engagierte, muss sich nicht nur wegen sexueller Handlungen mit Kindern und Schändung, sondern auch wegen Pornografie vor Gericht verantworten.

Auf sichergestellten Computern, externen Festplatten und anderen Datenträgern soll der Mann insgesamt mehrere tausend Videos und Zehntausende von Bildern mit kinderpornografischem Inhalt gespeichert haben. So soll er, ebenfalls während seiner Arbeit in der Kita, von mehreren Buben sexuell motivierte Fotoaufnahmen gemacht und einen Teil davon anonymisiert online verbreitet haben.

Vier Kündigungen nach Bekanntwerden der Taten

Ob sich der Beschuldigte im vorzeitigen Strafvollzug oder in einer stationäre Massnahme befindet, wollte die Staatsanwaltschaft nicht verraten. «Nur so viel: Der Beschuldigte befindet sich nicht auf freiem Fuss», sagt Mediensprecherin Regula Stöckli. Wann der Prozess stattfinde, könne sie nicht sagen.

«Wir haben die Hoheit über den Fall nun weitergegeben. Das muss das Gericht entscheiden.»

Die Verantwortlichen der Kindertagesstätte zeigten sich zutiefst schockiert, als die Vorwürfe bekannt wurden. Einen Tag nach der Verhaftung des Mitarbeiters im Juli 2018 wurden alle Eltern, die ihre Kinder in der betroffenen Kita betreuen lassen, sowie die Mitarbeiter informiert. Gemäss damaligen Erkenntnissen lagen keine Hinweise vor, dass Kinder der St.Galler Kita in kinderpornografische Handlungen verwickelt waren. Diese Annahme bestätigte sich leider nicht.

Seit Februar nahmen vier Elternpaare ihre Kinder aus der Kita. «Sechs Paare meldeten ihre Kinder aber explizit neu an, weil wir gut kommunizierten», sagt Zimmermann. Der Beschuldigte hatte in der Kita Fiorino seine Lehre absolviert und war nach einem Unterbruch im Herbst 2017 wieder angestellt worden. 2016 hatte er zudem im Tageshort der Kita Gossau ein Kurzzeitpraktikum absolviert. Daneben bot er sich auf diversen Online-Plattformen als Babysitter an.