Interview
Nach den starken Gewittern in der Ostschweiz sagt SRF-Meteorologe Felix Blumer: «Diese Häufigkeit ist aussergewöhnlich – und es ist noch nicht vorbei»

Hagel, Windböen, überflutete Keller und lokale Überschwemmungen: Der Starkregen der vergangenen Tage hinterlässt Spuren. SRF-Meteorologe Felix Blumer rechnet ab Montag erneut mit Gewittern und Regen. Wir haben nachgefragt.

Christoph Zweili
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Die Thur führt am Donnerstag – hier in Amlikon – viel Wasser.

Die Thur führt am Donnerstag – hier in Amlikon – viel Wasser.

Bild: Reto Martin

Es gewittert fast ununterbrochen in der Schweiz. Wie kommt es aktuell zu so vielen Unwettern?

Auslöser ist der Jetstream, der seit Tagen sehr weit im Süden ist – meist im Bereich der Britischen Inseln. Wir sind auf der Südostseite: Dadurch wird sehr warme, aber auch feuchte Luft zu uns geführt. Das ist genau die Lage, die extrem gewitteranfällig ist.

Felix Blumer, SRF-Meteorologe.

Felix Blumer, SRF-Meteorologe.

Bild: SRF

Ist diese Wetterlage aussergewöhnlich?

Das hat es auch schon früher gegeben, vielleicht nicht ganz in diesem Ausmass. Südwestlagen sind gefürchtet. Wir sind sie nicht mehr so gewohnt, weil sie in den vergangenen Jahren nicht mehr so oft auftraten, weil der Jetstream meist weiter im Norden auftrat. Das brachte uns meist ein stabiles Hochdruckgebiet oder trockene Hitzesommer. Jetzt sind wir wieder in ein Muster zurückgefallen, das es in den 1970er-, 1980er-, aber auch noch in den 2000er-Jahren gab.

Erklären Sie uns den Jetstream noch?

Das ist ein Strahlstrom in der oberen Atmosphäre, der die kalte Luft über der Polarzone abtrennt von der deutlichen wärmeren Luft in den mittleren Breiten: Je geringer der Temperaturunterschied zwischen den Polargegenden und diesen mittleren Breiten ist, desto stärker beginnt er zu mäandrieren, zu schwingen. Wenn er weit nach Süden ausgreift, führt das auch in Gebieten, wo man dies nicht gewohnt ist, zu feuchterem und kühlerem Wetter. Und umgekehrt: Wo er nach Norden ausgreift, wird es extrem warm – wie in Skandinavien und in Kanada, wo es am vergangenen Wochenende, beziehungsweise Ende Juni, absolute Rekordtemperaturen gab.

Vom Informationschef zum Wetterfrosch

Felix Blumer ist promovierter Naturwissenschaftler und arbeitet seit 2004 für SRF Meteo. Zuvor war er als Informationschef bei der Nationalen Alarmzentrale tätig. (cz)

Die Wetterlage trifft also nicht die Schweiz alleine.

Nein. Wir haben momentan eine extreme Situation bezüglich Hitze und Trockenheit und umgekehrt auch, was Feuchtigkeit und Nässe angeht. Wir haben in diesem Sommer beides. In Österreich war es an vielen Orten in den vergangenen Wochen sehr trocken – am Donnerstag war es in Wien 37 Grad.

Diese starken Gewitter haben enorme Schäden in der Schweiz angerichtet: Ist diese Häufigkeit und diese Heftigkeit um diese Jahreszeit normal?

Es sind die Sommermonate, die diese heftigen Gewitter bringen. Die Häufigkeit ist sicher aussergewöhnlich, diese sich wiederholenden Gewitter gab es allerdings auch beispielsweise im Sommer 2007.

Wie aussergewöhnlich sind diese Regenmengen denn statistisch gesehen?

Im Juni waren einige Orte in der Schweiz deutlich zu nass, lokal war es sogar der nasseste Juni seit Messbeginn, dies vor allen in der Region von Lausanne her über weite Teile des Mittellandes, den Kanton Aargau bis zum Kanton Thurgau. Gleichzeitig gab es Gebiete wie das Südtessin, das Unterengadin und das Münstertal, die deutlich zu trocken waren. Zum Juli lassen sich noch keine Aussagen machen, aber Faido hatte jetzt innerhalb von 72 Stunden rund 180 Millimeter Niederschlag: Das ist deutlich über der Norm. Auch in der Ostschweiz gab es in den vergangenen zwei Tagen ganz grosse Regenmengen.

Allein 140 Schadenmeldungen gibt es aktuell aus dem Thurgau, wo Thur und Sitter Hochwasser führen. Hier gibt es auch bereits erste Überschwemmungen. Trügt der Eindruck oder trifft es den Thurgau bei Unwettern tatsächlich stets besonders heftig?

Dass der Thurgau mehrfach getroffen wurde, ist Zufall. Die extrem starken Niederschläge hat es entlang der Luftmassen-Grenze gegeben, die die kühlere Luft im Westen von der extrem warmen Luft im Osten und Südosten Europas teilt. Es war aber lange Zeit unklar, ob die Luftmassengrenze und damit auch der Starkregen über dem Jura und der Romandie niedergeht, quer über den Alpen zu liegen kommt oder könnte es auch den Kanton Graubünden und das Land Vorarlberg treffen würde. Zum Schluss waren die Kantone Tessin Graubünden und im Norden die Kantone Glarus, Schwyz, Thurgau und St.Gallen betroffen.

Hier gibt es Menschen, deren Keller in den letzten Wochen gleich mehrfach überflutet wurden. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Man muss sich Gedanken machen, ob die Kanalisationen gross genug sind. Einzelne Gemeinden haben vielleicht auch diesmal die Situation etwas unterschätzt. Man hat in den vergangenen Jahren viel gebaut, damit hat die Bodenversiegelung zugenommen. Es kann also weniger Wasser im Boden versickern.

Man muss beim Städtebau also darauf Rücksicht nehmen?

Gewiss, zum Teil wurden die Kanalisationen in den Dorfkernen nicht nachgerüstet. Das sind teure Bauvorhaben, die man im Zuge der Klimaveränderung im Auge behalten muss. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Ist mehr Feuchtigkeit vorhanden, regnet es auch intensiver. Darauf muss man reagieren.

Auch wenn es übers Wochenende abtrocknet, ist für nächste Woche bereits wieder Starkregen angesagt: Wie schlimm kommt es diesmal?

Im Verlauf vom Montag gibt es erneut Regengüsse und Gewitter. Man muss auch wieder mit Starkregen oder Sturmböen rechnen. Am Montagnachmittag muss man in der Ostschweiz erneut wachsam sein: Es können erneut Gewitter in ähnlichem Rahmen auftreten. Auch wenn ich nicht mit langanhaltendem Regen rechne: Das Problem ist die Höhenkaltluft von Westen und wo diese liegenbleibt; da gibt es verschiedene Szenarien.

Lässt sich voraussagen, wo die Gewitter besonders stark auftreten werden?

Laut aktueller Prognose wieder eher in der Ostschweiz. Das kann sich aber ändern.

Diese extremen Wetterlagen häufen sich: Sieht das der SRF-Meteorologe auch so?

Die kurzfristige Tendenz geht in die Richtung, dass es grössere Ereignisse geben wird, mehr Starkregen.

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