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Das unerklärliche Arsen im Boden

Viele Grundstücksbesitzer im Hennimoos-Quartier in Diepoldsau sind verunsichert. Wegen erhöhten Arsenwerten im Untergrund droht der Eintrag in den Kataster der belasteten Standorte. Nun hoffen sie auf neue Bodenproben.
Hildegard Bickel
Die Sondierungen sollen zusätzliche Daten liefern, wie stark die Arsenbelastungen im Hennimoos sind. Davon hängen weitere Schritte ab, ob die Grundstücksbesitzer im Altlasten-Verzeichnis aufgeführt werden. (Bilder: Hildegard Bickel)

Die Sondierungen sollen zusätzliche Daten liefern, wie stark die Arsenbelastungen im Hennimoos sind. Davon hängen weitere Schritte ab, ob die Grundstücksbesitzer im Altlasten-Verzeichnis aufgeführt werden. (Bilder: Hildegard Bickel)

Wo bleibt der Briefträger? Am 7. November 2018 dauerte es ungewöhnlich lange, bis die Bewohner im Hennimoos ihre Post zugestellt bekamen. Einen Tag zuvor verschickte das Amt für Umwelt des Kantons St. Gallen 71 eingeschriebene Briefe. Eine Fleissarbeit für den Briefträger, der an 71 Haustüren klingeln und bei Abwesenheiten eine Abholmeldung hinterlassen musste.

Und dennoch ein belangloser Aufwand, verglichen mit den Folgen, die der Inhalt des Briefes auslöste.

Überrumpelt vom Beamtendeutsch

Im Hennimoos befindet sich eine aussergewöhnlich hohe Arsenkonzentration im Boden. Entdeckt wurde die Belastung 2017 beim Bau von Einfamilienhäusern. Und nun kam der eingeschriebene Brief mit dem Betreff: Eintrag in den Kataster. Die betroffenen Grundstücke sollen neu in das Verzeichnis der belasteten Gebiete aufgenommen werden.

Die Grundstücksbesitzer fühlten sich überrumpelt und verlangten mehr Informationen. Eine begreifliche Reaktion, sagt Heinrich Adler, Altlasten-Verantwortlicher beim Amt für Umwelt:

«Es ist unangenehm und nicht das erste Mal, dass wir einen Brief in dieser Sache verschickten.»

Der Brief, verfasst in rechtskundlicher, schwer verständlicher Sprache, bewog einige Nachbarn dazu, sich zusammenzuschliessen und juristische Hilfe beizuziehen. Die Bewohner befürchten eine Wertminderung des Grundstücks und gesundheitliche Risiken.

Wobei das Amt für Umwelt betont, dass die Arsenbelastung nicht alarmierend ist und keine Gefahr für Menschen und das Trinkwasser darstellt. Das zeigen die bisherigen Bodenproben. Dennoch löst es Unbehagen aus, wenn nachweislich Arsen das Grundwasser belastet – bis zu 100-mal stärker als normal.

Hennimoos mit Abfällen aufgefüllt

Die Arsenbelastung stammt von Auffüllungen, die sehr wahrscheinlich in den Jahren 1962/63 vorgenommen wurden, teilt das Amt für Umwelt mit. Damals wurde die Geländesenke um den Hennimoosbach im Mittel um einen Meter angehoben. Das aufgefüllte Gebiet wurde zuerst landwirtschaftlich genutzt und später immer mehr mit Wohn- und Gewerbebauten überbaut.

Mit Hilfe alter Luftfotos und Landeskarten, die die Landestopografie im Internet veröffentlicht hat, konnte das Amt für Umwelt diese baulichen Veränderungen im Hennimoos nachbilden. Die erwähnte Auffüllung besteht unten aus Bauabfällen, Brandschutt und oben aus Sand, mit wenig Bauschutt.

Von den Anwohnern kam der Hinweis, dass der Brandschutt von der ehemaligen Spielwa­renfabrik Bucherer Diepoldsau, Buco, stammt. Die Hallen dieser Firma wurden am 6. Dezember 1961 durch einen Grossbrand zerstört. Weil der Brandschutt in der Auffüllung nur stellenweise anzutreffen ist, liegt die Vermutung nahe, dass dieser als Baupiste im damals versumpften Hennimoos eingesetzt wurde.

Über die Herkunft des darüber abgelagerten Sandes ist bisher nichts bekannt. Aussergewöhnlich sind die relativ hohen Arsenkonzentrationen, die in der ganzen Auffüllung gemessen wurden: Im Brandschutt sind es 40 bis 60 mg/kg und im darüberliegenden Sand 63 bis 139 mg/kg. Der höchste Wert wurde in zwei Metern Tiefe in einem überschütteten Boden gemessen mit 2088 mg/kg Arsen. Der Grenzwert für unbelasteten Untergrund liegt bei 15 mg/kg Arsen und ist somit deutlich überschritten. Die betroffenen Grundstücke sind deshalb neu in den Kataster der belasteten Standorte aufzunehmen.

Grenze verläuft mitten durch ein Haus

Doch welche Grundstücke sind nun konkret betroffen? Aufgrund erster Bohrproben und Luftbildaufnahmen hat das Amt für Umwelt das belastete Gebiet rot markiert, das für einen Kataster­eintrag vorgesehen ist. Dieses Vorgehen löste Widerstand aus. Die Eigentümer, vor allem jene, die am Rand der Zone liegen, verlangten exaktere Untersuchungen. Denn auf den Plänen nahmen die Eingrenzungen kuriose Züge an. Die roten Linien streifen teilweise nur eine Ecke eines Grundstücks oder ziehen sich mitten durch ein Wohnhaus.

Anfang Jahr trafen sich Vertreter des Amtes für Umwelt mit den Betroffenen zu einer Aussprache in Diepoldsau und be­antworteten Fragen. «Wir können nicht jeden Garten unter­suchen», sagt Heinrich Adler. «Aber wir beraten und unterstützen die Eigentümer. Wir sind bestrebt, ihre Anliegen gütlich zu regeln.» Zwei Massnahmen sollen zu weiteren Erkenntnissen führen, ob ein Eintrag in den Kataster gerechtfertigt ist: Die Eigentümer sind aufgefordert, herauszufinden, ob belastetes Material abgeführt wurde oder im Untergrund vor sich hin modert. Zum anderen ordnete das Amt für Umwelt ergänzende Untersuchungen an.

Ein Metallrohr in die Erde rammen

Der Kanton bestimmte neun Standorte, die sich am Rand der Einzonung befanden, und schrieb die betroffenen Grundstücksbesitzer erneut an. Diesmal war das Schreiben willkommen. Es weckt die Hoffnung, dass ein Katastereintrag vielleicht doch nicht nötig wird. Am 13. Mai begannen die Sondierungen. Skeptisch, aber auch interessiert beobachtete ein Anwohner die Arbeiten auf dem Rasen vor seinem Haus: «Ich lasse mich überraschen von den Resultaten.»

Uwe Gerhard Scheibner, beauftragt mit der Baugrunduntersuchung, startete eine Maschine. Ein Metallrohr mit einem seitlichen Schlitz wurde in den Boden gestossen und mit der Erde he­rausgezogen. «Wie bei einem Käse», sagt Geologe Fabian Anthamatten, der die Sondierungen leitete. Anschliessend kamen die Proben ins Labor.

Viele Fragen bleiben vorläufig offen

Die Gemeinde ist über das Vorgehen informiert, aber nicht beteiligt. An der Vorversammlung zur Bürgerversammlung stellte ein Grundstücksbesitzer die Frage, wie es bezüglich Arsenbelastung weitergehe. Gemeindepräsident Roland Wälter versteht, dass die Betroffenen beunruhigt sind, verwies jedoch an die Zuständigkeit des Kantons, der die fortlaufenden Abklärungen vorantreibt. Wie die Kosten der Untersuchungen aufgeteilt werden – zwischen Kanton, Gemeinde und Grundeigentümern – ist noch nicht geklärt. Verschiedene Verordnungen und Gesetzgebungen kommen zum Tragen, was die Sache komplex macht.

Ebenfalls abzuwarten bleiben die Antworten auf die wichtigsten Fragen: ob sich eine Korrektur bei der Einzonung ergibt, sowie ob und wann ein Eintrag in den Kataster fällig wird. Weitere Briefe vom Amt für Umwelt folgen bestimmt.

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