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Von «goldrichtig» bis «Links-Grün macht die Stadt kaputt!»: Das sagen die Leute zu Tempo 30 in der St.Galler Innenstadt

Die Stadt will das Tempo auch auf Hauptstrassen drosseln: Ab 2024 erst nachts, bis 2028 auch tagsüber. Die Meinungen sind geteilt: Sowohl online als auch auf der Strasse.

Elia Fagetti
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Bis 2028 soll in grossen Teilen der Stadt St.Gallen Tempo 30 gelten.

Bis 2028 soll in grossen Teilen der Stadt St.Gallen Tempo 30 gelten.

Bild: Ralph Ribi

«Es bringt sowieso nix in der Stadt mit 50 Kilometer pro Stunde zu fahren», «Wieso ist die Zeitachse so lange?», «Sehr erfreulich. Endlich Nägel mit Köpfen.» – so tönt es aus der Kommentarspalte des Artikels über das neue Temporeglement in der Stadt St.Gallen. Doch was planen Stadt und Kanton genau?

Zuerst soll Tempo 30 nachts auf fast allen Strassen der Stadt eingeführt werden. Schritt für Schritt bis 2028 soll dieses Reglement auf immer mehr und mehr Strassen ausgedehnt werden. Das Ziel ist es, Lärm zu reduzieren. Tempo 30 sei eine der kostengünstigsten Varianten, um das Ziel zu erreichen. Andere Vorschläge wie Flüsterbelag für Strassen oder Lärmschutzwände seien teurer.

Online- und Facebook-Kommentare

Kehrt man zurück in die Kommentarspalte des Artikels, so wird beim Überfliegen eines schnell klar: Die Bewohner der Stadt sind sich nicht einig. Zumindest nicht bei allem.

So schreibt ein Leser über den erhöhten Lärm, wenn Tempo 30 kommt. «Höhere Tourenzahlen erzeugen mehr Lärm», meint er und fügt an: «Viele Tempomaten funktionieren unter 50 Kilometern pro Stunde nicht.»

Wieder andere Leserinnen und Leser gehen auf Schuld und Ideologie ein. Ein Leser sagt: «Links-Grün macht die Stadt damit noch mehr kaputt!» Ein anderer widerspricht: «Es ist übrigens nicht die Schuld von Links-Grün, wenn Stadt und Kanton endlich ihren gesetzlichen Pflichten nachkommen und die Einwohner vor Lärm schützen.» Weiter unten spricht der Leser die Lärmschutzverordnung von 1986 an. Und betont, dass die Stadt St.Gallen ihr Lärmschutzkonzept bereits vor vier Jahren hätte einführen müssen. Ein Punkt sticht dabei hervor: «Die Zeiten, in denen man alles dem motorisierten Individualverkehr unterordnet, sind zum Glück langsam vorbei.»

Eine Leserin widerspricht: «Ja, aber ich werde dann eben abends nicht mehr in die Stadt fahren. So einfach ist das». Danach unterstellt sie der Stadt, dass diese gar keine Autofahrer in der Stadt wolle. Beendet wird der Kommentar mit: «Gut, dann bringen wir euch aber auch keinen Rappen mehr in die Stadt.»

«Es ist schon längst geltendes Recht»

Dem Widersprochenen gefällt diese Antwort nicht. «Nochmals zum Mitschreiben: Stadt und Kanton muss diese Massnahmen umsetzen, sonst verletzen sie schon längst geltendes Recht». Danach bedankt er sich kokett bei der Leserin für ihren Dienst: «Aber ja, wenn sie nicht mehr mit dem Auto durch die Stadt fahren, verursachen sie auch keinen Lärm. Danke für ihre Mitarbeit.»

Dass politische Ideologie immer ein Teil der öffentlichen Diskussion ist, zeigt sich weiter unten. Ein Leser ist verwundert über die Geschwindigkeitsregeln auf Kantonsstrassen. Er sagt: «Bisher war ich der Meinung, dass gemäss kantonalem Recht Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Kantonsstrassen – und das sind die Hauptverkehrsachsen – nicht zulässig sind.» Doch dann schert er aus und spricht darüber, dass die Grünen einem «noch den obligatorischen Menüzettel ins Haus schicken. Die Minderheit verfügt über die Mehrheit».

Facebook mit scharfen Kommentaren

Nicht nur unter dem Artikel wird kommentiert, was das Zeug hält. Auch auf Facebook wird heftig debattiert. Ein Leser macht sich die Mühe, wie er selbst schreibt, den Artikel zu lesen. Er kommt zum Schluss, dass es hauptsächlich die Kosten seien, welche den Entschluss der Stadt und des Kantons beeinflusst hätten. Er schreibt: «Da ist Temporeduktion scheinbar schlicht die billigste Variante, um massiv Lärm zu vermeiden.»

Auch hier wird widersprochen: «Die versteckten Kosten wären viel höher. Fährt ein Bus oder Postauto auch 30, dann braucht es mehr Fahrzeuge und Personal, um den Fahrplan einzuhalten.» Beendet wird die Ausführung mit: «Zeit ist Geld.»

Das sagt St.Gallen zum Tempo 30

Doch was sagen die Menschen, die sich nicht hinter einem Bildschirm verstecken können? Wir haben nachgefragt.

Michael Lips, 29, aus Trogen

Bild: Elia Fagetti

«Ich bin dafür, dass die Innenstadt von St.Gallen vom privaten Autoverkehr frei sein sollte. Ich bin immer wieder in St.Gallen und sehe, was der Verkehr anrichtet.»

Chiara Räss, 19, aus Muolen

Bild: Elia Fagetti

«Ich verstehe, wenn die Leute für Tempo 30 sind, wenn es um den Lärm geht. Aber ich bin mir sicher, dass sich nicht alle an das neue Temporegime halten würden. Dafür gibt es zu viele Poser hier. Ausserdem: Wenn alle mit 30 durch die Innenstadt ‹schleichen›, dann kommt es doch früher oder später zu Stau?»

Ramona Giussoni, 19, aus Herisau

Bild: Elia Fagetti

«Auch ich finde, dass es ein paar Strassen in St.Gallen gibt, wo es sicher etwas bringt, von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde zu reduzieren. Dabei ist mir aber die Sicherheit wichtiger als der Lärm. In Quartierstrassen wird es schnell unübersichtlich. Wie meine Kollegin bin ich gegen Poser. Wenn man im «Seger» sitzt, sieht man, wie es die Leute mit ihren Autos wieder übertreiben. Zudem sind nicht nur St.Galler in der Stadt. Wenn wir zum Beispiel Gäste aus Zürich haben, wollen die vielleicht auch mit dem Auto unterwegs sein.»

Urs Koller, 56, aus Roggwil

Bild: Elia Fagetti

«Wenn wir den Vergleich zur Energie ziehen, wird schnell klar, dass gewisse Anstösse frühzeitig gemacht werden müssen. Dazu gehört auch, dass man die Menschen früh genug sensibilisiert. Ich finde die Tempo-30-Lösung pragmatisch.»

Felix Breu, 55, aus St.Gallen

Bild: Elia Fagetti

«Ich finde dies einen längst überfälligen Schritt. Autos werden von der Politik immer noch bevorzugt behandelt. Aus meiner Sicht wäre es am besten, die ganze Innenstadt möglichst autofrei zu gestalten. Dies würde auch den Tourismus ankurbeln.»

Remo Bremgartner, 58, aus Gais

Bild: Elia Fagetti

«Als ehemaliger St.Galler finde ich Tempo 30 eine gute Idee. Doch das ist mehr ein Bauchgefühl. Die Reduktion der Fahrtgeschwindigkeit ist eine Beruhigung beziehungsweise eine Entschleunigung der Dinge. Und genau das brauchen wir doch.»

Stefan Lehmann, 48, aus St.Gallen

Bild: Elia Fagetti

«Das ist der grösste Blödsinn. Tempo 30 ist eine Bevormundung der Bürger. Jeder sollte selbst entscheiden, wie er oder sie sich fortbewegen will. Grundsätzlich ist ein Gesetz ein Zwang, weil man es als Gesellschaft verpasst hat, das richtige Verhalten beizubringen. Die Menschen entscheiden selbst, in der Stadt zu wohnen. Wenn es ihnen zu laut oder lärmig ist, können sie auch wegziehen.»

Markus Hubmann, 60, aus St.Gallen

Bild: Elia Fagetti

«Ich finde Tempo 30 eine gute Sache. Es gibt sicher weniger Unfälle, wenn die Autos langsamer fahren. Denn Fussgänger haben auch ein nicht unerhebliches Risiko im Strassenverkehr. Gerade jetzt, wo Olma ist. Als Fussgänger freut mich das.»

Katrin Rutz, 33, aus St.Gallen

Bild: Elia Fagetti

«Grundsätzlich finde ich Tempo 30 eine gute Idee. Wir haben aber jetzt schon Stau in der Innenstadt, wie wird sich das mit Tempo 30 weiterentwickeln? Mich stört, dass man die Temporeduktion auch auf den Hauptachsen durchführen will. In den Quartieren macht Tempo 30 Sinn, denn die sind zum Teil relativ unübersichtlich.»

Weitere Informationen zum Thema Tempo 30 in St.Gallen sind auf der Website stadttempo.ch zu finden.