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Expertin warnt: Der Datenwahnsinn ist bereits Realität

Der gläserne Bürger war Thema des jüngsten Frauennetz-Anlasses. Am Vortragsabend wurde klar, dass der Schutz der Privatsphäre kaum noch möglich ist. Besserung versprechen neue Gesetze – und ein paar Tricks.
Sebastian Schneider

Ein Rollator mit Lenksystem, ein Kühlschrank, der Joghurts bestellt. Moderne Böden erkennen, wenn jemand aufsteht, umhergeht oder umfällt. Wenn ein Senior in seiner Alterswohnung vergessen hat, den Backofen abzuschalten, können dies seine Kinder per Smartphone erledigen. Neue Technologie will Betagten helfen, sicher und eigenständig leben zu können.

Doch der Grat zwischen gütiger Hilfe und totaler Überwachung ist schmal, wie am Frauennetz-Anlass am Mittwochabend festgehalten wurde. So sei moderne Informationstechnologie zum einen eine Stütze, zum anderen aber ein Zerstörer der Privatsphäre.

Vortrag zum Thema Der Gläserne Mensch des Frauennetzes Gossau, am Mittwoch, 20. Juni 2018, in Gossau. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Vortrag zum Thema Der Gläserne Mensch des Frauennetzes Gossau, am Mittwoch, 20. Juni 2018, in Gossau. ©Benjamin Manser / TAGBLATT

Diesen Widerspruch zeigte Datenschutzexpertin Ursula Uttinger in ihrem Referat auf. Um den Datenschutz sei es gerade in der Schweiz schlecht bestellt. «Es werden Daten gesammelt, ohne dass man es merkt und ohne dass man den Zweck kennt.» Was man früher befürchtet habe, sei jetzt Realität, sagte Uttinger, die zu Gast im «Vita Tertia» war. Sie bezog sich auf den Bestseller «1984» von George Orwell, der ein düsteres Szenario entwarf von einem totalitären Staat, der alles und jeden überwacht und kontrolliert. «Da George Orwell bereits Realität ist, stellt sich nun die Frage, was sonst noch auf uns zukommt.»

Die Macht der Medien genügt nicht

Ein Smartphone dient als Schrittzähler, die Cumulus-Karte als Persönlichkeitstest. Zahlreiche Unternehmen versuchen, aus Daten Profit zu schlagen und geraten mitunter in Konflikt mit dem Gesetz. Juristin Uttinger, die sich seit Jahrzehnten mit dem Datenschutz auseinandersetzt, nennte Beispiele. Nicht nur vom Sozialnetzwerk Facebook, sondern auch von Schweizer Krankenkassen.

Die Gesetzeskonflikte, von den Massenmedien als Skandale betitelt, haben laut Uttinger aber kaum eine negative Nachwirkung. Die Krankenkasse CSS etwa habe nach ihrem Datenskandal 2006 keinen spürbaren Kundenrückgang erlitten. «Man sieht, die Macht der Medien genügt hier nicht», hielt Uttinger fest und spielte damit auf die Gesetzgebung an. Neue Datenschutzgesetze in europäischen Ländern liessen nun immerhin hohe Busse gegen Unternehmen bei Datenschutzverstössen zu. Und auch die EU-Datenschutzverordnung, die seit Anfang Mai in Kraft ist, sieht hohe Bussen vor. Diese Verordnung wolle den Grundsatz der «informationellen Selbstbestimmung» zurückgewinnen. Das heisst, dass Daten nur mit dem Einverständnis der betroffenen Person gesammelt werden dürfen. Und das man ein entsprechendes Häkchen selber setzen muss.

Mit Mut
gegen die Sammelwut

Ursula Uttinger betonte am Abend, man möge sich doch selber für die eigene Privatsphäre wehren. Dazu gebe es Tricks. Wer im Internet etwas bestellt, müsse bei den Pflichtfeldern ja nicht überall die richtigen Angaben machen. Und in einem Hotel im Ausland gebe sie selten die richtige Adresse an, sagte Uttinger und erntete ein Schmunzeln im Publikum. Sich für die eigene Privatsphäre einzusetzen, brauche zuweilen halt auch Mut.

Senioren mögen keine Sensoren

Die 36 Wohnungen im Haus Weiher des «Vita Tertia» sind alle mit moderner Technik ausgestattet. 2015 liess das Alterszentrum die Wohnungen mit Sensoren und Kameras ausrüsten. Mithilfe der elektronischen Überwachung können die Bewohner selbstständig leben. Sollten sie einmal stürzen, wird auf der Station Alarm geschlagen.

Derzeit setzt nur ein Heimbewohner auf die Sensorenhilfe, wie Markus Christen, Direktor des «Vita Tertia» am Frauennetz-Anlass am Mittwochabend sagte. Den meisten genüge das Armband mit dem Notfallknopf. «In dieser Generation ist das elektronische Überwachungssystem nicht stark gefragt», hielt Christen fest. Er sei aber überzeugt, dass sich dies noch ändern werde.

Er selbst steht den neuen Errungenschaften zwiespältig gegenüber. So sprach er am Vortragsabend gleichermassen von «grosser Hilfe» und «blankem Horror». Und er wisse nicht, wohin die Reise führe. «Es wäre heute ein Leichtes, jeden Menschen zu chippen.»

Im Alterszentrum wolle man den Schutz der Privatsphäre aufrechterhalten und halte am Grundsatz fest, dass jeder selbst entscheiden könne, welche Informationen er für die eigene Sicherheit preisgeben wolle. (ses)

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