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Museumspärklein in St.Gallen: Pro Natura kritisiert Stadt scharf

Pro Natura kritisiert scharf die Gestaltung der Freifläche neben dem Naturmuseum. Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner zeigt Verständnis für die Kritik, verweist aber darauf, dass Ökologie und Biodiversität in diesem Fall Aspekte neben anderen waren.
Reto Voneschen
Blick ins Pärklein neben dem Naturmuseum: Pro Natura kritisiert unter anderem die Bodenstruktur und die ausgewählten, teils exotischen, Pflanzenarten. © Urs Bucher/TAGBLATT

Blick ins Pärklein neben dem Naturmuseum: Pro Natura kritisiert unter anderem die Bodenstruktur und die ausgewählten, teils exotischen, Pflanzenarten.
© Urs Bucher/TAGBLATT

Die Gestaltung der Freifläche zwischen dem neuen Naturmuseum und der Kirche St. Maria Neudorf löste während der Bauarbeiten verschiedentlich Wirbel aus. Frühere Kritik bezog sich auf die Kosten des Projekts, auf Baumfällungen und auf den Eindruck vor der Vegetationsperiode, dass eine Steinwüste entstehe. Diese Punkte wurden von der Stadt ausgeräumt. Und jetzt, unmittelbar nach der offiziellen Einweihung des neuen Pärkleins am vergangenen Sonntag, gibt’s Kritik an der angeblich fehlenden Naturverträglichkeit. Sie kommt von der Umwelt- und Naturschutzorganisation Pro Natura, also einem Schwergewicht in ökologischen Fragen.

© Urs Bucher/TAGBLATT

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Zu wenig Respekt vor der Natur?

Die Grobstruktur des Parks mit behindertengängigen Wegen sowie Betonplatten mit der eingegossenen Nachbildung von Fossilien und Zitaten von der Bibel bis zu Charles Darwin ist auch für Pro Natura gelungen. Bei der Bepflanzung und Detailgestaltung habe die Umsetzung des Konzepts «aber völligen Schiffbruch erlitten». Der Park wird sich nach Meinung von Pro Natura nicht zu einer städtischen Oase der Biodiversität entwickeln. Zudem werde er auch nicht in den Bildungsauftrag des Naturmuseums integriert werden können. Es handle sich dabei um das Beispiel «für eine Freiraumgestaltung, welche dem respektvollen Umgang mit der Natur demonstrativ widerspricht».

Festgemacht wird diese Kritik daran, dass statt einer Fläche mit verschiedenen Boden- und Wiesentypen eine Steinwüste mit groben Sandsteinbrocken entstanden sei. Darunter sei vermutlich durchgehend stark lehmhaltiges Aushubmaterial geschüttet worden. Aufgrund dieses fehlerhaften Bodenaufbaus sei absehbar, dass sich die Vegetation mittel- und langfristig nicht in die gewünschte Richtung werde entwickeln können. Die Steinbrocken würden zudem die fachgerechte Pflege der geplanten, ökologisch wertvollen Magerwiese verhindern. Die frisch angesäte Pflanzenvielfalt werde schnell verschwinden, die Flächen würden «verbrachen» und die Vegetation damit «zu einem trivialen Einheitsbrei» werden.

Pro Natura St. Gallen-Appenzell fordert in der Mitteilung von der Stadt umfangreiche Nachbesserungen bei der Bodenstruktur und der Bepflanzung. Weite Teile der «Schroppenaufschüttung» müssten entfernt werden – darunter auch jene auf der Feuerwehr-Zufahrt. Ersatz fordert Pro Natura auch für einen Teil der gepflanzten, ökologisch nicht wirklich wertvollen Hainbuchen. Zudem müsse der Teich so umgestaltet werden, dass er von Schülerinnen und Schülern tatsächlich als Forschungobjekt tauge.

© Urs Bucher/TAGBLATT

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Die Biodiversität ist im neuen Park nicht der Hauptaspekt

Stadtbaumeister Hansueli Rechsteiner kann die Kritik von Pro Natura aus rein ökologischer Sicht durchaus nachvollziehen. Die Umwelt- und Naturorganisation führe einzelne Punkte auf, die er auch gar nicht bestreiten wolle. Pro Natura erwarte beim Naturmuseum reine Natur. Das könne er zwar verstehen, sei aber eine falsche Erwartung, sagte Hansueli Rechsteiner gestern Dienstag auf Anfrage. Bei der Gestaltung des Museumsparks sei es eben nicht nur um die Biodiversität gegangen. Andere Aspekte hätten im Vordergrund gestanden.

Übergrosse «Trittsteine», von unterschiedlichem Grün umgeben, sollen eine «Themenspur» durch den Park legen. Sie soll Besucherinnen und Besucher animieren, den Park in seiner ganzen Vielfalt zu begehen und zu entdecken. Im Boden eingelassene Zitate wollen zudem zu einer religiösen und naturwissenschaftlichen Betrachtung der Schöpfung und Natur anregen. So wolle der Park nicht nur örtlich, sondern auch inhaltlich zwischen der nahegelegenen Kirche und dem Naturmuseum vermitteln, erläutert der Stadtbaumeister das Konzept.

© Urs Bucher/TAGBLATT

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Pflegekonzept erlaubt bei Bedarf auch Korrekturen

Bezüglich der Entwicklung der Pflanzengesellschaft im neuen Park verweist Hansueli Rechsteiner auf den Pflegeplan für die ersten zwei Vegetationsperioden. Es werde derzeit in einer breit abgestützten Arbeitsgruppe entwickelt und solle die Pflanzenvielfalt auf der Freifläche sichern. Betreut werde diese in den ersten beiden Jahren ganz bewusst nicht von Stadtgrün St. Gallen (dem Gartenbauamt), sondern vom Unternehmen, dass sie bepflanzt habe. Falls sich herausstelle, dass für die versprochene Pflanzenvielfalt Korrekturen nötig seien, werde man diese auch ganz sicher vornehmen oder die entsprechende Entwicklung initiieren. Hansueli Rechsteiner zeigte sich gestern auch überzeugt davon, dass der Park des Naturmuseums in zwei Jahren erheblich grössere Artenvielfalt als ein normaler Stadtpark mit seinen Rasenflächen aufweisen werde.

Kommentar: Andere Neubauprojekte hätten die Kritik eher verdient

Da hat’s offensichtlich jemandem «den Nuggi rausgehauen», wie man so schön sagt. Die Kritik von Pro Natura St. Gallen an der Bepflanzung der Freifläche neben dem Naturmuseum ist ungewöhnlich scharf formuliert. Das Pärklein widerspreche demonstrativ dem Gebot des respektvollen Umgangs mit der Natur, wirft die Umweltorganisation der Stadt, ihrem Hochbauamt und der Gestalterin unter anderem vor.

Insider überrascht diese Kritik nicht wirklich. Der Konflikt zwischen der Bauwirtschaft auf der einen sowie dem Naturschutz auf der anderen Seite hat sich im vergangenen Jahrzehnt Schritt für Schritt aufgebaut. Die Frage unter Naturbewegten war nicht, ob es zur Konfrontation kommen würde. Die Frage war vielmehr, aus welchem Anlass das geschehen und bei welcher Naturorganisation zuerst der Geduldsfaden reissen würde.

Im Kern des Konflikts steht das unterschiedliche Naturverständnis von Architekten und Ökologen. Wenn Architekten und Planer von Natur reden, meinen sie im besten Fall (so wie neben dem Naturmuseum) einen schönen, spektakulären grünen Rahmen für ihre Gestaltungsideen. Da stehen nicht natürliche Zusammenhänge im Vordergrund, sondern das Design. Wenn hingegen Ökologen von Natur reden, meinen sie funktionierende Ökosysteme, Biodiversität (also natürliche Vielfalt), Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Diese Stadtnatur ist alltäglich, unauffällig und nur im Einzelfall wirklich spektakulär.
Echte Naturnischen werden von Laien oft nicht einmal als solche wahrgenommen. Was für die Stadtnatur und ihren Erhalt ein zentrales Problem ist. Naturnischen sind nicht durchgestylt, wirken in den Augen vieler Zeitgenossen sogar unaufgeräumt und lösen bei den lieben Nachbarn manchmal Kritik aus. Viele, die versuchen, in der Stadt naturnah zu gärtnern, können ein Liedchen davon singen. Auch Stadtgrün St. Gallen (wie das Gartenbauamt heute heisst) hatte angesichts zwar prächtig blühender, aber etwas wild wirkender Blumenrabatten schon negative Reaktionen.

Dass sich der Konflikt jetzt an der Bepflanzung des Pärkleins neben dem Naturmuseum entzündet, ist nachvollziehbar: Wo, wenn nicht neben dem Naturmuseum, dürfen wir Natur erwarten? Optisch wirkt der langsam erblühende Freiraum zwar gelungen. Davon konnte man sich am vergangenen Sonntag auf einer Führung mit der dafür verantwortlichen Landschaftsgestalterin überzeugen. Bezüglich der ökologischen Vielfalt darf man aber Fragezeichen setzen, so wie das Pro Natura tut. Diesbezüglich kann man im neuen Pärklein sicher noch etwas herausholen. Was durchaus willkommen wäre, wenn man bedenkt, dass für die Neugestaltung grosse Bäume geopfert werden mussten.

In der Stadt müssen beide Modelle Platz haben: das durchgestaltete Grün als Fortsetzung eines architektonischen Wurfs genau so wie Trittsteine für die Natur. In dem Sinn hat sich Pro Natura vielleicht ein problematisches Objekt für seine Kritik ausgesucht. Es gäbe in St. Gallen viele 08/15-Umgebungsgestaltungen, die unter ökologischen Gesichtspunkten die scharfe Kritik eher verdient hätten – gar nicht zu reden von einigen offensichtlich naturfeindlichen Gartenformen. Hinterfragen könnte man als Naturorganisation und Gegengewicht zu kleinkarierten Nachbarn auch ab und zu, wie weit das Styling und das Pützeln in öffentlichen Anlagen gehen soll. Das Verdienst von Pro Natura ist, mit der lautstarken Kritik am Museumspärklein wieder einmal ein grundsätzliches Problem der Stadtnatur ins Bewusstsein gerückt zu haben.


Reto Voneschen
reto.voneschen@tagblatt.ch

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