Theater
Verkleiden lassen und Bäume einkleiden: Die Wittenbacherin Heidy Bosshard ist seit 35 Jahren Statistin am Theater St.Gallen

Die Wittenbacherin Heidy Bosshard erzählt von ihren Statistenrollen am Theater St.Gallen. Und wenn sie sich gerade nicht einkleiden lässt, dann legt sie Bäumen und Laternen ein Gewand an.

Rita Bolt
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Heidy Bosshard an einem ihrer Lieblingsplätze im Garten.

Heidy Bosshard an einem ihrer Lieblingsplätze im Garten.

Bild: Rita Bolt

Heidy Bosshard kann sich noch sehr gut an ihren ersten Auftritt auf der Bühne des Theaters St.Gallen erinnern. Auf dem Programm stand die Oper «Don Giovanni» von Wolfgang Amadeus Mozart. Sie hat ein langes blaues Kleid getragen. Sie kann sich auch an die wohl schönste Rolle als Statistin erinnern. «Wiener Blut», die bekannte Operette von Johann Strauss. «Ich trug ein weich fliessendes weisses Kleid. Wir durften Walzer tanzen», erinnert sich die Statistin.

Ihr letzter Auftritt für diese Saison war an den Festspielen im Klosterhof Anfang Juli: Es war nur ein kleiner Auftritt am Schluss der Verdi-Oper «Giovanna d’Arco». Für die nächste Theatersaison sind ihre Einsätze noch nicht bekannt. «Im Gegensatz zu früher müssen Statisten heute auch an einem Casting teilnehmen», erklärt sie.

Heidy Bosshard ist seit 35 Jahren Statistin am Theater St.Gallen. Eine leidenschaftliche Statistin. «Ich habe mich schon immer gerne verkleidet», sagt die Wittenbacherin, die in Arbon aufgewachsen ist. Sie habe schon als kleines Mädchen gerne Kostüme getragen und an der Fasnacht mitgemacht. «Ich war nie eine Prinzessin, sondern habe immer gerne schrullige Gestalten gespielt», sagt sie. In «Salomé», einer Oper von Richard Strauss beispielsweise, hat sie als Statistin eine Tote verkörpert. Sie zeigt das Foto – gruselig.

Viele Lieblingsplätze rund ums Haus

Heidy Bosshard wohnt mit ihrem Mann Walter in einem hübschen Häuschen in Wittenbach. Rund um das Haus hat sie Lieblingsplätze gestaltet. Zwei liegen oberhalb des Pools, den hauptsächlich Walter Bosshard benutzt; ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen ist an einem schattigen Plätzchen auf der Seite des Hauses eingerichtet und ein weiteres ist hinter dem Haus beim Hochbeet. «Hier geniesse ich die kalte Ovi am Morgen», sagt die 70-plus-Frau. Sie und ihr Mann haben das Anwesen 1988 gekauft und in eine Wohlfühloase verwandelt.

Bevor sie in Wittenbach sesshaft geworden sind, haben Bosshards drei Jahre in Australien gelebt. Dort ist auch Tochter Sachas zur Welt gekommen. Heidy hat in einer Apotheke gearbeitet, Walter war Vorarbeiter. «Australien ist meine zweite Heimat», sagt die quirlige Frau. «Es war eine wahnsinnig schöne Zeit.»

Aufregende Zeiten erlebt sie auf der Theaterbühne: Die Statistin erinnert sich an viele Rollen und zählt einige auf: Hausmädchen in «Maria Stuart», Spanierin in «Kiss Me Kate», Nonne in «Mona Lisa», Hure in «Faust», zusammen mit anderen als Volk in Pippi Langstrumpf. In «Cavalleria Rusticana», einer Festspielproduktion, trugen die Statistinnen weisse wehende Kleider und einen prunkvollen gold-weissen Kopfschmuck. Über eine grosse Treppe seien sie nach unten geschritten, in der Tragikomödie «Das weite Land» dagegen vom Orchestergraben von unten auf die Bühne gekraxelt.

Die Statisten hatten ihren vorläufig letzten Auftritt in «Black Rider» – dann kam Corona und die Statisten wurden gestrichen. Um trotzdem auf der Bühne zu stehen, hat sich Heidy Bosshard als Beleuchtungsstatistin eingeschrieben. Sie steht dort, wo im Stück die Darsteller stehen, und die Beleuchtung wird eingestellt. Da steht man im wahrsten Sinne des Wortes im Rampenlicht, aber kein Publikum applaudiert.

Richtige Rollen mit Text spielte sie bei der Theatergruppe «uu-verchlemmt» in Bernhardzell: «Ich bin nicht so gut im Text-auswendig-Lernen», verrät Heidy Bosshard. Deshalb habe sie es nie gereizt, eine Schauspielausbildung zu machen. Im Gegensatz zu ihrer Tochter: Sachas war ebenfalls Statistin am Theater St.Gallen, stand sogar mit ihrer Mutter gleichzeitig auf der Bühne, spielte ebenfalls bei «uu-verchlemmt» mit und absolvierte eine dreijährige Schauspielausbildung. Sohn Cédric wirkte achtjährig als junger Herr in einem Stück mit.

Stricken, tanzen und golfen

Die Theaterbühne, ein grosses Hobby von Heidy Bosshard, bei dem sie in Rollen schlüpft und schon von vielen Kostümbildnerinnen und -bildnern eingekleidet wurde. Sie liebe es, sagt sie, schlägt ihre Beine übereinander und zeigt auf ein anderes grosses Hobby: auf die Bäume und Laternen in ihrem Garten. Sie «kleidet» ihre Bäume und Laternen, den Briefkasten des Nachbarn, die Pfähle beim Quartier-Wendeplatz und vieles mehr mit Gestricktem ein. Sie ist eine der Frauen, die 2020 die Bäume in Arbon eingestrickt haben. «Es war ein grosser Erfolg», erzählt sie mit einem Lächeln. Jeden Donnerstag trifft man sie im Strickcafé in Arbon.

Fingerfertigkeit braucht sie nicht nur beim Stricken: Sie spielt noch in einem Flötenensemble mit acht Frauen. Noch etwas macht sie leidenschaftlich gern. Tanzen und Linedance: «Ich war schon immer ein ‹Tanzfüdli›.» Vermutlich wird man die Wittenbacherin in der nächsten Theaterspielzeit wieder verkleidet auf der Bühne als Statistin sehen oder auf dem E-Bike oder Golfplatz Waldkirch – nicht verkleidet.