Umstrittenes Bauprojekt am St.Galler Mühlensteg: Rekurrenten geben auf

Die 17 Wohnungen am Mühlensteg 8 können gebaut werden. Die Rekurrenten geben auf. Sie haben ihre finanzielle Limite erreicht.

Diana Hagmann-Bula
Hören
Drucken
Teilen
Hanspeter Egloff hat den Rekurs zurückgezogen, die Transparente lässt er aber hängen. «Für meine Verarbeitung», sagt er. Aber nicht nur.

Hanspeter Egloff hat den Rekurs zurückgezogen, die Transparente lässt er aber hängen. «Für meine Verarbeitung», sagt er. Aber nicht nur.

Bild: Michel Canonica

Enttäuscht ist er. Die Transparente vor dem Haus der Stockwerkeigentümergemeinschaft sind nur ein kleines Zeichen für das grosse Gefühl. Zwei Jahre lang hat Hanspeter Egloff mit seiner Frau Anita Lötscher und Richard Hirzel, bekannt als Clown Pic, den geplanten Neubau am Mühlensteg 8 bekämpft. Ein Haus mit 17 Wohnungen ist dort vorgesehen. «Damit wird der öffentliche Blick auf die südliche Altstadt, den Stiftsbezirk mit dem Gallusrelief verbaut und zerstört», ist Egloff noch immer überzeugt.

Unterdessen aber haben sie aufgegeben. Vor Weihnachten zogen sie den Rekurs zurück. Aufgrund von Gegenstandslosigkeit abgeschrieben, heisst es beim Kanton.

Der St.Galler Anwalt Christoph Bürgi – er hat die Rekurrenten vertreten – sagt:

«In der Sache sind Rekurrenten und Bauherrschaft nach wie vor unterschiedlicher Auffassung, sie haben sich aber punkto Verfahren geeinigt»

Kritik an St.Galler Stelle

Sogar nach Paris hatte Egloff seine Petition, unterschrieben von 829 Gleichgesinnten, geschickt. Doch Icomos, der internationale Rat für Denkmäler, war der gleichen Meinung wie die Stadt St.Gallen: Nicht das neue Gebäude stört die Harmonie des städtischen Kontexts, sondern die Lücke, die jetzt besteht. Die Auswirkungen des Projekts auf die Sicht? Vernachlässigbar. Die Baubewilligungskommission hatte das Projekt von Beginn weg anders als Egloff beurteilt: «Damit wird eine bestehende Baulücke in anspruchsvoller baulicher Umgebung ortsbaulich und gestalterisch überzeugend geschlossen», so das Gremium. Das Gelände zählt zum geschützten Ortsbild Mülenen.

Sie hatten sich gegen den Neubau gewehrt: (v.l.) Richard Hirzel, Anita Lötscher und Hanspeter Egloff.

Sie hatten sich gegen den Neubau gewehrt: (v.l.) Richard Hirzel, Anita Lötscher und Hanspeter Egloff.

Bild: Seraina Hess

Egloff informiert mit seinen Plakaten an jener Stelle über das Scheitern, wo die Unterschriften zusammengekommen sind. Vor seinem Haus. An keiner anderen Stelle in der Stadt sei das Gallusrelief so gut ersichtlich. «Touristen staunen hier immer wieder über den Anblick und halten ihn mit der Kamera fest», sagt Egloff. Der 66-Jährige hatte Icomos aufgefordert, es den Besuchern aus dem Ausland gleich zu tun. Und mit ihm an dieser Stelle die einmalige Aussicht «zu würdigen». Den städtischen Denkmalpfleger Niklaus Ledergerber wollte Egloff auf «einem Abendspaziergang» an den Mühlensteg 8 führen. Weder ein Vertreter aus Paris noch Ledergerber sind der Einladung gefolgt. Der pensionierte Psychomotoriktherapeut sagt:

«Eine unabhängige Einschätzung aus Paris habe ich mir gewünscht. Zurückgekommen ist nur eine Antwort, die auf Ledergerbers Einschätzung basiert.»

In seiner Antwort an die internationale Stelle wirft er dem Denkmalpfleger Befangenheit vor. «Das Problem liegt in der Multifunktionalität von Niklaus Ledergerber. Im vorliegenden Fall ist er gleichzeitig Berater der Bauherren und der städtischen Baubewilligungskommission. Zudem ist er mitverantwortlich für die Fachgruppe Erbe des Vereins Weltkulturerbe Stiftsbezirk St.Gallen und darüber hinaus Präsident von Icomos Schweiz.» Als Rekurrent sowie als Petitionär habe er da keine Chance gehabt. Ledergerber kontert:

«Nicht die Denkmalpflege, sondern die Stadtplanung, respektive der Sachverständigenrat, hat die Bauherrschaft beraten. Und bei der Stellungnahme von Icomos Schweiz bin ich in den Ausstand getreten.»

Das Bundesamt für Kultur als Oberaufsicht über das Schweizer Welterbe habe das Projekt gleich beurteilt wie er.

«Wir hatten uns beim Rekurs eine finanzielle Grenze gesetzt. Die ist nun erreicht», sagt Egloff. Auch auf der Homepage zur Petition verkündet er, dass das Vorhaben erfolglos geendet hat. Darunter steht ein Zitat des Zen-Meisters Kodo Sawaki: «Sieg und Niederlage sind nichts Endgültiges. Trotzdem weinst du vor Freude, wenn du gewinnst, und vor Schmerz, wenn du verlierst. Wie dumm!» Hat Egloff nur für die öffentliche Sicht und nicht auch für seine eigene gekämpft? «Kein bisschen, wir wohnen im zweiten Stock und werden über das Gebäude hinaus blicken können», sagt er. Und beginnt dann zu kritisieren:

«Die Wohnungen sind zwar für ältere Leute vorgesehen, landen am Schluss aber bestimmt auf dem Online-Zimmervermittler.»

So sei es im Nebengebäude geschehen, das ebenfalls der Winterthurer Bolli Treuhand AG gehört. Studenten hätten einziehen sollen, nun befinden sich auf zwei Geschossen Appartements, die tage- oder wochenweise vermietet werden. Auch im Internet.

Transparente als Protestfahnen

Dem Neubau am Mühlensteg 8 steht nichts mehr im Weg. «Die Bewilligung wird nun rechtskräftig. Die Baubewilligungskommission der Stadt hat die Situation also von Anfang an richtig eingeschätzt», sagt Ivan Furlan, Leiter des Amtes für Baubewilligungen.

Und die Touristen? Sie sollen das Gallusrelief in Zukunft von der Brücke über die Mülenenschlucht aus fotografieren, rät die Denkmalpflege. Die Transparente an Egloffs Haus bleiben derweil hängen. «Für meine Verarbeitung.» Aber nicht nur.

Ein Projekt mit Hin und Her

Ein Gebäude mit 17 kleinen Stadtwohnungen soll die Baulücke am Mühlensteg 8 schliessen. Die Wohnungen richten sich gemäss der Bauherrin, der Winterthurer Bolli Treuhand AG, an ältere Menschen, die im Zentrum leben und ohne Auto auskommen wollen. Ein Lift ist vorgesehen. Von Anfang an wehrten sich Anwohner dagegen und legten Einsprache ein. Wegen der Sicht auf den Stiftsbezirk, die verbaut werde, wegen Schattenwurf auf andere Gebäude. Hanspeter Egloff, seine Frau und Richard Hirzel (Clown Pic) zogen den Fall weiter ans kantonale Baudepartement. Im Rahmen des Rekursverfahrens teilte der Kanton der Stadt mit, sie hätte die kantonale Denkmalpflege von Beginn weg einbeziehen müssen. Das geschützte Ortsbild Mülenen, zu dem der Mühlensteg 8 gehöre, zähle auch zum Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz und sei deshalb von nationaler Bedeutung. Die Stadt widerrief ihre Bewilligung, holte die Zustimmung des Kantons ein und legte das Bauprojekt erneut auf. Die Stadt bewilligte es abermals, Hanspeter Egloff, seine Frau und Richard Hirzel legten wiederum Rekurs ein. Vor Weihnachten haben sie ihn nun zurückgezogen. Sie hätten ihre finanzielle Grenze erreicht, sagen sie. Grünes Licht für den Neubau am Mühlensteg 8. (dbu)