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Viele leere Wohnungen und tiefe Mieten in St.Gallen: Ein Ranking, zwei Meinungen

In St.Gallen gibt es viele leere, aber auch viele günstige Mietwohnungen. Für den Stadtpräsidenten ist beides ein positives Signal für eine attraktive Stadt. Anders tönt es bei den Hauseigentümern. Dort spricht man davon, dass die Stadt viel Nachholbedarf bezüglich Standortattraktivität habe.
Christoph Renn
Bei Mieterinnen und Mietern punktet die Stadt St.Gallen mit einer grossen Auswahl leerstehender Wohnungen und vor allem mit den tiefsten Mieten der zehn grössten Schweizer Städte. (Bild: Urs Jaudas - 11. August 2013)

Bei Mieterinnen und Mietern punktet die Stadt St.Gallen mit einer grossen Auswahl leerstehender Wohnungen und vor allem mit den tiefsten Mieten der zehn grössten Schweizer Städte. (Bild: Urs Jaudas - 11. August 2013)

Aus Sicht von Mieterinnen und Mietern ist es für einmal positiv, dass sich die Stadt St.Gallen in einer Rangliste auf dem letzten Platz einreiht – hinter Genf, Zürich, Biel oder Lugano. St.Gallen hat unter den zehn grössten Städten der Schweiz die tiefsten Wohnungsmieten. Dies hat eine Studie der Vergleichsplattform Comparis ergeben. Dafür wurden die Mieten in Wohnungsinseraten von Januar 2018 bis Mitte April 2019 analysiert.

In der Einschätzung von Stadtpräsident Thomas Scheitlin ist der letzte Platz in einem Ranking für einmal keine schlechte Position: «Man findet in St.Gallen, in einer Stadt mit sehr hoher Lebensqualität und attraktiven Arbeitsplätzen, gute Wohnungen zu vernünftigen Preisen.»

Diese Aussage lässt Remo Daguati, Geschäftsführer des Hauseigentümerverbandes (HEV) von Stadt und Kanton nicht gelten: «St.Gallen hat zwar viel Potenzial, dieses wird aber nicht ausgeschöpft.» Zu viele Faktoren würden im Moment nicht stimmen, darunter leide die Standortattraktivität.

Interessant, aber nicht wirklich aussagekräftig

Zu viel Bedeutung will Thomas Scheitlin der Comparis-Studie sowieso nicht geben. «Der Vergleich von Mieten in den zehn grössten Städten der Schweiz mag interessant sein. Es ist aber eine isolierte, rein quantitative Betrachtung», sagt er. Für ihn ist das Fazit der Studie klar: «Sie macht deutlich, dass es für Mieterinnen und Mieter sehr vorteilhaft ist, in St.Gallen zu wohnen.»

Wohnungsklingeln in einem grossen Mehrfamilienhaus. (Bild: Benjamin Manser - 4. März 2016)

Wohnungsklingeln in einem grossen Mehrfamilienhaus. (Bild: Benjamin Manser - 4. März 2016)

Die Verfügbarkeit von gutem Wohnraum in jeglicher Grösse zu vernünftigen Preisen sei ein positives Signal. Deshalb sei es attraktiv in St.Gallen zu wohnen, in einer Stadt mit hoher Lebensqualität, attraktiven Bildungsangeboten, spannenden Arbeitsplätzen und raschen ÖV-Verbindungen in andere Zentren.

Remo Daguati. (Bild: PD - 26. Januar 2018)

Remo Daguati. (Bild: PD - 26. Januar 2018)

Auch in dem Punkten widerspricht ihm Remo Daguati. Verglichen mit den anderen Städten, so wertet Thomas Scheitlin positiv, würden die Kosten fürs Wohnen in St.Gallen einen kleineren Teil des Haushaltsbudgets beanspruchen. Das habe beachtliche Vorteile, insbesondere für Familien, junge Paare oder Singles. «Vom Haushaltsbudget bleibt mehr übrig für Freizeit, Ausbildung oder Ferien.»

Tiefe Mieten wegen fehlenden Jobs?

Die Studienverfasser von Comparis begründen die tiefen Wohnungsmieten unter anderem mit dem mangelnden Jobangebot. «Der Schlussfolgerung widerspreche ich deutlich», sagt Thomas Scheitlin. Aus einem Mietzinsvergleich die Qualität von Jobangeboten abzuleiten, sei schlicht fragwürdig.

«Es gibt im Umfeld der Stadt Gemeinden mit viel höheren Mieten, in denen im Vergleich zur Stadt kein oder nur ein kleines Jobangebot besteht.» In diesen Gemeinden liege der Schwerpunkt beim Wohnen, während die Stadt vor allem auch Wirtschaftsstandort sei.

Kritik an der Standortqualität zurückgewiesen

Thomas Scheitlin lässt auch den Schluss der Studienverfasser von Comparis nicht gelten, dass die tiefen Wohnungsmieten ein Hinweis auf eine geringere Standortattraktivität von St.Gallen seien. «Aus Wohnungsinseraten die Attraktivität einer Stadt abzuleiten, ist nicht zulässig und greift viel zu kurz. Allein die Tatsache, dass die durchschnittliche Wohnfläche pro Person bei uns höher ist als in vielen anderen Städten, zeigt mit, dass St.Gallen ein attraktives Wohnangebot hat», sagt Thomas Scheitlin.

Stadtpräsident Thomas Scheitlin. (Bild: Ralph Ribi - 27. August 2018)

Stadtpräsident Thomas Scheitlin. (Bild: Ralph Ribi - 27. August 2018)

Zudem zeige die Entwicklung der Zahl der Arbeitsplätze in der Stadt ebenfalls, dass sie attraktiv sei. So seien in St.Gallen während der vergangenen Jahre mehrere tausend Arbeitsplätze geschaffen worden. «Gerade im IT-Bereich haben wir mit unserem IT-Cluster sehr gute Jobangebote. Zudem besteht mit dem Startfeld ein Innovationsnetzwerk, das unter anderem für viele Start-ups interessant ist.»

Bei dem Thema kommt der Stadtpräsident aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: Die wachsenden Pendlerströme sind für Thomas Scheitlin Zeugnis für einen guten Wirtschaftsstandort. «St.Gallen ist das wirtschaftliche Zentrum einer ganzen Region.»

Wohnungen der Stadt ohne Einfluss auf Resultat

Als möglichen Grund für die tiefen Wohnungsmieten in der Stadt nennt die Comparis-Studie, dass in St.Gallen relativ viele Wohnungen von der Stadt zu fairen Konditionen vermietet werden. Dies könne sich aufs Ergebnis niedergeschlagen haben.

«Die Stadt ist als Vermieterin natürlich bemüht, faire, aber auch marktgerechte Mieten zu verlangen», sagt Thomas Scheitlin. Der Anteil des stadteigenen Wohnraums am gesamten Wohnungsmarkt sei aber zu gering, um marktbeeinflussend zu wirken.

Remo Daguati: «Wohnungen für Familien fehlen»

Die tiefen Mietzinsen sind für Remo Daguati, Geschäftsführer des Hauseigentümerverbands (HEV) Stadt und Kanton St.Gallen, ein klares Indiz dafür, dass die Stadt in verschiedenen Themenbereichen Nachholbedarf hat. Dies habe auch eine Studie gezeigt, die lokale Wirtschaftsverbände in Auftrag gegeben hätten.

So gebe es Mängel in den Bereichen Verkehr, Finanzen, Wohnungsbau und Standortattraktivität. Ihre Kombination führe in der Stadt St. Gallen schliesslich zu den tiefen Mieten. So verliere die Stadt ausgerechnet bei den Unternehmensdienstleistungen Beschäftigungsanteil, sagt Daguati. «Es ist verrückt, dass die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Wirtschaftssektor in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen ist.»

In St.Gallen wachse lediglich der Verwaltungsbereich. «Eine solche Entwicklung gibt es in keiner anderen Stadt der Schweiz.» Es gebe aber bereits verschiedene Projekte, die das ändern sollen. «IT-Rockt oder die Pläne fürs Platztor bergen grosses Potenzial.»

In der Stadt gibt es viele veraltete Liegenschaften

Im Gegensatz zur Aussage von Thomas Scheitlin zeigt die Studie für Remo Daguati, dass in St.Gallen Wohnraum für junge Familien und Akademiker, Paare wie Singles, fehlten. «Für diese Segmente gibt es in der Stadt kein attraktives Angebot.» Gäbe es mehr Wohnungen für diese Gruppen, würden Personen daraus auch vermehrt in die Stadt zügeln.

Zudem sei der Anschluss an den öV nicht optimal. «Die Stadt muss dringend das S-Bahn-Problem lösen», fordert Remo Daguati. Und in St.Gallen seien noch immer zu viele mit dem Auto unterwegs.

Die Stadt steht für Daguati vor weiteren Herausforderungen: «Insgesamt haben hier rund 70 Prozent der Gebäude ein Baujahr vor 1970. In der Regel genügen Gebäude aus dieser Zeitperiode nicht mehr den heutigen Anforderungen hinsichtlich Energiestandards und Grundrissen. Es wird die Aufgabe der Zukunft, diesen Altbestand in moderne Wohnungen umzuwandeln und dabei gesellschaftliche wie wirtschaftliche Ziele zu beachten.» Das sei politisch ein schwieriges Thema. (ren)

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