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Unbezahlbare Erinnerungen: Weshalb Robert Adolf aus Thal bei sich daheim rund 200 FCSG-Matchplakate hortet

Der FC St.Gallen hängt vor seinen Heimspielen keine Matchplakate mehr auf. Dies zum Bedauern von Robert Adolf. Der 61-Jährige aus Thal hat rund 200 Exemplare zu Hause. Sie erinnern ihn an berührende Geschichten auf und neben dem Spielfeld.
Daniel Walt

Wer die Wohnung von Robert Adolf betritt, kommt ins grünweisse Königreich. Ungezählte Schätze aus Espenmoos-Zeiten lassen das Herz eines jeden nostalgischen FCSG-Fans höher schlagen. Hier ein Matchprogramm aus dem Jahr 2006, dort das Mannschaftsposter aus der Saison 1989/90 mit den Chilenen Ivan Zamorano, Hugo Rubio und Patricio Mardones; hier eine Saisonkarte aus den 90er-Jahren, dort ein Zeitungsausschnitt zum grossen 125-Jahr-Jubiläum des Vereins im Jahr 2004.

Herr über all diese Kostbarkeiten ist der 61-jährige Robert Adolf aus Thal. Vor genau 30 Jahren, kurz nachdem er der Liebe wegen in die Schweiz gekommen war, verlor der Deutsche sein Herz ein zweites Mal: an den FC St.Gallen. «Die Stimmung im Espenmoos beim 5:1 in der Auf-/Abstiegsrunde gegen die Old Boys war derart grandios, dass ich sofort zum Fan wurde», blickt er zurück. Ehrensache, dass Adolf das Eintrittsticket zu diesem Spiel bis zum heutigen Tag aufbewahrt hat:

Viele Plakate aus der Espenmoos-Ära entsorgt

Unter den gesammelten FCSG-Reliquien von Robert Adolf befinden sich auch rund 200 Matchplakate. Ein einziges davon stammt aus Espenmoos-Zeiten. Die restlichen Matchankündigungen aus der Vor-Arena-Zeit hat er irgendwann in den 90er-Jahren entsorgt. Seine Ehe war gerade in die Brüche gegangen, Adolf konnte sich zeitweilig nur noch eine Einzimmerwohnung leisten und hatte dementsprechend keinen Platz mehr.

Später, der FC St.Gallen war nach dem Abstieg 2008 soeben vom Espenmoos ins neue Stadion umgezogen, begann Robert Adolf wieder mit dem Sammeln von Matchplakaten. Er bezog sie meistens beim Infopoint in der Shopping Arena, während er zu Espenmoos-Zeiten jeweils in der Nähe des Stadions oder in Restaurants zu den Plakaten gekommen war.

Zu den rund 200 Stück, die Robert Adolf mittlerweile wieder besitzt, werden zu seinem Bedauern keine weiteren mehr dazukommen. Denn wie kürzlich bekannt wurde, hat der FC St.Gallen entschieden, im Zuge der verstärkten Digitalisierung auf Matchplakate zu verzichten.

Das sind Robert Adolfs Lieblings-Matchplakate

Er bedauere den Entscheid des FC St.Gallen, sagt Robert Adolf. Der Verein sei sich vermutlich gar nicht bewusst, was damit verloren gehe. Denn für den 61-Jährigen sind die grossformatigen Plakate, auf denen jeweils für das nächste Spiel geworben wurde, kleine Kunstwerke, die ihn an Tore und Tragödien, an Triumphe und Tränen erinnern:

«Wenn man die Plakate anschaut, kommen viele Erinnerungen auf. Erinnerungen an Dinge, die ansonsten wohl schon lange in Vergessenheit geraten wären.»

Aus der Fülle an Matchplakaten, die Robert Adolf bei sich daheim lagert, hat er fürs «Tagblatt» drei herausgesucht, die ihm persönlich besonders viel bedeuten.

1. Robert Adolfs erster Match nach einem Hirnschlag: FCSG - Servette 2:0, 23.9.2012

«Mitte August 2012 erlitt ich einen Hirnschlag. Ich wollte so rasch wie möglich in den Alltag zurück – und zu diesem gehört der Fussball für mich wie Essen und Trinken. Mein grosses Ziel war es, gegen Servette wieder im Stadion zu sein. Und ich war da.»

2. Der Abschied von Marc Zellweger: St.Gallen - Bellinzona 1:2, 13.5.2010

«Zelli war einer meiner Lieblingsspieler. Er hat immer Einsatz gezeigt. Der FCSG muss nicht wie Barcelona spielen. Er muss kämpfen, sodass die Zuschauer richtig mitgehen können.»

3. Als das Stadion bebte: St.Gallen - Basel 2:1, 4.10.2014

«Die Atmosphäre bei diesem Spiel war speziell – das St.Galler Publikum zeigte, wozu es fähig ist. Als Albert Bunjaku in der 93. Minute zum 2:1 traf, bebte das Stadion.»

«... dann vergesse ich Zeit und Raum»

Welche Periode aus seiner mittlerweile 30-jährigen Karriere als FCSG-Fan ist Robert Adolf am besten in Erinnerung? Der 61-Jährige muss nicht lange überlegen: Der Herbst 1989, als die Espen mit Zamorano, Rubio & Co. zum Wintermeistertitel stürmten, sei einzigartig gewesen, sagt Adolf. Grundsätzlich ist es dem Deutschen allerdings egal, wie der FC St.Gallen spielt – seiner Leidenschaft für Grünweiss tun auch Misserfolge keinen Abbruch, wie er sagt:

«Wenn ich weiss, dass ich an ein Spiel des FC St.Gallen gehen kann, vergesse ich Zeit und Raum.»

Mit der Videokamera unterwegs

Robert Adolf ist nicht nur ein begeisterter Sammler von allen Dingen, die mit dem FC St.Gallen zu tun haben: Seit Jahren fängt er die Stimmung an den Heimspielen der Ostschweizer mit seiner Videokamera ein. Die entsprechenden Zusammenschnitte veröffentlicht er jeweils auf Youtube:

Zu seinen Videodrehs animiert Robert Adolf derselbe Antrieb, der ihn auch die unterschiedlichsten FCSG-Kostbarkeiten zusammentragen lässt. Es geht dem 61-Jährigen darum, das Fansein nicht nur während der Spiele voll auszukosten , sondern Erlebnisse und Emotionen fassbar zu machen, sie zu verewigen.

In Gefangenschaft geboren

Die Gegenwart geniessen, aber das, was war, nicht vergessen: Dieses Prinzip hat sich Robert Adolf auch in seinem Leben fernab des FCSG-Stadions zu eigen gemacht. Der 61-Jährige ist dankbar für alles Gute, das er bisher erleben durfte. So bezeichnet er seinen erwachsenen Sohn beispielsweise als das Wertvollste für ihn überhaupt. Bis an sein Lebensende präsent bleiben ihm aber auch die dunklen Seiten seiner Familiengeschichte: die grossen Tragödien abseits der letztlich unbedeutenden Niederlagen der St.Galler Fussballer.

Robert Adolfs Vater, ein Mitglied der deutschen Wehrmacht, wurde im Zweiten Weltkrieg in Stalingrad von den Russen gefangen genommen. Nach dem Krieg lernte er, immer noch in Gefangenschaft, eine Köchin aus Rumänien kennen, die im Lager arbeitete. Die beiden heirateten und bekamen fünf Kinder – Robert Adolf ist das jüngste von ihnen. 1960 dann kam die Familie frei und durfte nach Deutschland ausreisen. Ein neues Leben begann – allerdings eines, das alles andere als einfach war. Robert Adolf blickt zurück:

«In Russland waren wir die Nazis gewesen. In Deutschland waren wir nun die Russen.»

Guter Kontakt zu den Anhängern

Auch Robert Adolfs Start in der Schweiz im Jahr 1989 verlief nicht einfach. Wenn jemand Deutscher sei und auch noch Adolf heisse, habe er es hierzulande nicht leicht, blickt der 61-Jährige zurück. Trotzdem: Der Mann biss sich durch – und erlebte in seinem ersten Match im Espenmoos die angeblich so zurückhaltenden, rationalen Schweizer von einer ganz neuen Seite: emotional, unkontrolliert, überbordend.

Auch wegen seiner Videodrehs pflegt Gegentribünen-Besucher Robert Adolf einen guten Kontakt zu vielen Anhängern, die sich im Espenblock aufhalten. Er bewundert die St.Galler Anhänger für ihre Leidenschaft und ihre Kreativität in Sachen Choreos, mit denen die Fans immer wieder auftrumpfen:

Eine Choreographie der St.Galler Anhänger im Herbst 2017. (Bild: Keystone)

Eine Choreographie der St.Galler Anhänger im Herbst 2017. (Bild: Keystone)

Eine dezidierte Meinung hat der 61-jährige Robert Adolf zum Thema Gewalt rund um Fussballspiele:

«Da hört für mich der Spass auf.»

Die Vergangenheit Deutschlands und die schwierigen Umstände, in die er hineingeboren wurde, sind Robert Adolf Warnung genug für das, was Extremismus und Gewalt in einer Gesellschaft anrichten können.

Er würde nie eins seiner Plakat verkaufen

Rund 20 Plakate aus dem neuen Stadion fehlen Robert Adolf in seiner Sammlung, unter anderem jene der Europa-League-Heimpartien gegen Valencia und Swansea. «Die würde ich schon gerne haben», sagt er. Aktiv auf die Suche danach geht Robert Adolf aber nicht – so versessen darauf sei er auch wieder nicht, sagt er.

Handkehrum würde er die Plakate, die er jetzt hat, nie mehr entsorgen. Und auch nicht verkaufen. Dies, obwohl jenes für den Match St.Gallen – Spartak Moskau vom Sommer 2013 im Internet mittlerweile für 17 Euro gehandelt wird. Denn Robert Adolf weiss: Grünweisse Emotionen – und die Erinnerungen daran – sind unbezahlbar.

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