Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Happige Vorwürfe: Untergräbt ein Chefarzt die Therapie am Kantonsspital St.Gallen?

Ein Chefarzt des Kantonsspitals St.Gallen soll seine Patienten zur Nachbehandlung an externe Therapeuten überweisen – und das interne Zentrum boykottieren. Die Spitalleitung hat keine Zahlen. Nun muss der Arzt Buch führen.
Regula Weik
Röntgenbild beider Hände. (Bild: Getty)

Röntgenbild beider Hände. (Bild: Getty)

42 Muskeln, 27 Knochen. Die Hand ist sein Gebiet. Da kennt er sich aus. Nicht nur ein bisschen. «Wir machen richtig gute Arbeit», sagt Jörg Grünert. Seit 18 Jahren ist er am Kantonsspital St.Gallen tätig. Kritik an seiner Arbeit habe es nie gegeben, sagt der Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Wiederherstellungschirurgie.

Doch nun ist er spitalintern unter Druck geraten. Nicht wegen seiner chirurgischen Tätigkeit. Vielmehr wegen der Nachbehandlungen. Grünert soll seine Patienten an ein privates Therapiezentrum überweisen – und damit das spitalinterne Zentrum für Ergo- und Physiotherapie diskreditieren.

Ein pikantes Detail, das die Debatte über das Verhalten des Chefarzts befeuert: Leiterin des externen Spezialistenteams ist seine Ehefrau. Sie war als Ergo- und Handtherapeutin am Kantonsspital tätig gewesen, hat vergangenes Jahr gekündigt und sich selbstständig gemacht. Ihr Therapiezentrum befindet sich in Fussdistanz zum Kantonsspital; es wurde im Herbst eröffnet.

«Unglücklich» mit der aktuellen Situation

«Ich und mein Team stehen extrem unter Druck», sagt der beschuldigte Chefarzt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er mit der aktuellen Situation am spitaleigenen Zentrum für Ergo- und Physiotherapie «unglücklich» ist. Sein oberstes Gebot sei die Qualität der Behandlung. Und diese sei momentan für «komplexe, schwierige Fälle» nicht gegeben.

Auf die Frage, ob er deswegen aktiv für externe Angebote werbe, schüttelt er den Kopf: «Das stimmt nicht.» Wie erklärt er sich die Gerüchte, wonach 95 Prozent seiner ambulanten Patienten im Zentrum seiner Frau therapiert werden? «Ich schreibe Verordnungen für Therapien. Ich mache weder explizite Zuweisungen noch konkrete Empfehlungen», betont Grünert. Es gebe ganz, ganz seltene Ausnahmen – «wirklich besondere Fälle mit erhöhten Anforderungen an die Nachbehandlung für die es in der Ostschweiz keine Alternative gibt». Er kämpfe einzig für eine gute, therapeutische Arbeit. «Ich mache das nicht aus Geldgier.» Er sei an der Praxis nicht beteiligt. Grünert ärgert sich, dass er nun in dieselbe Ecke gestellt werde wie «die Spesen-Professoren der HSG».

«Ich mache weder explizite Zuweisungen noch konkrete Empfehlungen.»

«Bewusst gemieden, gar boykottiert»

Öffentlich geworden ist der Streit durch einen politischen Vorstoss im Kantonsparlament. Das Zentrum für Ergo- und Physiotherapie am Kantonsspital werde durch einzelne Kliniken «bewusst gemieden, gar boykottiert», heisst es darin. Die Regierung hält in ihrer Antwort fest: «Aktuell ist keine ungerechtfertigte Zusammenarbeit mit spitalexternen Leistungserbringern zu erkennen.»

Die Antwort macht stutzig: Aktuell nicht? Früher schon? Recherchen unserer Zeitung zeigen: Auslöser der politischen Anfrage ist Chefarzt Grünert. Weiter zeigt sich: Am Zentrum für Ergo- und Physiotherapie ist es zu einer ganzen Reihe von Kündigungen gekommen. Innert weniger Monate kehrten alle sieben Handtherapeuten dem Kantonsspital den Rücken.

Nun muss der Chefarzt Statistik führen

Daniel Germann, Direktor und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Kantonsspitals St.Gallen, bestätigt die Abgänge. Die Gründe dafür kenne er nicht. Und ja, es stimme, dass fünf ehemalige Mitarbeitende in unmittelbarer Nachbarschaft eine eigene Praxis eröffnet hätten. Was sagt er zum Vorwurf, der Chefarzt überweise die grosse Mehrzahl seiner ambulanten Patienten dorthin? Davon gehe er nicht aus, antwortet Germann. Genaueres lasse sich nicht sagen. «Wir haben dazu keine Zahlen verfügbar.»

Das soll sich nun ändern: Chefarzt Grünert wurde Anfang Monat von der Geschäftsleitung angewiesen, Statistik zu führen – wie viele Patienten benötigen eine Handtherapie, wie viele werden intern zugewiesen, wie viele extern und wie vielen wird explizit das neue Therapiezentrum empfohlen. Empfindet der Chefarzt dies als Schikane? «Das ist möglich», sagt Germann. Er glaube es aber nicht. «Seine Reaktion war positiv.»

Ist die spitaleigene Therapie in Gefahr?

Ist das Handteam am Kantonsspital nach den zahlreichen Abgängen und der nahen Konkurrenz gefährdet? Germann verneint nicht grundsätzlich: «Die Gefahr besteht.» Die Geschäftsleitung habe sich intensiv mit der Situation auseinandergesetzt und sich für den Aufbau eines neuen Teams entschieden.

«Wir setzen alles daran, die Vakanzen durch geeignete Fachkräfte zu ersetzen.»

Noch sei man nicht soweit. Ziel sei, das Handteam bis Ende Jahr zu stabilisieren und dann – auch auf Basis der neu erhobenen Zahlen – über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Der Spitaldirektor verschweigt nicht: «Qualitativ stehen wir heute noch nicht dort, wo wir gerne wären. Und auch nicht dort, wo wir vor der Kündigungswelle waren. Handtherapeuten sind gesucht.» Bis Ende 2020 soll das Knowhow aber wieder aufgebaut sein. Ob Strategie und Entscheid der Geschäftsleitung aufgingen, werde sich in den nächsten Monaten zeigen – «sonst müssen wir darauf zurückkommen», so Germann.

Entscheidend dürfte auch das Verhalten des Chefarztes sein. «Er hat sich bereit erklärt, beim Aufbau des neuen Teams mitzuarbeiten», sagt Germann. Hat er Kenntnis davon, dass Grünert vor noch nicht allzu langer Zeit seinen Patienten einen Flyer des neuen Therapiezentrums in die Hand gedrückt haben soll? «Wir sprachen ihn darauf an und teilten ihm den Entscheid der Geschäftsleitung mit, der ihm verbietet, aktiv für private Angebote zu werben.» Hält er sich daran? «Ich vertraue ihm», sagt Germann knapp.

«Wir teilten ihm unseren Entscheid mit, der ihm verbietet, aktiv für private Angebote zu werben.»

Vorschlag des Chefarzts abgelehnt

Grünerts liebste Lösung hätte anders ausgesehen. Er wollte das Handteam aus dem Zentrum für Ergo- und Physiotherapie herauslösen und in die Handchirurgie integrieren. «Wir arbeiteten Hand in Hand, die Resultate bewiesen es», begründet er. Die Geschäftsleitung lehnte dies ab. Die Ausgliederung eines Spezialistenteams widerspreche dem «interdisziplinären Ansatz» des Therapiezentrums, der seit dessen Gründung 2014 grossgeschrieben werde.

Grünert spricht von einem «organisatorischen Fehlentscheid». Er sehe nicht, dass «wir auf dem nun eingeschlagenen Weg das Ziel der Geschäftsleitung erreichen können. Der Markt für Handtherapeuten ist ausgetrocknet». Offen sagt er: Er sei «enttäuscht», dass die Geschäftsleitung sein Anliegen nicht hören wollte. «Ich brauche aus fachlichen Gründen spezialisierte Therapeuten.» Das heutige Credo von Geschäftsleitung und Therapiezentrum – «wir können das, wir brauchen keine Spezialisten» – bereite ihm Mühe.

Nachdem Spitaldirektor Germann eben noch erklärt hatte, Grünert trage das neue Konzept mit, verwundert dessen offene Kritik. Darauf angesprochen, sagt der Chefarzt: Er sei gefragt worden, ob er bereit sei, ein neues Handteam am Spital aufbauen. Dazu habe er ja gesagt. Er lasse sich «die Qualitätsdebatte aber nicht verbieten, auch wenn ich damit unbequem bin». Offiziell sind sich Chefarzt und Geschäftsleitung einig, doch Ruhe wird am Zentrum für Ergo- und Physiotherapie so rasch nicht einkehren. Zwei neu angestellte Mitarbeitende haben bereits wieder gekündigt. Die Gründe kenne er nicht, sagt Germann.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.